Lade Inhalte...

Amalfiküste in Italien Trügerische Idylle

Die italienische Amalfiküste ist bei Touristen beliebt. Zwar sind weite Teile des Küstenstreifens von Erdrutschen bedroht, aber der Ausbau geht weiter – ohne Bewusstsein für die Gefahr.

Zur Sicherung der Steilhänge dienen auf Terrassen angelegte Zitronenbaum-Kulturen. Aber den meisten ist die Arbeit zu mühselig, die Haine verfallen. Dadurch nimmt die Bodenerosion dramatisch zu. Foto: imago/Peter Widmann

Die asiatischen Touristen schauen neugierig aus den Fenstern des Reisebusses, der langsam zwischen meterhohen Erdhaufen rollt. Steil ragt neben der schmalen Gebirgsstraße ein mit Geröll und ausgerissenen Baumwurzeln übersäter Abhang auf. Auf der anderen Seite klafft der Abgrund.

Die Touristen, Besucher der italienischen Amalfiküste südlich von Neapel, ahnen nicht, dass sie in einem Sperrgebiet unterwegs sind. Die Serpentinenstraße ist eigentlich für den Verkehr geschlossen, nachdem sie vor vier Jahren an mehreren Stellen unter Schlamm und Steinen begraben und nur notdürftig geräumt wurde. Die Durchfahrt ist gefährlich. Aber weil es nur drei Verbindungsstraßen von der Amalfiküste zum Hinterland gibt und sonst zeitraubende Umwege nötig sind, hatten Anwohner recht bald die Barrieren und Warnschilder entfernt, erklärt der zuständige Bürgermeister, der gerade mit Geologen und Journalisten die Erdrutsche besichtigt. Und nun herrscht wieder reger Verkehr.

Die Amalfiküste im Golf von Salerno ist wegen ihrer atemberaubend schönen Panoramen, malerischer Städtchen wie Positano, Amalfi und Ravello und wegen ihrer Zitronen und des Limoncello-Likörs weltberühmt. Schon die antiken Römer bauten hier Ferienvillen, ab dem späten 18. Jahrhunderts kamen Künstler und Intellektuelle auf der Suche nach Inspiration. Richard Wagner war hier, D. H. Lawrence, Walter Benjamin, Greta Garbo. Heute besuchen jedes Jahr fast eine Million Touristen aus aller Welt die Amalfiküste. Seit 1997 gehört der etwa 50 Kilometer lange Küstenabschnitt zum Unesco-Weltkulturerbe.

Doch kaum ein Besucher weiß, dass die Steilküste durch ihre geographische Lage und geologische Beschaffenheit ein Risikogebiet ist. Jedes Jahr gibt es nach heftigen Regenfällen mindestens ein Dutzend Erdrutsche sowie Schlamm- und Gerölllawinen, die Straßen und manchmal ganze Häuser unter sich begraben. Halbe Ortschaften werden überschwemmt.

Das letzte Todesopfer war im September 2010 eine 26 Jahre alte Frau aus Atrani, die während der Arbeit hinter dem Tresen eines Cafés von den Schlammfluten eines Gebirgsbaches ins Meer gerissen wurde. Ihre Leiche fand man knapp einen Monat später hunderte Kilometer südlich nahe der Liparischen Inseln. Die letzte große Katastrophe ereignete sich im Oktober 1954, ebenfalls nach starkem Regen. Damals starben entlang der Küste 350 Menschen.

88 Prozent dieses Landstrichs sind so genanntes hydrogeologisches Risikogebiet, fast hundert Prozent der bebauten Flächen sind bedroht. Dennoch ist der schmale Küstenstreifen dicht besiedelt, auch in den ins Meer mündenden engen Flusstälern und Schluchten sind Hotels, Pensionen, Restaurants, Geschäfte und sogar Tiefgaragen für Autos und Reisebusse gebaut worden, unkontrolliert und ohne Bewusstsein für die Gefahr.

Der Nationalrat der italienischen Geologen schlägt jetzt Alarm. Nach Meinung der Experten unternimmt die Regierung in Rom viel zu wenig, um Bevölkerung und Touristen vor Naturkatastrophen zu schützen, und zwar nicht nur an der Amalfiküste. Dabei sei Italien das Land mit der europaweit größten Gefahr. Und durch Bodenerosion und den Klimawandel nehme das Risiko ständig zu. „Italien hat schon jetzt mit viel zu vielen Todesopfern bezahlt, sagt Ratspräsident Francesco Peduto.

Um auf die Problematik aufmerksam zu machen, veranstalteten die Geologen kürzlich einen landesweiten Kongress in Minori an der Amalfiküste. Ihr Warnruf gilt für ganz Italien. „Wir sind ein geologisch gesehen junges und dynamisches Stück Erde“, sagt Peduto. Dadurch ist das Erdbeben-Risiko hoch. Hinzu kommen vulkanische Aktivitäten an Ätna, Vesuv und den Phlegräischen Feldern. Unter dem schlafenden Supervulkan bei Neapel liegt eine riesige Magmakammer, der Boden in der Umgebung hat sich in den vergangenen zehn Jahren um einen Meter angehoben. Die Phlegräischen Felder gelten Forschern als gefährlichster Vulkan Europas. Nicht zuletzt ist Italien auch von hydrogeologischer Instabilität geplagt, die Geröll- und Schlammlawinen sowie Überschwemmungen mit sich bringt, durch die jedes Jahr aufs Neue viele Menschen ums Leben kommen.

Zwischen dem Brenner und Sizilien sind derzeit in der Datenbank des Nationalen Umweltschutz-Instituts Ispra allein etwa eine halbe Million Erdrutsche und erdrutschgefährdete Berghänge verzeichnet. Damit ballen sich in Europa mehr als zwei Drittel dieser Gebiete auf dem italienischen Stiefel. Auf der Ispra-Karte sind 7,3 Prozent des italienischen Territoriums in den Alarmfarben Gelb bis Rot gekennzeichnet, eine Fläche von insgesamt mehr als 22 000 Quadratkilometern. Mehr als sieben Millionen Italiener leben in hydrogeologischen Risikogebieten.

„Die Amalfiküste gehört zu den roten Flecken mit allerhöchstem Risiko“, sagt der Geologe Peduto. Sein in der Region tätiger Kollege Gerardo Lombardi erklärt das mit der besonderen geologisch-morphologischen Konstellation der bis zu 1400 Meter hohen Lattari-Berge, an deren Meeresseite die früher nur per Schiff erreichbare Steilküste liegt. Das Gebirge besteht aus hartem Kalkgestein, auf dem sich im Lauf der Jahrtausende eine bis zu sechs Meter hohe instabile Schicht von Asche und porösem vulkanischem Bimsstein abgelagert hat, die vom nicht weit entfernten Vesuv herübergeweht wurden. Bims ist so leicht, dass es auf Wasser schwimmt. Wenn es stark regnet, wird die obere Schicht also rasch weggespült. Oder es geraten ganze Berghänge ins Rutschen, weil sich auch hier der Boden immer wieder hebt und senkt.

Zur Sicherung der Steilhänge tragen an der Amalfiküste traditionell die auf schmalen Terrassen übereinander angelegten Zitronenbaum-Kulturen bei. Früher besserten die Bauern die steinernen Trockenmauern gewissenhaft aus, kletterten mit Tragen auf dem Rücken die steilen Hänge auf und ab, nutzten Esel als Transporttiere oder bauten kleine Seilbahnen.

Doch vielen ist heute die Arbeit in den Limonen-Hainen zu mühselig geworden. Die Alten geben auf, oft haben sie keine Nachfolger. Immer mehr Terrassen und Mauern verfallen, der Untergrund droht nach und nach abzurutschen, die Bodenerosion nimmt dramatisch zu. Hinzu kommen die Folgen des Klimawandels auch in Italien. „Bedingt durch die milderen Winter und wärmeren Sommer sind die Niederschläge heftiger und auf kürzere Zeiträume konzentriert“, erklärt die Professorin Elisabetta Erba von der Universität Mailand. Alte Abflussleitungen sind vielerorts überlastet, die zunehmende Erosion verhindert, dass der Regen im Boden versickert.

„Wenn die Entwicklung so weitergeht, könnten Städtchen wie Positano irgendwann ins Meer gespült werden“, warnt der Geologenrat. Er fordert vom Staat Prävention und Aufklärungsarbeit. An der Amalfiküste müsse unter anderem in die Befestigung und den Erhalt der Terrassen investiert werden. Die Zitronen-Bauern müssten dafür staatliche Subventionen erhalten. Zudem müssten bedrohliche Erdrutsch-Gebiete kontinuierlich überwacht werden, etwa mit Drohnen.

Landesweit fehlen aus Sicht der Geologen zudem funktionierende Notfall-Pläne in allen Gemeinden sowie eine genaue Risikoabschätzung. So gebe es bislang keine Pässe zur Erdbebensicherheit von Wohnhäusern und öffentlichen Gebäuden. Vor allem aber fordern die Experten eine Aufklärungskampagne. „Bis zur Hälfte der Opfer von Naturkatastrophen in Italien sterben, weil sie nicht wissen, was im Ernstfall zu tun ist“, sagt Ratspräsident Francesco Peduto. In Genua etwa kamen im Herbst drei Menschen ums Leben, weil sie sich angesichts drohender Überschwemmungen statt in die oberen Stockwerke in die Keller ihrer Häuser flüchteten. „Sie waren dort eingeschlossen wie Mäuse“, sagt Peduto. Schon den Schulkindern müsse beigebracht werden, wie man bei Erdbeben, Erdrutschen und Überschwemmungen zu reagieren hat.

Mehr als 200 Milliarden Euro wurden seit Ende des Zweiten Weltkriegs in Italien für Notfall-Hilfe ausgegeben, anstatt in Vorsorge und Bodensanierung zu investieren. Dabei wäre das viel billiger. „Ein Euro Prävention spart zehn Euro Kosten im Katastrophen-Fall“, sagt Peduto.

An der Amalfiküste, wo die Menschen vom Tourismus leben, haben sich bereits einige Bürgermeister mit den Geologen zusammengetan. Erarbeitet werden soll unter anderem ein Konzept für ein elektronisches Frühwarnsystem, das künftig Einheimische wie Besucher schützen könnte. Die Frage ist nur, ob der italienische Staat es finanzieren wird.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen