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Als Kind missbraucht Auf Opas Schoß

Antje Gruber ist als Kind missbraucht worden. Sieben Jahre lang, immer wieder. Jetzt erst kann sie darüber reden. Aber die Taten sind verjährt. Von Christine Keck

10.11.2009 00:11
Christine Keck
Homepage des "Dunkelziffer e.V." Foto: Screenshot

Um zu überleben, hat sie sich schlafend gestellt. Die Augen fest geschlossen, der kleine Körper bewegungslos wie ein Stück Totholz. Kein Wort kommt über ihre Lippen, kein Schluchzen. Sie liegt auf einer aufgeklappten Schaumstoffmatratze, auf der ihr Großvater erst die Rheumadecke ausgebreitet hat, dann das Leintuch, das er danach in die Reinigung trägt, um die Flecken entfernen zu lassen. Die Dunkelheit ist ihre Rettung. Sie will nicht sehen, was nicht sein darf, und hat sogar ihre einzige Verbündete aus dem Zimmer verbannt, die Pudeldame Finni mit ihren schwarzen Knopfaugen. Sie schämt sich vor ihr.

Als der Missbrauch begann, war Antje Gruber, die ihren richtigen Namen nicht nennen will, gerade eingeschult worden. Ein fröhliches Mädchen, blond, mit Zöpfen, aus einer gutbürgerlichen Familie. Sie hat sich ausgezogen, weil ihr Großvater, den sie über alles liebte, es so wollte. Sie erduldete seine Perversionen. Auf der Schaumstoffmatratze in seinem Büro bei Stuttgart, nachts in seinem Schlafzimmer, wo Antje regelmäßig übernachtete. In den Hotels im gemeinsamen Urlaub. Sieben Jahre lang verging sich der heute 97-Jährige an seiner Enkelin, und keiner will etwas davon mitbekommen haben.

"Ich fühlte mich als Mittäterin", erinnert sich Antje Gruber. Nie habe sie sich gewehrt, geschrien. Die 39-Jährige spricht leise, aber entschieden, wenn sie von damals erzählt. "Ich will, dass er endlich bestraft wird", drängt sie und kann nicht fassen, was ihr die Staatsanwaltschaft Stuttgart mitgeteilt hat. Leider sei da nichts mehr zu machen. Bei sexueller Nötigung oder Vergewaltigung eines Kindes liegt die Frist laut deutschem Recht nach Volljährigkeit des Opfers bei 20 Jahren. Antje Gruber hat sich ein Jahr zu spät getraut, den Mann anzuzeigen, der ihr Leben zerstört hat.

Verjährungsfrist bleibt unangetastet

In der Schweiz ist das seit kurzem anders. Mit knapper Mehrheit stimmten die Eidgenossen im November 2008 in einem Referendum dafür, dass Kinderschänder bis an ihr Lebensende nicht vor Strafverfolgung sicher sind. Die ehemalige Bundesjustizministerin Brigitte Zypries versicherte zwar immer wieder, dass man "alles tun muss, um solche Taten zu verhindern", doch die Verjährungsfrist wollte sie nicht antasten. Dabei brauchen Opfer wie Antje Gruber viel Zeit, um eines Tages über das zu sprechen, was sie sprachlos machte.

Erst war es die Angst, den Großvater wütend zu machen, die sie schweigen ließ. Sie hätte ihn verraten müssen, die Heimlichkeiten aufdecken. Nie waren Kollegen im Büro. Niemand durfte davon erfahren, außer dem Hündchen Finni, dem sie es ins Ohr flüsterte, und dem Tagebuch. Später ging es um die Ehre der Familie. Was hätten die Nachbarn gesagt, wenn das herausgekommen wäre? Wären die Eltern wütend gewesen? Nur einmal hat sie es aufgezeichnet auf einem Blatt Papier: der Kopf mit Haarkranz, der Mund, der ihr immer die Küsschen gab. "Großvater ist böse" hat sie darüber geschrieben und gehofft, dass es jemand sieht. Doch es gelangte in die Finger des Falschen. Ihr Peiniger schimpfte die "Undankbare" aus.

Ihr größtes Geheimnis behielt Antje Gruber jahrzehntelang für sich. Nicht einmal ihrem Partner erzählte sie davon. Bis eines Tages ihr Körper rebellierte und sie nicht mehr essen konnte. Eine Dattel zu Mittag, abends ein paar Nudeln; sie verlor ein Kilo ums andere. Sie konnte nicht mehr schlafen, dachte nur noch an eines, das unaufhaltsam näher rückte: den 60. Geburtstag ihrer Mutter, der Tag, an dem sie mit ihrem Großvater an einem Tisch sitzen musste, freundlich lächelnd. Sie wollte nicht mehr stillhalten.

Das könne so nie vorgefallen sein, ganz unmöglich, blockte ihre Mutter ab und atmete auf, als sie hörte, dass keine körperliche Gewalt angewendet worden war. Sie wisse von nichts, behauptete die Großmutter. Die Verwandtschaft war sich einig, den Kontakt zum Kinderschänder abzubrechen. "Warum hat damals keiner den Mut besessen, ihn anzuzeigen?" Antje Gruber zweifelt an der Loyalität ihrer Familie. "Welche Kinder saßen noch auf seinem Schoß?"

Gesicherte Zahlen gibt es kaum. Das Bundeskriminalamt spricht von rund 15.000 Kindern unter 14 Jahren, die jedes Jahr in Deutschland sexuell misshandelt werden. Die Experten vom Opferschutzverein "Dunkelziffer" gehen von bundesweit jährlich 200.000 Missbrauchsfällen aus. Das Schwierigste sei, die Taten im Nachhinein zu beweisen, sagt die Opferanwältin Anke Sefrin. Mit Hilfe eines Gutachtens müsse die Glaubwürdigkeit der Aussage überprüft werden. Für die Missbrauchten eine oft unerträgliche Tortur.

Unbehelligt von der Justiz lebt der Großvater inzwischen in einer Wohnanlage bei Stuttgart. "Alles erstunken und erlogen", sagt er auf Anfrage der Stuttgarter Zeitung. Wie könne sie so etwas einem alten Mann nur antun, wehrt er am Telefon die Vorwürfe seiner Enkelin ab. Das sei üble Hetze gegen ihn, der pure Hass.

Zusammen mit ihrer Therapeutin hat Antje Gruber den Großvater zur Rede gestellt. Sie hat ihn beschimpft in seinem Wohnzimmer, ihm gesagt, dass er für das, was er mit ihr gemacht hat, büßen muss. "Soll ich dafür jetzt Gift nehmen?", sei seine lakonische Antwort gewesen, erinnert sich Antje Gruber und fühlte sich wieder so hilflos wie früher.

Vieles ist im Dunkeln verschwunden

Als Erwachsene schaut sie sich an, was sie so lange verdrängt hat. Das ist Steinbrucharbeit. Manches kommt nie zutage, manches bricht an unerwarteter Stelle auf. "Mein halbes Leben ist wie ausgeblendet", sagt sie, vieles sei im Dunkeln verschwunden, hinter den fest verschlossenen Augen, die die erlebten Grausamkeiten ausblenden wollten. Geblieben sind die Ängste. Wenn ihr jemand mit einer Bierfahne zu nahe kommt, spürt sie wieder das flaue Gefühl im Magen, das Herzklopfen, den Ekel, der hochstieg, als sich der Mund des angetrunkenen Großvaters ihr näherte.

Es sind Gerüche, die das Verdrängte freilegen. Schweiß, Sperma, der Mief im Treppenhaus, dessen Stufen sie hinaufgehen musste in das ehemalige Büro mit der Schaumstoffmatraze. Mit der Therapeutin an ihrer Seite wagte sie auch die Rückkehr an den Tatort. Längst hat sich in den renovierten Räumen eine Familie eingerichtet. "Das Schlimmste war das Bad", erzählt Antje Gruber. Die graugeflammten Steinzeug-fliesen, die Enge und das Gefühl von früher, es wieder mal überstanden zu haben. Am Waschbecken spülte sie das Sperma an ihrem Körper weg, die schmierige Vaseline.

Es gibt die leichten Tage, an denen Antje Gruber Freunde trifft, im Fitnessstudio Kraft tankt oder sich einfach aufs Sofa legt. Es gibt die anderen Tage, da überlegt sie sich, wie es wäre, einen kleinen Fahrfehler zu begehen. Sie müsste das Steuer nur ein bisschen drehen, um die Schwere nie wieder zu spüren. Seit sie die Psychotherapie begonnen und das Schweigen beendet hat, geht es ihr besser. "Ich kann allen Frauen nur raten, aus ihrer Isolation zu kommen", sagt Antje Gruber, die erst nach dem Tod ihrer Mutter vor drei Jahren an Aufarbeitung denken konnte. "Ich dachte immer, das erledigt sich von allein."

Im Fotoalbum finden sich nur wenige Aufnahmen vom Großvater. Eine zeigt ein Mädchen auf dem Schoß eines älteren Mannes, ein gemütlicher Märchenonkel. Beide lachen. "Ich kann es nicht ansehen", sagt Antje Gruber und dreht das Foto um. "Er verdient eine gerechte Strafe." Die Justiz mit ihrer Verjährungsfrist ist ihr keine Hilfe, deshalb ist sie zu einem Pfarrer gegangen. Man müsse verzeihen und vergeben, hat der ihr geraten. Antje Gruber verzieht das Gesicht. Sie will erst mal aufdecken und anklagen.

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