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Alejandra Forlán Die Willensstarke

Sie ist die Schwester des Fußballers Diego Forlán. Ein tragischer Autounfall fesselt sie an den Rollstuhl. Jetzt kämpft Alejandra Forlán mit Hilfe ihres berühmten Bruders für mehr Verkehrssicherheit.

„Viele Leute sagten damals, dass es besser wäre, wenn ich sterbe, als so zu leben“, sagt Alejandra Forlán. Foto: getty

Immer wieder wundert sich Alejandra Forlán über dieses Märchen, das in europäischen Zeitungen zu lesen ist, das Märchen geht so. Diego, ihr jüngerer Bruder, soll ihr als kleiner Junge am Krankenbett geschworen haben, der berühmte Fußballer zu werden, der er heute ist, Nationalspieler Uruguays, ein Ausnahmestürmer, der am Sonntag im Freundschaftsspiel gegen Deutschland antritt. Alejandra Forlán war nach einem Autounfall an den Rollstuhl gefesselt, Diego, so heißt es, versprach ihr, für sie zu sorgen. „Blödsinn“, sagt sie, „das war nicht so. Aber so eine Geschichte verkauft sich wohl besser.“

Alejandra Forlán sitzt in ihrem kleinen Büro der „Fundación Alejandra Forlán“ in Montevideo. Ihre ältere Schwester Adriana hat sie hereingerollt. Seit dem Unfall kann Alejandra die Arme nur eingeschränkt und lediglich einen Finger bewegen. Welcher das ist, darüber will sie nicht sprechen. Über den Unfall schon.

Eine Nacht im September 1991. Sie waren etwas trinken, hatten getanzt. Alejandras Freund Gonzales schläft am Steuer ein. Sie schreit seinen Namen. Er wacht auf, bremst panisch. „Wir drehten und drehten uns. Und ich dachte nur: Ich kann jetzt nicht sterben. Das kann ich meiner Familie nicht antun.“ Sie knallen gegen eine Palme. „Mein Freund lag tot neben mir.“ Sie erzählt das so ruhig, fast nüchtern. Mit dem geraden Rücken einer Ballerina sitzt sie in dem Rollstuhl. Zehn Minuten brauchen ihr Fahrer und ihre Assistentin, um sie aus dem Auto in den Rollstuhl zu bugsieren. Fünfmal die Woche ist Physiotherapie. Das Glas Cola muss ihr die Schwester an den Mund halten.

Alejandra Forláns Gesicht ist so schön, dass man es einrahmen möchte. Mit elf Jahren wird das Mädchen mit den sonnenblonden Haaren und tiefblauen Augen von Model-Scouts in Uruguay angesprochen. Aber ihre Mutter will, dass sie wartet, bis sie 18 wird. „Da war es aber leider schon etwas zu spät“, sagt die 37-Jährige, sie ist immer noch schön, sie lacht, als hätte sie einen dreckigen Witz gerissen.

„Viele Leute sagten damals, dass es besser wäre, wenn ich sterbe, als so zu leben“, erzählt sie. Sie ist schlank, perfekt geschminkt, trägt einen schicken Blazer. In Uruguay kennt jeder ihr Gesicht. Aus dem Fernsehen. Da sagt sie: „Wenn ihr ausgeht, macht euch vorher Gedanken, wie ihr sicher nach Hause kommt.“ Ihre Stimme klingt nach verkratzter Aufnahme. Fünf Monate hing sie am Beatmungsgerät, das ihre Stimmbänder für immer verletzte. Sie hat nur noch einen Lungenflügel. „Ich wollte leben. Egal wie.“

Bewusstein für die Opfer

Heute will sie nicht, „dass jungen Menschen so etwas passiert“. Das sei der Hauptgrund für ihre Stiftung. Ihr Bruder Diego hat die vor zwei Jahren für sie gegründet und plädiert in Werbe-Spots für sicheres Fahren. Alejandra war bei dem Unfall nicht angeschnallt. „1991 war das Gurt-Tragen noch keine Pflicht.“ Auch heute verzichteten viele Uruguayer darauf. Dabei sterben im Jahr durchschnittlich 500 Menschen bei einem Verkehrsunfall, drei Millionen leben in dem kleinen Land. „Die Kontrollen müssen mehr werden“, sagt Forlán. Und es müsse endlich ein Bewusstsein für die Sorgen der Opfer geben.

Auf den Straßen sind Rollstuhlfahrer fast nie zu sehen, die Bürgersteige sind kaputt, Busse und Taxis nicht entsprechend ausgestattet. „Wir leben in einer Gesellschaft, die nicht auf uns vorbereitet ist. Das muss sich ändern.“ Psychologen in ihrer Stiftung kümmern sich auch um Unfallopfer und deren Familien. Alejandra Forlán selbst jedoch hat den Psychologen, den ihr das Krankenhaus damals schickte, nicht gebraucht. „Am Ende erzählte er mir seine Lebensgeschichte“, sagt sie und lächelt. Sie helfe lieber anderen. Deshalb hat sie auch Psychologie studiert. „Meine Eltern haben mich jeden Tag die Stufen zur Uni hochgetragen.“ Ihre Familie sei ganz wichtig gewesen. „Manche Familien zerbrechen an so einem Schicksal, meine ist enger zusammengewachsen.“

Schon der Vater Pablo war Nationalspieler und der Großvater Nationaltrainer Uruguays. Die Forláns waren keine Fußball-Millionäre, aber sie gehörten zur oberen Mittelklasse. Diego Maradona und ihr Vater waren schon vor ihrem Unfall befreundet. „Maradona organisierte ein Benefizspiel in Uruguay für mich, damit wir die hohen Rehabilitationskosten bezahlen konnten.“ Dafür musste sie nach Brasilien. „In Uruguay gibt es bislang keine Reha-Klinik für Erwachsene.“ Auch das will sie ändern.

Mit Bruder Diego, der bei Atlético Madrid spielt, telefoniert sie täglich. „Wir sind uns sehr ähnlich. Wir schauen immer nach vorne, nie zurück.“ Oft besucht sie ihn in Europa. Und obwohl sie wenig Zeit hat, will sie zum Freundschaftsspiel gegen Deutschland nach Sinsheim kommen. Alejandra Forlán glaubt, dass Deutschland gewinnen wird. „Diese Mannschaft hat einfach so eine starke Willenskraft.“ Sie selbst habe sich mittlerweile beigebracht, mit ihrem einen funktionierenden Finger am Computer zu tippen.

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