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Alt werden Zu beschäftigt, um zu sterben

Die Amerikanerin Hedda Bolgar ist 102 Jahre alt und denkt nicht daran, in Rente zu gehen. Bis heute therapiert die Psychologin Patienten und hält Vorlesungen an ihrem Institut.

09.11.2011 17:21
Susanne Janssen
Hedda Bolgar zusammen mit dem 101-Jahre alten Mazerine Wingate (links). Foto: AFP

Die Amerikanerin Hedda Bolgar ist 102 Jahre alt und denkt nicht daran, in Rente zu gehen. Bis heute therapiert die Psychologin Patienten und hält Vorlesungen an ihrem Institut.

Nur Sekunden nach dem Klingeln öffnet Hedda Bolgar die Tür. Ihre wachen blauen Augen blitzen, wenn sie Besucher begrüßt. Sie trägt ihre schneeweißen Haare modisch kurz, ihre Figur ist so zierlich, wie die einer jungen Frau. Mit schnellen Schritten führte Hedda Bolgar durch ihr kleines Häuschen in Brentwood, bei Los Angeles . Sie wirkt dabei so locker und elegant, wie eine Balletttänzerin. Niemand käme auf die Idee, dass diese Frau mit den vielen Lachfältchen im Gesicht im August ihren 102. Geburtstag gefeiert hat.

Hedda Bolgar bewegt sich nicht nur wie eine 70-jährige, sie ist sogar noch in ihrem Beruf als Psychotherapeutin aktiv. Bis heute kommen Menschen zu ihr, um sich ihr anzuvertrauen. Aus diesem Grund wurde sie vor fünf Wochen von der Organisation „Experimente Work“ als eine der „verdientesten älteren Arbeitnehmer“ der USA ausgezeichnet. Der Preis wird als Gegenbewegung zum Jugendwahn vergeben, um die Verdienste älterer, erfahrener Experten ins Licht zu rücken. Neben Hedda Bolgar hat auch der 101-jährige Mazerine Wingate die Auszeichnung bekommen. Er arbeitet noch heute sechs Tage in der Woche in einer Postfiliale in einer kleinen Stadt im US-Bundesstaat Maryland. Auch er ist ein Senior, der nicht einfach die Hände in den Schoß legen will.

Voller Terminkalender

Ans Rentner-Dasein hatte Hedda Bolgar selbst dann nicht gedacht, als sie mit 65 Jahren eigentlich in den Ruhestand gehen sollte. Weil sie aber nach Jahren der Erfahrung an der Uni mit der Art der Psychologie-Ausbildung in den USA nicht zufrieden war, gründete sie ihr eigenes Psychologie-Institut. Das Wright-Institute ist mittlerweile eine höchst angesehene Kaderschmiede für Therapeuten in den Vereinigten Staaten, eine dem Institute angegliederte Klinik trägt ihren Namen, und immer noch lehrt Hedda Bolgar unermüdlich.

Einen Termin bei ihr zu bekommen ist gar nicht so einfach: „Ich bin viel zu beschäftigt zum Sterben“, scherzt die 102-Jährige, die an einem ganz gewöhnlichen Wochentag ein schlichtes, aber elegantes schwarzes Kleid, eine weiße Bluse und schwarze Ballerinaschuhe trägt.

Die Disziplin und die Fähigkeit, sich immer wieder auf neue Situationen einzustellen, wurden Hedda Bolgar schon in die Wiege gelegt. Die Eltern waren unkonventionelle Intellektuelle und Schweizer Bürger. Der Vater war aktiv in der Arbeiterbewegung, die Mutter eine der ersten Journalistinnen des Landes. Hedda Bolgar wurde in der Schweiz geboren, nach wenigen Wochen aber zog die junge Familie nach Ungarn um – damals, als noch eine andere Weltordnung galt. Hedda Bolgar war fünf Jahre alt, als der Erzherzog von Österreich ermordet wurde. „Der Krieg begann und ich aß Vanille-Eis“, erinnerte sich die 102-Jährige noch heute. Hedda Bolgar wuchs in Budapest und Wien auf. Dort studierte sie ihre Wunschfach Psychologie, verfasste eine Doktorarbeit und wurde Kindertherapeutin. Damals machte sie auch Bekanntschaft mit Anna Freud, der Tochter von Sigmund Freud.

Doch das politische Klima wandelte sich für Bolgar, als die Nazis an die Macht kamen: „Ich war sehr aktiv im Widerstand gegen die Nationalsozialisten“, erinnert sie sich. Nach der Annexion Österreichs wurde es für sie gefährlich – lebensgefährlich.

Im März 1938 beschloss Hedda Bolgar auszuwandern. Zum Glück wurde ihr ein Praktikumsplatz in Chicago angeboten, den sie sofort annahm. Ein Jahr später zogen ihr Verlobter und ihre Mutter ebenfalls in die USA. Über die Jahre hinweg fand Hedda Bolgar immer wieder Arbeit in Forschungsprojekten. Und weil die amerikanische Regierung damals noch viel Geld hatte und psychologische Hilfe für die Soldaten nach dem Zweiten Weltkrieg finanzierte, waren Psychologen wie Hedda Bolgar sehr gefragt. So wurde in ihr die lebenslange Leidenschaft für den Beruf als Therapeutin geweckt. 1956 zog sie deshalb zusammen mit ihrem Mentor nach Los Angeles, wo sie an die zwanzig Jahre Menschen half, ihre Probleme zu bewältigen.

„Alt werden, ist wunderbar“

Im Jahr 1973 änderte sich dann mit einem Mal vieles in dem Leben der Hedda Bolgar. Ihr Mann starb, und sie wurde von der staatlichen Universität in Kalifornien in Rente geschickt. Viel zu früh für die vitale Frau, die sich noch immer mit dem Schwimmen ihrer Bahnen im Swimmingpool fit hält. Sie gründete das Wright-Institute, weil sie hoffte, damit Psychologiestudenten eine bessere Ausbildung zu ermöglichen. An der Universität habe es nur Forschung gegeben, aber keine Arbeit mit Patienten.

Noch immer gibt Hedda Bolgar Vorlesungen an ihrem Institut, und von ihrer Energie können sich viele Jüngere eine Scheibe abschneiden. Ihr Geheimnis? „Alt werden ist etwas Wunderbares, wenn der Körper noch mitmacht und man keine großen finanziellen Probleme hat“, sagt sie. Das Wichtigste sei, immer etwas zu tun: „Lernen Sie eine neue Sprache, suchen Sie sich Hobbys“, rät sie älteren Menschen. Doch noch besser sei es, sich für die Gemeinschaft einzusetzen, auch mit unbezahlter Arbeit: „Das gibt einem das Gefühl, nützlich zu sein, und dann sind die Tage erfüllt.“ Nur fernzusehen und für die Enkelkinder da zu sein, sei nicht genug.

Hedda Bolgar ist weiter neugierig. Die Regale ihres Büros sind voll mit Büchern. Sie selbst arbeitet gerne am Computer – sie war bereits 100 Jahre alt, als sie emailen gelernt hat. Zurzeit arbeitet sie an einer Vorlesungsreihe über Traumaforschung. Langeweile kennt sie nicht. Wenn einer ihrer Patienten, ein 87 Jahre alter Mann, über die Langeweile in seinem Leben klagt, sagt sie nur: „Du liest doch gern, lese Blinden vor, oder helfe Kindern beim Lernen.“ Wer aktiv bleibt, so meint Hedda Bolgar, stirbt nicht so schnell.

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