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African Angels „Wenn es in dir ist, musst du singen“

Aus dem Township auf die Opernbühne: Wie eine junge Sänger-Generation klassische Musik in die Armenviertel bringt.

Die „African Angels“ haben von Gospel über Operettenmelodien bis hin zu traditionellen Liedern auf Xhosa ein großes Repertoire. In Gelb in der Mitte: Bukelwa Velem. Foto: Kim Stevens

Die braune Pelzmütze – eine, die gut vor der Kälte eines sibirischen Winters schützen könnte – hüpft fröhlich auf und ab. Darunter bewegen sich im Takt ein Fellkragen und ein auffälliger schwarz-goldener Glitzerschal. Die langen dünnen Finger der alten Dame unterstreichen energisch ihren inbrünstigen Gesang. Es ist ein warmer, sonniger Sonntag. Die Langa Methodist Church im Langa-Township von Kapstadt ist bis auf den letzten Platz besetzt. Es ist bereits der zweite Gottesdienst an diesem Morgen.

Noch bevor der Pfarrer überhaupt die Kanzel betreten hat, heben immer wieder einzelne Frauen mit kunstvollen Flechtfrisuren zu singen an, kleine Jungen in Anzügen und Mütter in schreiend bunten Gewändern stimmen lautstark ein. Es wird getanzt und geklatscht. Der Raum vibriert vor vitaler Lebensfreude, die in einer deutschen Kirche nicht mal an Weihnachten denkbar wäre.

Unter den Gottesdienstbesuchern ist auch die 35-jährige Bukelwa Velem, die alle nur „Bucki“ nennen. Wie alle anderen hat sie sich für den Kirchgang schick gemacht: Ihr leuchtend gelber Rock mit den blauen Tupfen passt gut zu diesem südafrikanischen Sommertag. Aber auch die Wintermütze auf dem Kopf der alten Dame in der Bank vor ihr fällt nicht auf. Jeder trägt das Beste, was er hat.

Für Bucki ist Singen ihr Leben, ihr Beruf und ein bisschen auch ihr Schicksal. Sie kommt aus einfachen Verhältnissen, ist in East London am Ostkap aufgewachsen. Nach dem Abitur wusste sie nicht, was aus ihr werden sollte: Sie hatte keinen Job, sah keine Zukunftsperspektive. Also trat sie einem Chor bei, um sich wenigstens mit etwas zu beschäftigen, was ihr Spaß macht. Dem Chorleiter fiel schnell Buckis klangvolle Sopran-Stimme auf. Er gab ihr einen Stapel Kassetten und die Aufgabe, die Aufnahmen zu Hause nachzusingen: „Caro mio bene“ von Giuseppe Giordano. „Ich hatte in meinem Leben vorher noch nie eine Oper gehört“, erinnert sie sich. Aber sie übte. Und fuhr 2002 zu einem Vorsingen der Cape Town Opera (CTO). Seitdem ist sie fest im Ensemble: „Ich hatte meine eine Chance und die habe ich ergriffen.“

Buckis Geschichte ist exemplarisch für viele Sänger der Kapstädter Oper. Da wäre zum Beispiel Tenor Mthunzi Mbombela, mit 48 einer der ältesten. Er sang von klein auf im Schulchor, wollte aber eigentlich Lehrer werden. „Oper, das war damals nur was für Weiße“, sagt er. 1994 landete Mthunzi in seiner Heimatstadt Port Elizabeth zufällig bei einem Vorsingen, wurde nach Kapstadt eingeladen und prompt engagiert. In seiner Familie stieß das jedoch ganz und gar nicht auf Zustimmung, dass der Sohn plötzlich Opernsänger werden wollte: „Ich hatte richtig Streit mit meiner Mutter, musste mir meinen Weg erkämpfen. Damals hatten wir keine Vorbilder. Unsere Eltern wollten, dass wir Polizisten und Ärzte werden. Aber Sänger …“.

Heute kommt Mthunzis Familie zu jeder seiner Aufführungen. Die Oper von Kapstadt ist nach europäischen Maßstäben ein sehr junges Haus. In den Zwanzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts entstand zunächst an der Universität der südafrikanischen Küstenstadt eine akademische Schule, die Sänger jeder Hautfarbe ausbildete. Mit dem Höhepunkt der Apartheid nach dem Zweiten Weltkrieg waren sowohl der Besuch als auch das Mitwirken bei einer Oper fast ausschließlich der weißen Oberschicht vorbehalten. 1971 öffnete schließlich ein Opernhaus nur für Weiße. Erst Jahre später gelang es dem Cape Performing Arts Board (CAPAB) durch Auftritte in schwarzen Schulen und Gemeinden, auch einem nicht weißen Publikum die Opernkunst zu vermitteln. 1999 gründete sich die heutige Cape Town Opera (CTO) dank der Unterstützung von opernbegeisterten Geschäftsleuten auf gemeinnütziger Basis.

Inzwischen ist der Opernchor der CTO international bekannt und geht etwa sechs Monate im Jahr auf Tournee. In diesem April kommen die Künstler nach Deutschland und in die Schweiz – mit 18 ausgewählten Sängern, den „African Angels“, die eine Mischung aus traditioneller afrikanischer Musik, amerikanischem Gospel und Operettenmelodien auf die Bühne bringen. Aber auch zu Hause in Kapstadt gibt es ein Publikum für Opern jeder Couleur. Vergangenes Jahr spielte das Ensemble etwa „Salomé“, gerade lief sehr erfolgreich „Rigoletto“ und für das kommende Jahr plant der künstlerische Leiter Matthew Wild Wagners „Der fliegende Holländer“.

„Die Leute sind stolz auf ‚ihre‘ südafrikanischen Sänger“, sagt er. Mehr als 20 Jahre nach Ende der Apartheid spiele die Hautfarbe allerdings immer noch eine Rolle – trotz unterschiedlicher Initiativen der Oper, die ihr Repertoire einem gemischten Publikum nahebringen will. Vor allem die personenbezogene Begeisterung habe stark zugenommen, sagt Wild. „Wenn die Besetzung schwarz ist, ist auch das Publikum schwarz.“

Nach wie vor ist eine Karriere als Opernsänger ein Weg, der Armut zu entkommen und es nach Europa oder in die USA zu schaffen, erklärt er. Vor allem in den Townships sei daher das Singen im Chor sehr populär. Zwei Millionen der offiziell 3,5 Millionen Einwohner von Kapstadt wohnen in diesen nicht weißen, meist ärmlichen Vierteln – ein Überbleibsel der Rassentrennung in der Apartheid. Dabei geht es nicht unbedingt um den eigenen Erfolg, sondern vor allem darum, die Familie unterstützen zu können. Ihr aller Vorbild ist die schwarze Südafrikanerin Pretty Yende, die als weltweit gefeierte Sängerin heute in Mailand lebt. Wild studiert mit dem Ensemble deshalb deutschsprachige Opern wie Mozarts „Zauberflöte“ ein. „Wir wollen die Sänger auf Engagements im Ausland, zum Beispiel in Deutschland vorbereiten.“

Sprachliche Vielfalt gehört sowieso fest zum südafrikanischen Alltag: Seit dem Ende des Apartheidregimes gibt es in dem Regenbogenstaat elf amtliche Landessprachen. Klar, dass sich diese Bandbreite auch musikalisch niederschlägt. Die „African Angels“ interpretieren neben englischen Gospelsongs auch ganz selbstverständlich das Champagner-Lied aus der Johann-Strauß-Operette „Die Fledermaus“ auf Xhosa, einer Sprache, die reich an schnalzenden Klicklauten ist.

Geprobt wird im Artscape Theatre Centre, das mitten in Kapstadt liegt. In einem schmucklosen, nicht sonderlich großen Raum bearbeitet Chorleiter Marvin Kernelle den Flügel. Die Sänger sitzen gemütlich, teilweise mit ausgestreckten Beinen und verschränkten Armen hinter Notenständern. Trotz dieser bequemen Haltung ist schnell hörbar, dass der Raum der Stimmgewalt dieses Chores nicht gewachsen ist. Buckis Freundin und Mitbewohnerin, die 33-jährige Babongile Manga, ist sicher: „Wir sind als Opernsänger ausgebildet, aber unsere Stimmen sind flexibel, wir können alles singen.“ Die junge Frau mit der beeindruckenden Hochsteckfrisur träumt von einer internationalen Karriere. Ihr größter Wunsch: Einmal die Musetta in Puccinis „La Bohème“ sein. „Ich wurde als Entertainerin geboren, ich gehöre auf die Bühne. Wenn es in dir ist, musst du singen. Ich könnte mir nicht vorstellen, im Büro zu arbeiten“. So selbstbewusst war Babongile nicht immer. Sie sang zwar schon als Kind im Schulchor und hat eine Familie, die früh ihr musikalisches Talent erkannt und gefördert hat. Aber dass zwischen Kapstadt und ihren Lieben eine 24-stündige Busfahrt liegt, hat ihr am Anfang zu schaffen gemacht. Inzwischen wird sie zu Hause am östlichen Kap wie ein Star empfangen. „Wenn ich heimfahre, fragen mich alle aus. Es ist jedes Mal überwältigend für mich, dass mich so viele Menschen respektieren, weil ich Opernsängerin bin.“

Und das ist die Sopranistin, die auch mit den „African Angels“ auf Tournee geht, – die Phrase sei an dieser Stelle erlaubt – mit Leib und Seele. „Ich singe, wenn ich koche, ich singe unter der Dusche, ich singe eigentlich immer“, sagt sie. Dennoch mache es für sie einen Unterschied, ob sie das auf der Bühne oder sonntags im Gottesdienst tue: „Wenn ich in der Kirche singe, lobe ich den Herren. Ich singe mit meiner Stimme, ich gebe mich meinem eigenen Rhythmus hin. In der Oper spiele ich eine Rolle, stelle einen bestimmten Charakter dar.“

Die Konkurrenz um begehrte Rollen und das erträumte Engagement in Europa, das weiß Babongile auch, ist groß: „Man muss geduldig sein, viel üben und Kontakte haben. In Südafrika gibt es so viele gute Sänger.“

Um die aufzuspüren, reisen Talentsucher der CTO einmal pro Jahr durch das 1 219 090 Quadratkilometer große Land und rekrutieren Nachwuchs für ein zweijähriges Trainingsprogramm, das die Oper in Kooperation mit der Uni anbietet.

Auch Tenor Mthunzi hat einst in dieser Ausbildung seine Stimme verfeinert und in den vergangenen Jahren mit dem Chor viel von der Welt gesehen. In Kapstadt lebt er mit seiner Frau und drei Kindern in einem Vorort. Er ist auf seinen Job und damit auch auf seine Stimme angewiesen: „Selbstdisziplin ist wichtig. Ich schreie nicht, ich rauche nicht, ich trinke keinen Alkohol. Die Stimme ist wie ein Laib Brot. Jedes Mal, wenn du singst, schneidest du eine Scheibe ab, aber du kannst entscheiden, wie dick.“

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