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Alice Schwarzer Steuerhinterziehung Alice in der Opferrolle

Wer Opfer ist und wer nicht, bestimmt Alice Schwarzer. Sie beansprucht die Deutungshoheit über die Lage der Frauen. Sie verlangt die Identifikation mit dem Opfer, von sich und von anderen. Nun hat sie Steuern hinterzogen. Ein Porträt.

Die Frauenrechtlerin Alice Schwarzer hat ihr Schweizer Konto jahrelang verheimlicht. (Archivbild) Foto: dpa

Alice Schwarzer hat Steuern hinterzogen, wie Klaus Zumwinkel, wie Uli Hoeneß und André Schmitz, nur eben nicht wie alle anderen zum Zweck der Gewinnmaximierung. Alice Schwarzer hatte ein Konto in der Schweiz zu ihrem persönlichen Schutz, als eine Art Fluchtgroschen, für alle Fälle.

„Ich habe in Deutschland versteuerte Einnahmen darauf eingezahlt in einer Zeit, in der die Hatz gegen mich solche Ausmaße annahm, dass ich ernsthaft dachte: Vielleicht muss ich ins Ausland gehen“, schreibt sie in eigener Sache, räumt aber ein, so denke sie schon lange nicht mehr.

Es wäre auch erstaunlich. Wir müssten uns fragen, wer dieser verängstigten Frau vor Talkshow-Studios auflauert und nach dem Leben trachtet. Alice Schwarzer ist keine Verfolgte, sie ist eine öffentliche Person. Als solche hat sie einiges einstecken müssen.

Zu ihrem 70. Geburtstag trug die „Süddeutsche Zeitung“ 2012 zusammen, was sich Alice Schwarzer im Lauf der Jahre über sich selbst anhören musste: „frustrierte Tucke“ („SZ“, 1975) „bundesdeutsche Oberemanze“ („Spiegel“, 1977), „Nachteule mit dem Sex einer Straßenlaterne“ („Münchner Abendzeitung“), „Hexe mit stechendem Blick“ („Bild“). Sie kann und konnte aber immer auch austeilen.

Und wie sie das konnte: Wer im Streitgespräch mit ihr eine dezidiert andere Meinung vertritt, muss sich wie Esther Vilar 1975 anhören, sie sei gemein, zynisch, eine Faschistin! Und wenn es die Situation erfordert, kann Alice Schwarzer auch ihrerseits zur Hatz aufrufen: „Ich wundere mich eigentlich, dass Frauen Sie noch nicht angegriffen haben.“ Es ist die Haltung ihrer Kontrahentin, die Alice Schwarzer zur Weißglut bringt. Vilar, die damals ihr heftig kritisiertes Buch „Der dressierte Mann“ veröffentlicht hatte, sitzt zurückgelehnt in ihrem Sessel. Frauen seien eben nicht nur Opfer, argumentiert die Argentinierin und Tochter deutsch-jüdischer Emigranten. Sie seien auch Nutznießerinnen ihrer Rolle, als von der Lohnarbeit befreite Hausfrauen und Mütter. Die Frauen, fordert Vilar, sollten doch bitte mit diesem unwürdigen Gejammere aufhören.

Doch wer Opfer ist und als solches bejammernswert, bestimmt Alice Schwarzer. Sie beansprucht die Deutungshoheit über die Lage der Frauen. Sie verlangt die Identifikation mit dem Opfer, von sich und von anderen. Sie barmt und klagt, rutscht in ihrem Sessel vor und zurück, sie sucht nach einem Angriffspunkt für ihre Empörung, nach der offenen Flanke ihrer Gegnerin. Sie bekommt sie nicht zu fassen. Ihr dampfendes Pathos weht in Wölkchen davon.

Sie selbst dagegen erlebt die 45 Minuten als Triumph: „Ich hatte Sachverstand und Gefühl, ich inszenierte diese 45 Minuten nicht nur, ich lebte sie auch. Sehr bewusst und sehr überlegt.“ Wer das vom WDR aufgezeichnete Gespräch heute sieht, staunt.

„Ich habe einen Traum“, schreibt Alice Schwarzer 2000 in ihrem 13. Buch „Der große Unterschied“. Kleiner geht es nicht, denn schließlich trägt sie in diesem Traum alles Leid der Welt auf ihren Schultern. Vergewaltigung, sexueller Missbrauch, Unterdrückung, Missachtung, Sklaverei – unversehens wird aus der erträumten Befreiung von allem Übel ein Panoptikum der Grausamkeiten, hoffnungslose Fälle.

Opferalleinvertretungsanspruch

Der Opferalleinvertretungsanspruch wird Alice Schwarzer seit langem vorgehalten. „Alice im Niemandsland“ von Miriam Gebhardt beklagt ihn ebenso wie vor ihr Bascha Mika in ihrer kritischen Biografie. Tatsächlich ist er nicht mehr als ein Stilmittel, ein rhetorischer Kunstgriff, der Grundstoff ihres Pathos.

Frauen sind in jeder Rolle und Lage Opfer von Missachtung und Missbrauch, als Hausfrauen, Mütter, Arbeitnehmerinnen, Künstlerinnen, Kopftuchträgerinnen, Prostituierte. Und nur eine steht für sie ein: „Emma“, alias Alice Schwarzer.

Nur einmal, lange ist es her, wagten 32 ehemalige Mitarbeiterinnen der „Emma“ es, ihrer Herausgeberin und Chefredakteurin Ungeheuerliches vorzuwerfen, sie beschrieben Alice Schwarzer in der Rolle der Täterin. Sie habe für Arbeitsbedingungen gesorgt, die „unerträglicher“ waren als alles, was sie bisher erlebt hatten, Mitarbeiterinnen schikaniert und gedemütigt. „Die meisten von uns haben bisher geschwiegen. Aus Solidarität mit dem Projekt ,Emma‘. Der Sache des Feminismus, mag sie bei ,Emma‘ auch mehr und mehr hinter Deiner Person verschwinden, haben wir nicht schaden wollen“, schreiben die 32 Ehemaligen am 27. März 1980 in einem offenen Brief, den die „Frankfurter Rundschau“ abdruckt. „Für Dich war ein Rückzug von ,Emma‘ immer ein Verrat an Dir und der Sache, die Du als Star im Übrigen für identisch hältst.“

Doch nahezu jede Kritik, die an Alice Schwarzer geübt wird, ist bußfertig. Auf jeden Tadel folgt die Verbeugung vor dem Lebenswerk der kritischen Journalistin und scharfsinnigen Frauenrechtlerin. Nur selten mündet der Protest gegen die aggressive Bevormundung in eine Distanzierung oder gar einen Bruch.

Alice Schwarzer ist deutlich angriffslustiger. Dass sie in der Pose der Pflichtverteidigerin aller erniedrigten und beleidigten Frauen aus der Zeit gefallen ist, muss sie nicht kümmern, solange ihre Plädoyers noch gehört werden. Einfache Erklärungen sind gefragt und für Talkshows und Bildzeitungskolumnen kann sie bei sich selbst nachlesen.

Es ist so viel Beachtenswertes darunter wie Kritikwürdiges. Ihre Analysen sind oft zutreffend, ihre Schlussfolgerungen ebenso oft abwegig. Nur Streitfähiges ist nicht darunter. Ein Urteil über Alice Schwarzer gesteht Alice Schwarzer nur Alice Schwarzer zu.

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