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AKW Zwentendorf Ohne Strahlkraft

Eine Volksabstimmung verhinderte 1978, dass das österreichische Atomkraftwerk Zwentendorf jemals in Betrieb ging. Besuch an einem Ort, an dem die Zeit stehengeblieben ist.

04.12.2016 15:43
Stefan May
Die Uhr in der Schaltzentrale steht immer auf fünf vor zwölf. Foto: AFP

Viermal, immer eindringlicher, fällt im Film das Wort „Zwangsabschaltung“. Dazu wird die Sequenz eines Skirennens gezeigt. Plötzlich erlischt sie. Es handelt sich um die Passage aus einem Werbefilm für die Inbetriebnahme des österreichischen Kernkraftwerks Zwentendorf im Jahr 1978 – Propaganda mit dem Holzhammer. Vergeblich, die Österreicher entschieden sich dagegen. Bis heute wird in Österreich keine Atomkraft erzeugt. Es gab aber deswegen auch keine Zwangsabschaltungen.

Das AKW Zwentendorf jedoch gibt es, gebaut und nie betrieben. Es ist inzwischen zu einem Stück österreichischer Zeitgeschichte geworden. Als unscheinbarer grauer Würfel mit schlankem Schornstein, ausgelegt für eine Leistung von 750 Megawatt, erhebt es sich neben der Donau aus dem Auwald, 50 Kilometer von Wien entfernt: Seit 38 Jahren eine Industrieruine, ein Museum der Atomkraft. Das einzige Kernkraftwerk der Welt mit eigener Fanseite auf Facebook.

Denn kürzlich hat der derzeitige Eigentümer der Anlage, der niederösterreichische Energieversorger EVN (Energieversorgung Niederösterreich), im Keller des Kraftwerks den Werbefilm aus der Zeit vor der Volksabstimmung über Zwentendorf gefunden und auf Youtube gestellt. Innerhalb der ersten beiden Monate verzeichnete er 150 000 Zugriffe. Das Wort „Zwentendorf“ hat wieder Eingang in den Sprachschatz der Österreicher gefunden.

Das hätte sich Mitte der 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts niemand träumen lassen, als Österreichs Politik auf Atomkraft setzte, trotz zunehmendem Widerstand in der Bevölkerung. Der damalige Bundeskanzler Bruno Kreisky ließ deshalb eine Volksabstimmung ansetzen. Da stand der Bau aber schon kurz vor der Eröffnung und hatte 500 Millionen Euro gekostet. Zuletzt ging es genauso knapp aus wie die jüngste Bundespräsidenten-Stichwahl: 30 000 Stimmen gaben den Ausschlag dafür, dass Zwentendorf nicht in Betrieb ging. Obwohl der Werbefilm einen Dreischritt eingehämmert hatte: „Kernkraft – Kernenergie – Kerngesund“.

„Als am Abend des 5. November 1978 das Ergebnis im österreichischen Fernsehen verkündet wurde, ist für 200 Kerntechniker, die bereits vor Ort waren, eine Welt zusammen gebrochen“, sagt Stefan Zach, Kommunikationschef der EVN. „Das waren 200 hochqualifizierte Spezialisten, die jahrelange Spezialausbildung in Deutschland und den Vereinigten Staaten für diesen verantwortungsvollen Job gemacht haben. Denen ist plötzlich bewusst geworden, dass sie den in Österreich nicht werden ausüben können.“

Einer der Geschäftsführer von Zwentendorf nahm sich später das Leben, der andere wechselte beruflich zu den erneuerbaren Energien. Die E-Wirtschaft wollte lange nicht glauben, dass das Nein ein endgültiges, das unmittelbar nach der Abstimmung beschlossene Atomsperrgesetz der Schlusspunkt einer Ära sein sollte, die noch gar nicht begonnen hatte. Deshalb wurde das Atomkraftwerk für den Fall bereit gehalten, dass sich die Politik doch noch anders entscheiden sollte. Österreichische Provisorien sind langlebig: In einem sieben Jahre dauernden Konservierungsbetrieb waren Mannschaften mit dem Einschweißen von Metallteilen in Folien, regelmäßigem Warten, Entölen und Einölen beschäftigt, was nochmals 500 Millionen Euro kostete. Dann gab die E-Wirtschaft ihre Hoffnungen endgültig auf.

Das Kraftwerk wurde ab da zum Ersatzteillager für Anlagen in ganz Europa. Schnell waren Ideen für die Nachnutzung des verhinderten Atommeilers geboren worden: Der Maler Hundertwasser wollte ihn zu einem Museum umgestalten, der Hotelier Rogner darin ein Abenteuerland einrichten. Und einer der schillerndsten Kriminellen des Landes, Udo Proksch, hatte die Idee für einen Friedhof der senkrecht Bestatteten innerhalb der massigen Stahlbetonmauern.

Zuletzt gab es noch einen einzigen Arbeitsplatz im Werk. „Stellen sie sich einmal vor: ein Kinderspital ohne Strom. Ja, ohne Strom wird es still, sehr still“, heißt es suggestiv im Werbefilm von 1978. Nach dem Nein zu Zwentendorf ging den Österreichern zwar nicht der Strom aus, aber still ist es geworden – im Kernkraftwerk. Dicke Stahltüren trennen die einzelnen Bereiche, Kondenswasser glänzt an den mit Ölfarbe gestrichenen Wänden der kühlen Gänge. Die mannshohen Rohre, durch die das der Donau entnommene Kühlwasser fließen sollte, sind begehbar. Die Schritte der Besucher hallen durch 1000 verlassene Räume, die Waschkojen, die Schleusen und den Dom, durch den die Castoren dereinst herabgelassen worden wären.

Ein Lift fährt zum Herzstück des Kraftwerks auf 39,5 Meter Höhe, zur Reaktorhalle. Von einer Kanzel fällt der Blick mit leichtem Gruseln direkt in den Reaktordruckbehälter tief unten. „Normalerweise ist er mit einem Reaktordruckdeckel verschlossen“, sagt Stefan Zach. „Das ist eine 60 Tonnen schwere Metallkonstruktion, die auf den Reaktor aufgesetzt und verschraubt wird. Sie wird zusätzlich mit Stahlbetonplatten beschwert, damit bei einem Druckanstieg im Reaktor der Deckel nicht durch die Decke fährt.“ Wie hieß es im Werbefilm? „Kann ein Reaktor zu heiß werden? Gefährlich werden? Durchgehen? Nein.“

Die Schaltwarte, der zentrale Steuerungsraum des Atomkraftwerks, ist ein Büroraum im Stil der 70er-Jahre. Der Besuch ist eine Zeitreise. Alles mutet unbenutzt, aber unmodern klobig an, von den Stühlen bis zu den Telefonapparaten. „Aus meiner Sicht ist es der schönste Raum im Kraftwerk, mit einem unglaublichen Flair“, sagt der EVN-Kommunikationschef. Zahlreiche Schaltpläne hängen an den Wänden, auf den Pulten blinken Lampen. Hier werden alle Fehlermeldungen der letzten 40 Jahre angezeigt. Auch die Schichtbücher aus der Konservierungsphase zwischen 1978 und 1985 liegen noch auf.

Der einzige Computer, der eingebaut wurde, füllte damals den gesamten Nebenraum, konnte aber nicht viel mehr als ein durchschnittlicher Taschenrechner. Auf dem langen Arbeitstisch steht ein rotes Telefon, die direkte Verbindung ins Bundeskanzleramt. Das besondere Flair hat man offenbar sogar in Hollywood empfunden. Ein Actionfilm sollte in der Kraftwerksruine gedreht werden. Alles war vorbereitet, selbst die Künstlergarderoben waren schon beschriftet – dann ging die österreichische Produktionsfirma in Konkurs. Ein Zwentendorfer Schicksal.

„Zwentendorf ist eine wirklich coole Location“, sagt Stefan Zach über den kalten Meiler. „Es wird immer wieder angefragt, und da verdienen wir auch ein bisschen Geld.“ Weniger mit den bis zu 15 000 Besuchern, die jährlich gratis durch den Bau geführt werden. Viele kommen zufällig auf dem Donauradweg entlang geradelt und fragen am Werkszaun, ob sie das AKW-Denkmal auch von innen sehen dürfen.

Das „bisschen Geld“ verdient der Eigentümer in den letzten Jahren mit TÜV-Zertifizierungen und Sicherheitstrainings, die Bedienstete von aktiven ausländischen Kernkraftwerken im Trockendock Zwentendorf absolvieren. Da, wo die Atomkraft Vergangenheit geworden ist, bevor ihr noch eine Zukunft zugestanden wurde. Das AKW Zwentendorf ist deutsche Technologie und typengleich mit den Werken Brunsbüttel, Isar, Gundremmingen und Philippsburg.

„Wir glauben deshalb, dass Zwentendorf in dieser Zeit auch einen Beitrag zur Reaktorsicherheit in Europa geleistet hat“, sagt EVN-Sprecher Zach. Da die Nachfrage seit der Atomkatastrophe in Fukushima nachgelassen hat, wurde das Werk in den letzten zwei Jahren zu einem Rückbauzentrum umgestaltet. „Hier kann man trainieren, wie man ein bestehendes Kraftwerk am Ende seines Lebens abbaut und stufenweise demontiert, bis dann nur noch eine grüne Wiese da ist. Wir haben schon die ersten Trainings, nicht nur aus dem deutschen Raum, sondern auch aus asiatischen Ländern und ehemaligen Oststaaten.“

Die Österreicher haben zwar eine Milliarde Euro bezahlt, aber sich einiges erspart: Durchschnittlich 27 Tonnen hochradioaktiven Müll pro Jahr und die Suche nach einer Lagerstätte für die nächsten 240 000 Jahre. Bei einer Inbetriebnahme 1978 wäre das AKW Zwentendorf heute am Ende seiner Lebenszeit angelangt. In der Schaltzentrale hängt die einzige Uhr des Kraftwerks. Sie steht immer auf fünf vor zwölf. Von allen anderen Uhren in der Anlage sind irgendwann die Ziffernblätter und Zeiger abmontiert worden. Zwentendorf, der skurrile Ort, an dem die Zeit stehen geblieben ist.

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