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Albert Schaefer-Ast Ein trauriges Bild

Albert Schaefer-Ast galt als einer der bekanntesten Zeichner Deutschlands. Nach Kriegsende kamen seine Werke in der DDR abhanden. Jetzt tauchen sie plötzlich auf dem Kunstmarkt wieder auf. Doch seine Erben haben nichts davon.

Albert Schaefer-Ast
Albert Schaefer-Ast (nach 1945). Foto: privat

Man mag es kaum glauben, wenn man John Buck in seiner Londoner Wohnung gegenüber steht, aber der Engländer ist schon 90 Jahre alt. Der ehemalige Offizier der britischen Armee ist ein hochgewachsener Mann mit aufrechtem Gang und festem Händedruck. In seinen großen Händen wirkt das schmale Buch ganz klein, in dem er gerade blättert. „Es ist frisch aus der Druckerei gekommen“, sagt Buck stolz. „Ich habe es erst vor ein paar Tagen von dem Verlag in der Grafschaft Hertfordshire zugeschickt bekommen.“ Fast zärtlich schlägt er die Seiten um, auf denen Zeichnungen und Karikaturen seines deutschen Schwiegervaters Albert Schaefer-Ast abgebildet sind. „Ich kenne diese Bilder nur aus Büchern“, fügt John Buck hinzu, und plötzlich klingt seine Stimme ein bisschen bitter. „Dabei gehören sie doch unserer Familie. Aber man hat uns alles weggenommen – seine Bilder, seine Aufzeichnungen, sein Haus in Prerow auf dem Darß mit dem großen Garten. Und bis heute haben wir nichts zurückbekommen.“

Das Schicksal von Albert Schaefer-Ast und seiner Familie ist eine Geschichte von Zerrissenheit, Verlust und Unrecht. So wie ihnen erging es nicht wenigen deutschen Familien in der Zeit des Nationalsozialismus und den sich anschließenden Jahren der Blockkonfrontation. Und es ist auch eine Geschichte, die noch nicht zu Ende ist. „Es tut weh, wenn ich seine Bilder sehe“, sagt John Buck, als er in das kleine Buch in seiner Hand schaut.

Der 1951 in Weimar verstorbene Künstler Albert Schaefer-Ast galt zu Lebzeiten als einer der bekanntesten und besten Karikaturisten und Pressezeichner Deutschlands. Bis heute wird der 1890 in Wuppertal geborene Schaefer-Ast von vielen Künstlerkollegen als Vorbild verehrt, es gibt Seminare über ihn an Universitäten und Kunsthochschulen. Verlage im In- und Ausland publizieren seine mit Leichtigkeit und Witz gezeichneten Skizzen, Miniaturen und Illustrationen. Schaefer-Asts Werke sind auch bei Sammlern gefragt, im Kunsthandel erzielen Originale von ihm noch immer Einzelpreise im drei- und vierstelligen Euro-Bereich.

John Buck hat seinen Schwiegervater nie persönlich kennengelernt. „Leider“, sagt er, „wir hätten uns bestimmt gemocht.“ 1954, drei Jahre nach Schaefer-Asts Tod, heiratete er in England die Tochter des Künstlers, Susanne. 2002 ist sie gestorben, mit 75 Jahren. Für John Buck ist es daher auch eine Art Vermächtnis seiner Frau, die Erinnerung an ihren Vater wachzuhalten und der Familie eine späte Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

Seine Künstlerlaufbahn hatte Albert Schaefer-Ast nach dem Ersten Weltkrieg begonnen. In ganz Deutschland macht er sich damals einen Namen als Zeichner in Zeitschriften wie „Simplicissimus“, „Gartenlaube“, „Berliner Illustrierte Zeitung“ und „Uhu“. 1930 widmet ihm der angesehene Berliner Kunsthändler und Galerist Wolfgang Gurlitt eine vielbeachtete Sonderausstellung. In der Berliner Künstlerszene ist Schaefer-Ast bekannt wie ein bunter Hund, er hat dort viele Freunde und vor allem Freundinnen. „Menschen, die ihn kennengelernt haben, beschreiben ihn als unvergesslich“, erzählt John Buck. „Ein Mann von beeindruckender Größe und Statur. Lebhaft, voller Charme und Humor, mit einer tiefen Stimme und einer langsamen, bedächtigen Art zu sprechen.“ 1926 lernt er in Berlin die Graphikerin Stephanie Nathan kennen, Tochter eines jüdischen Bankiers. Es ist Liebe auf den ersten Blick. Schaefer-Ast trennt sich von seiner Frau, heiratet Stephanie. Ein Jahr später wird ihre Tochter geboren, Susanne. „Meine Frau“, sagt John Buck.

Der Karikaturist und die Graphikerin führen eine glückliche Ehe. Doch nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 bekommt die Familie Schwierigkeiten. Nach den Nürnberger Rassegesetzen führen sie eine Mischehe. Schaefer-Asts Ehefrau erhält keine Aufträge mehr, und auch er gerät immer mehr ins berufliche Abseits. Die Nazis werfen den Zeichner aus der Reichskunstkammer, belegen ihn mit einem zeitweiligen Berufs- und Ausstellungsverbot, einige seiner Arbeiten werden sogar als entartet eingestuft. Ein tiefer Sturz für den angesehenen Künstler.

1936 geht das Ehepaar für einige Monate nach Italien, um sich dort eine neue Existenz aufzubauen. Das Vorhaben aber misslingt. Zurück in Deutschland entschließen sie sich zur Trennung, um das Leben von Mutter und Tochter zu retten. Im April 1939 wird die Ehe geschieden, einen Monat später darf die gemeinsame Tochter Susanne mit einem Kindertransport nach Großbritannien ausreisen. Im Juli gelingt es auch der Mutter, sich nach London in Sicherheit zu bringen.

Schaefer-Ast bleibt zurück in Deutschland, wo ihn die Nazis nun auch wieder an kleineren Buchprojekten mitarbeiten lassen. 1944 aber wird es noch einmal gefährlich für den Künstler, als zwei seiner Freunde vor den Volksgerichtshof kommen, weil sie Witze über Himmler und Goebbels gemacht hatten. Schaefer-Ast, dessen Wohnung am Kurfürstendamm im gleichen Jahr bei einem Bombenangriff zerstört wird, zieht sich endgültig in sein Refugium auf dem Darß zurück. Dort, im Fischerdorf Prerow, hatte er Mitte der 1930er Jahre eine alte Fischerkate mitsamt großem Garten erworben und zu einem kleinen Wohnhaus umgebaut.

Auch nach Kriegsende wohnt Schaefer-Ast weiter in Prerow, obwohl ihn sein Freund Hermann Henselmann – der spätere Architekt der Berliner Stalinallee – 1946 als Professor an die neugegründete Staatliche Hochschule für Baukunst und bildende Künste in Weimar holt, die heutige Bauhaus-Universität. Aber in der thüringischen Stadt findet Schaefer-Ast nur eine winzige Mansardenwohnung, der er so oft wie möglich nach Prerow entflieht. In den Sommermonaten holt er zudem seine Studenten regelmäßig zu Malkursen auf den Darß.

Mit seiner in London lebenden Familie nimmt der Künstler 1946 wieder Kontakt auf. Er schickt Briefe an seine Ex-Frau Stephanie und die Tochter Susanne, sie schreiben ihm zurück und senden ihm Pakete mit Kaffee und Nudeln, die in Ostdeutschland damals Mangelware sind.

John Buck hat die Briefe seines Schwiegervaters vor einigen Jahren in einem kleinen englischen Verlag editiert und die Originale anschließend an das Imperial War Museum in London übergeben. Als authentische Zeugnisse der Nachkriegsgeschichte in Deutschland, denn in den Briefen beschreibt Schaefer-Ast in klaren, schonungslosen Sätzen, aber auch mit viel Sarkasmus die entbehrungsreiche Zeit in Ostdeutschland.

So etwa in seinem Brief vom 13. Januar 1947. Auf dem Darß herrsche gerade eine fürchterliche Kältewelle, berichtet er darin, seit Wochen lägen die Temperaturen zwischen 28 und 31 Grad unter Null. In der Silvesternacht, so schreibt er weiter, habe er kurz am offenen Fenster seines Hauses in Prerow gestanden. „Um Mitternacht habe ich eure Namen in die Nacht geschrien. Ich hoffe, Ihr habt mich gehört.“

Dem Brief beigefügt ist eine Zeichnung, mit geübter Hand kühn und schnell skizziert. „Frühstück im Bett“ heißt sie, Schaefer-Ast hat sich darin selbst gezeichnet: Ein Mann mit Schnauzbart und grimmigem Mund liegt im Bett, er hat eine Mütze auf und Handschuhe an, ein Tablett auf dem Schoß mit einer dampfenden Tasse Tee und zwei Stück Brot auf dem Teller. Es ist ein trauriges Bild, man spürt die Resignation und Einsamkeit des Künstlers und eine dunkle Vorahnung. Tatsächlich sollte sich die Familie nie wiedersehen – im September 1951 erleidet Albert Schaefer-Ast, 61 Jahre alt, in Weimar einen Herzinfarkt. Er ist allein, als er stirbt.

Zur Beerdigung ihres Vaters reist Susanne Buck nach Weimar. Sie will seine Bilder mitnehmen, auch die Skizzen, Bücher, private Aufzeichnungen. Aber das ist nicht so einfach. Zwar erkennen die DDR-Behörden Susannes Anspruch als Alleinerbin an. Doch weil sie im westlichen Ausland lebt, darf sie die Hinterlassenschaft nicht ausführen.

Ein Nachlassverwalter wird bestellt für den Besitz des Künstlers in Weimar und Prerow. Auch das Haus mit Garten auf dem Darß kommt unter staatliche Verwaltung. In den folgenden Jahren wechseln die Nachlassverwalter mehrfach, zwei von ihnen türmen in den Westen. In dieser Zeit verschwinden auch Teile des Erbes, ein Vermerk darüber findet sich in einer Akte aus dem Amtsgericht Weimar. Darin ist auch eine Inventarliste über den künstlerischen Nachlass des Zeichners abgeheftet – sie zählt mehr als 1500 Karikaturen, Zeichnungen und Gemälde auf, die Schaefer-Ast hinterlassen hatte und die eigentlich seiner Tochter gehören.

Susanne Buck beharrt auf ihrem Anspruch auf das Erbe des Vaters. Doch die DDR bleibt hart. Sie findet sich schließlich damit ab, auch weil ihr die ostdeutschen Behörden versichern, das Wohnhaus in Prerow zu einem Schaefer-Ast-Museum umzubauen, in dem die Kunstwerke des Vaters ihren Platz finden würden.

Aber das ist eine Lüge. Anfang der 1980er Jahre enteignen die DDR-Behörden Susanne Buck klammheimlich. Das Wohnhaus in Prerow gehörte fortan der Gemeinde, es ist bis heute vermietet. Immerhin hat man eine Erinnerungsplakette an den Künstler an die Hauswand geheftet. Das einstmals knapp 4000 Quadratmeter große Grundstück ist nach der Wende geteilt worden, auf der einen Hälfte stehen nun neu errichtete Einfamilienhäuser.

Und auch der künstlerische Nachlass von Schaefer-Ast ist zu DDR-Zeiten – so deutlich muss man es sagen – geraubt worden. Der letzte Nachlassverwalter aus Eisenach hatte die Bilder und Zeichnungen irgendwann in den 1970er Jahren auf eigene Rechnung an einen Thüringer Sammler verkauft. Der Enkel des damaligen Käufers, dem die Kunstsammlung seines Großvaters heute gehört, beteuert zwar auf Anfrage, dass alles nach Recht und Gesetz abgelaufen sei. Details will er aber auch nicht nennen, und sein Name soll erst recht nicht veröffentlicht werden.

Die rechtmäßigen Erben des künstlerischen Nachlasses von Schaefer-Ast, die Familie von Susanne und John Buck in England, müssen ohnmächtig zuschauen, wie die Werke des Vaters versteigert werden. Auf den regelmäßigen Ahrenshooper Kunstauktionen zum Beispiel wurden in den vergangenen Jahren knapp 20 Zeichnungen von Schaefer-Ast verkauft, sie erzielten insgesamt einen Erlös von mehr als 10 000 Euro – Geld, das eigentlich den Erben zusteht. Auch eine bekannte Weimarer Galerie hatte bis vor kurzem noch eine größere Zahl von Schaefer-Ast-Werken in ihrem Angebot, man konnte sie dort kaufen für Preise zwischen 100 und 1000 Euro.

Juristisch haben die Nachkommen Schaefer-Asts keine Chance mehr, an ihr Erbe zu kommen. Ach weil die Ämter im wiedervereinigten Deutschland keine Rechtsverstöße bei der Enteignung Susanne Bucks zu erkennen vermochten. Dennoch will John Buck nicht aufgeben, das sei er seiner verstorbenen Frau schuldig, sagt er. Und was will er erreichen? „Ich wünsche mir sehr, dass die Gemeinde Prerow ihr Wort einlöst, das sie meiner Frau vor 50 Jahren gegeben hat, und das ehemalige Wohnhaus von Albert Schaefer-Ast in ein Museum umwandelt, in dem dann auch seine Bilder ausgestellt werden“, sagt John Buck.

Prerows Bürgermeister René Roloff unterstützt dieses Projekt. Im Februar erst wurde die Idee im Gemeinderat besprochen. Noch aber ist das ehemalige Künstlerhaus bewohnt. Wenn sich eine andere Wohnung für den schon betagten Mieter findet, dann wolle man das Projekt ernsthaft angehen, verspricht der Bürgermeister.

Und auch Antje Hückstädt, Chefin des Darß-Museums in Prerow, macht John Buck Hoffnung. „Ich kann mir sogar vorstellen, dass wir die Weimarer Bauhaus-Uni mit ins Boot holen, die das Museum mitbetreiben und in Prerow wie einst Schaefer-Ast Sommer-Malkurse für ihre Studenten veranstalten könnte“, sagt sie.

Als John Buck davon erzählt, strahlt sein Gesicht. Auch die Bitterkeit ist nun aus seiner Stimme verschwunden. „Ich hoffe nur noch eins“, sagt der 90-Jährige. „Dass ich dabei sein kann, wenn das Schaefer-Ast-Museum, wie es sich meine Frau gewünscht hat, in Prerow eröffnet wird.“

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