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Aktivistin aus Leidenschaft Eine Frau geht in die Luft

Cécile Lecomte klettert auf Baukräne, um gegen Umweltzerstörung zu demonstrieren, oder auf Hochhäuser, um die Gier der Banker zu geißeln. Jetzt ist sie im Wendland unterwegs, wo ab Freitag wieder Castor-Transporte rollen sollen.

02.11.2010 17:03
Jörg Schindler
Cecile Lecomte kopfüber in einer Baumkrone. Foto: dpa

Am Lüneburger Waldrand herrscht an diesem Samstagsnachmittag ungewohnter Betrieb. Vorneweg radelt eine schmächtige Frau mit Jogginghose und Rucksack, dicht gefolgt von drei weiteren Radlern und einem Filmteam in einem dunklen Van. Dahinter ein Motorrad der Polizei, dahinter ein Mannschaftswagen, dahinter noch einer. Das Ziel der kleinen Prozession ist eine Sackgasse neben den Zuggleisen. Die Frau in der Jogginghose lacht: „Das gibt’s hier nur im Herbst.“ Es ist Ende Oktober, der Wind fegt durch die Bäume. Die Sturmsaison hat begonnen.

Zu Fuß geht es nun weiter, über eine kleine Brücke und hinein in den Wald. Drei Polizisten folgen im Abstand von zehn Metern, der Rest braust auf Forst- und anderen Wegen in die gleiche Richtung. Man wird sich später wiederbegegnen. Zehn, vielleicht auch zwölf Minuten folgt das merkwürdige Grüppchen einem ausgetrampelten Pfad, dann öffnet sich eine Lichtung direkt an den Gleisen. Cécile Lecomte, die Frau im Schlabberlook, deutet nach Westen. „Von dort werden sie kommen“, sagt sie. „Wir sind schon da.“ Dann öffnet sie den Rucksack mit ihrer Bergsteiger-Ausrüstung.

Es ist Tag 15 vor dem nächsten Atommüll-Transport ins wendländische Gorleben, und Tausende haben sich bereits an diesem Wochenende aufgemacht, um die Strecke zu erkunden, die der Zug mit den Castor-Behältern von Frankreich aus zurücklegen muss. Es ist die Generalprobe für Tag X, auch für die Polizei, die bereits seit September Stacheldraht auslegt, Brücken bewacht und nachts mit Scheinwerfern ausleuchtet oder eben tapfer Verdächtige verfolgt, sobald diese sich dem Gleisbett auch nur nähern. 16?000 Uniformierte waren beim letzten Transport im Einsatz. Alles spricht dafür, dass es diesmal noch mehr werden.

Im Wald von Lüneburg dauert es keine Viertelstunde, bis rechts und links der Gleise ein gutes Dutzend Mannschaftswagen der Polizei Stellung bezieht. Plötzlich kündigen sich mit schrillem Klingeln rund 80 Fahrraddemonstranten an, kurz darauf kommt ein Trupp Atomkraft-Gegner über die Gleise gestapft. Cécile Lecomte grinst. Sie nimmt noch einen letzten Schluck Tee, dann verlangt sie nach einer Räuberleiter, kraxelt behände auf einen Baum und entrollt schließlich ein Transparent: „Baumklettern gefährdet ihren Atomstaat.“ Die Demonstranten johlen, das Filmteam filmt, die Polizisten stehen versteinert. Sie können nichts tun. Auf die Pappel gehen darf im Wald jeder. Ungestraft. Oben, in acht Metern Höhe, hängt Lecomte inzwischen kopfüber, macht noch einen Luft-Spagat für den Kameramann, dann seilt sie sich ab. Sie wirkt jetzt glücklich. Sie wird wieder kommen. So lange sie noch kann.

Sie ist inzwischen Star einer Bewegung, die auf Stars eigentlich keinen Wert legt. Seit sie im Januar 2008 einen Urantransport nach Russland im Alleingang stoppte, ist die 28-Jährige mit den jungenhaften Zügen das Gesicht des Widerstands. Das liegt in der Natur der Sache: Während die meisten Atomkraftgegner für gewöhnlich im Pulk demonstrieren, schwebt Cécile Lecomte über den Dingen. Sie sagt, sie tue das nicht, um aufzufallen. „Ich finde, jeder sollte das tun, was er am besten kann.“ Und es ist nun einmal keine Frage, dass die fröhliche Französin am besten klettern kann.

Ins Wendland, um Biber zu stoppen

Lecomte war 15, als sie daheim in Frankreich Teammeisterin im Sportklettern wurde. Damals lebte sie noch in Orléans und fuhr mit ihrer Mutter regelmäßig in die Alpen. Und da ihre Mutter auch politisch aktiv war, ging sie zudem regelmäßig auf Demonstrationen, gegen Fast Food, gegen die Überflussgesellschaft, gegen den Kapitalismus. Die Idee, den Protest und die Leidenschaft zu kombinieren, kam ihr erst später, als Studentin in Bayreuth.

Als ihr damals, kurz nach der Jahrtausendwende, ein Kommilitone einen Artikel über Castor-Transporte in die Hand drückte, verstand sie erst nicht, was Atomkraft mit Tierschutz zu tun hat. „Castor“ bedeutet im Französischen Biber, von dem strahlenden Nuklearmüll, für den es bis heute kein sicheres Endlager gibt, hatte sie noch nicht gehört. Man klärte sie auf, man gab ihr Bücher. Cécile Lecomte las und lernte. Und als sie verstanden hatte, machte sie sich zum ersten Mal auf ins Wendland. Um Biber zu stoppen.

Heute spricht sie fließend Deutsch. Und hat es bis zu den Demonstrationen nicht mehr allzu weit. Sie lebt jetzt in Lüneburg, am Nordrand der Stadt, auf einer matschigen Wiese zwischen Schrebergärten und dem Sportplatz. Ihr Zuhause ist ein doppelstöckiger Bauwagen, eine mobile Villa Kunterbunt mit Wintergarten, Kachelofen und einem Gasherd, in dem sie ihr Brot selber backt. Das Schlafzimmer ist eine aufgesetzte Koje, die mit einer Strickleiter und einem Trapez erreichbar ist. So bleibt sie in Übung.

Vor wenigen Wochen erst ist sie mit ihrem alten Kumpel Karsten, der noch keinen Strom hat, mit Ilka und Axel, die nebenan in einem alten Bienenwagen wohnen, und mit einem rollenden Klohäuschen auf die Wiese gezogen. Ein halbes Jahr hatten sie zuvor mit der Stadt Lüneburg verhandelt. Die wollte erst keine Fläche rausrücken für Lecomtes Verein „Lebenswagen“. Die Französin hakte beharrlich nach, jetzt hat sie, was sie wollte. 30 Menschen sollen bald schon in dem Bauwagendorf leben, noch vor dem Winter wird die Stadt wohl für einen Wasseranschluss sorgen. „Ich bin schon auch ein bisschen bockig“, sagt Lecomte.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Warum Lecomte im Gefängnis saß.

Deutschlands Justiz kann ein Lied davon singen. Keiner weiß, wie viele Anzeigen gegen die aufmüpfige Französin bereits erstattet wurden. Es werden wohl ein paar hundert sein. Widerstand, Verstoß gegen das Versammlungsgesetz, Nötigung, Belästigung, Beleidigung: Es gibt wenige Paragrafen, die noch nicht gegen Cécile Lecomte angewandt wurden. Grobe Ungehörigkeiten zählen auch dazu. Einmal zum Beispiel fuhr sie mit dem Einrad auf Lüneburgs Marktplatz Slalom. An und für sich nichts Schlimmes – wären die Slalomstangen nicht Soldaten gewesen, die dort gerade ihr Gelöbnis ablegten.

Vor allem aber klettert Lecomte nach Ansicht ihrer Verfolger allzu oft im gesetzlosen Raum. Im Februar 2006 schwang sie sich zum Protest gegen den Schacht Konrad in eine Baumkrone. Pech für sie: Im Stadtgebiet von Lüneburg ist das Sitzen auf Stromkästen, das Liegen auf dem Gehsteig und das Klettern auf Bäume verboten. Ein Obdachlosen-Paragraf, der sich mühelos auch gegen Lecomte anwenden ließ. Als sie vor Gericht saß, skandierten Dutzende Unterstützer „Freiheit für das Eichhörnchen!“ Seither hat sie einen Spitznamen.

Nein, sagt Lecomte, sie provoziere nicht aus Prinzip. „Ich will diese Gesellschaft verändern.“ Sie verstehe nicht, wieso die meisten Menschen sich das alles gefallen ließen: den ökonomischen Druck, die Angstmacherei der Politik, die Lügen der Konzerne, die ewige Leier von Geld und Wachstum. „Schrumpftum“ sei ihr Credo, sagt die Frau mit der spitzen Nase. Wenn es nach ihr ginge, dürfte es von allem ein bisschen weniger sein. Deswegen zieht sie auch regelmäßig los und angelt in Müllcontainern von Supermärkten nach Verwertbarem, obwohl sie inzwischen über ein Patensystem der „Bewegungsstiftung“ halbwegs finanziert wird. „Guck mal“, sagt sie und holt ein halbes Päckchen einwandfreie Berliner aus ihrer Wohnwagen-Vitrine. „Wieso wird das weggeworfen?“

Sie kapiert es nicht. Sie versucht, zu begreifen. Egal, was sie tut. Deswegen hat sie auch Wirtschaft studiert. „Ich will verstehen, wogegen ich protestiere.“ Inzwischen ist das eine ganze Menge. In Frankfurt ist sie auf Hochhäuser geklettert, um den Banken auf der Nase herum zu tanzen. Gegen den Flughafenausbau hat sie einen Baum besetzt. In Bad Freienwalde und in Würzburg hat sie geholfen, Genfelder zu „befreien“, in Lacoma gegen den Braunkohleabbau demonstriert. In Stuttgart war sie auch erst vor ein paar Wochen und hat dort einen Baukran erklommen. Mit dem Strafbefehl rechnet sie seither täglich.

Die Atomkraft aber versteht sie am allerwenigsten. Dass die Politik allen Ernstes eine Energieform als sauber und günstig preise, deren Hinterlassenschaften noch Jahrtausende strahlen werden und für die es europaweit kein sicheres Depot gebe, gehe ihr nicht in den Kopf, sagt sie. Deswegen hängt sie sich rein. Bei jedem Transport, von dem sie Wind bekommt. Als im Januar 2008 ein weiterer Transport mit radioaktivem und hochgiftigem Uranhexafluorid von Grohnau nach Russland startete, setzte sich auch Cécile Lecomte in Bewegung, spannte im Wald von Steinfurt ein Seil zwischen zwei Bäume und baumelte in der Eiseskälte über den Gleisen. Mehr als sechs Stunden hielt der Zug ihretwegen. Das Eichhörnchen hatte den Biber gestoppt. Sie hat ein gerahmtes Foto von der Aktion in ihrem Bauwagen stehen: Es zeigt einen Polizisten in einer Baumkrone, der sie vorsichtig zu sich hinüber zieht. Sie lächelt dabei.

Natürlich wurde ihr auch deshalb der Prozess gemacht. Und auch diesen hat sie, fürs Erste, gewonnen. Lecomte, befand das Gericht, habe nicht im „Regellichtraum“ des Zuges gehangen, dieser hätte also, theoretisch, unter ihr hindurch fahren können. „Zu hoch für die Justiz!“, jubelte die linke Presse. Schon aber steht der nächste Prozess vor der Tür. Weil sie bei einer weiteren Zugblockade im April 2009 einem Polizisten zurief, er solle ihr Seil loslassen, sie werde sonst stürzen, folgte prompt wieder eine Anzeige. Diesmal wegen „verbaler Nötigung“. „Die lassen nicht locker“, sagt Lecomte, die gerade dabei ist, ein Buch zu schreiben. Es handelt sich um schrullige Kurzgeschichten aus deutschen Gerichtssälen. Sie lässt ebenfalls nicht locker. Als eines ihrer unzähligen Verfahren eingestellt wurde, protestierte sie auch dagegen – und pochte auf einen Freispruch.

Das Schlimmste: vier Tage im Gefängnis

Wie wenig Spaß allerdings die Behörden verstehen, wenn es um Cécile Lecomte geht, zeigte sich wenige Tage vor dem Castor-Transport 2008. Damals besetzte die Französin mit vier Mitstreitern eine Brücke und wurde dabei festgenommen. Während die anderen Aktivisten danach wieder gehen durften, wurde Lecomte abgeführt und vier Tage lang in Braunschweig in eine Einzelzelle gesperrt. Was sie dort erlebte, ist inzwischen Gegenstand einer Verfassungsbeschwerde. Nicht nur sollen die Polizisten die ganze Nacht über das Licht in Lecomtes Zelle angelassen haben. Vor allem kann die Aktivistin beweisen, dass in ihrem Gewahrsamstrakt bizarre Fotos und offenbar witzig gemeinte Polizei-Kunst an den Wänden hingen. Ein Bild zeigt einen Gefangenen, der an Händen und Füßen gefesselt auf einer Pritsche kauert. Daneben eine tiefe Delle in der Wand auf Kopfhöhe, um die ein Rahmen gehängt wurde – darunter die Textzeile „Kopfstoß gleich kopflos“.

Die vier Tage im Gefängnis, sagt Lecomte heute, gehörten zum Schlimmsten, das sie je erlebt habe. Noch einmal werde sie das nicht aushalten. Umso beunruhigter ist sie, seit der NDR jüngst eine Dokumentation über den Widerstand im Wendland ausstrahlte. Der Polizeipräsident von Lüneburg, Friedrich Niehörster, sagt darin unumwunden über Lecomte: „Das ist absolut krank, was sie da macht.“ Es sei im Übrigen „nicht undenkbar“, dass man besondere Störenfriede auch in diesem Jahr gesondert behandeln werde.

Die Kletter-Aktivistin, da kann man sicher sein, wird das nicht davon abhalten, auch in dieser Sturmsaison auf den Bäumen zu sein. Gerade dieses Mal sei die Hoffnung so groß wie nie, „dass wir den Castor zurückschicken werden“. In diesem Herbst hätten sogar Pfadfinder, Katholiken und die SPD Widerstand angekündigt. Letzteres wird in der Szene zwar als durchsichtiger Populismus beschimpft, andererseits nehmen es die Uralt-Aktivisten als Zeichen dafür, dass ihr Protest endgültig in der Mitte angekommen ist. „Dieses Jahr ist ein total anderes Ausmaß des Widerstands“, sagt Lecomte. Kneifen gelte nicht. „Ich würde nicht klar damit kommen, nichts zu machen.“

Irgendwann allerdings wird sie damit wohl klar kommen müssen. Cécile Lecomte nämlich ist inzwischen schwerbehindert. Seit bei ihr vor sechs Jahren Rheuma diagnostiziert wurde, fällt es ihr immer schwerer, sich zu bewegen. Bisweilen schwellen die Gelenke auf Ballongröße an, mehr als zwei Kilometer am Stück kann die trotzige Frau längst nicht mehr laufen. In den Bergen war sie seit Jahren nicht mehr. Bäume aber schafft sie noch mit erstaunlicher Flinkheit. „Klettern“, sagt das Eichhörnchen, „ist für mich wie ein Schmerzmittel.“ Aber wie lange noch? Cécile Lecomte versucht den Gedanken an diese traurige Ironie so weit es geht zu verdrängen: dass das Gesicht der Bewegung sich irgendwann wohl nicht mehr wird bewegen können.

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