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Afghanistan In Kabul über die Pille schreiben

Afghanistan hat sein erstes Hochglanzmagazin für Frauen: Mit Artikeln über Verhütung, Mode und Kosmetik will das Blatt den Leserinnen zeigen, wie groß die Welt für Frauen sein kann. Ein gefährliches Vorhaben.

18.06.2017 14:51
"Gellarah" - erste Frauenmagazin in Afghanistan
Blick in das erste Frauenmagazin in Afghanistan, "Gellarah": Ein Thema ist die Sexdate-App Tinder. Foto: dpa

Es ist sogar ein ganz klein wenig nackte Haut zu sehen. Eine Hand drückt eine Brust – so, hier, fühlen, um einen Knoten zu spüren. Der Artikel im ersten afghanischen Hochglanzmagazin für Frauen erklärt wie man Brustkrebsvorsorge betreibt und dass man sich da – jawohl – anfassen dürfe, ohne ein loses Mädchen zu sein.

„Gellarah“ – was „sehr schöne Frau“ bedeutet – soll „das Image der afghanischen Frau in Afghanistan, aber auch im Ausland von schwarz-weiß zu bunt ändern“, sagt Fatana Hassansada (23), die Chefredakteurin. Sie macht das Magazin zusammen mit ihren zwei besten Freundinnen und einer Riege von Helferinnen in der afghanischen Hauptstadt Kabul.

„Was wir in den letzten 15 Jahren über afghanische Frauen gelesen haben“, sagt sie, „das waren Geschichten über Mädchen, die das Haus nicht verlassen dürfen, die zu jung verheiratet werden oder die das Opfer von bad dadan wurden“ – bad dadan (fürs Schlechte geben) ist eine Tradition, bei der Frauen in Konflikten zwischen Familien abgegeben werden, damit wieder Frieden herrscht. „Gellarah“ hingegen bietet jetzt Artikel an über eine erfolgreiche Yoga-Lehrerin in Kabul, afghanische Mode, die Pille und Kosmetik.

In Deutschland würde jeder sagen, das Übliche eben. In Afghanistan ist vieles davon unüblich. Zum Beispiel, dass die Frau auf dem Titel kein Kopftuch trägt. Dass afghanische Frauen darauf verzichten können sollen, ist eine Lieblingstirade von Hassansada, die selber keins trägt, dazu enge Jeans und ein Hemd, das kaum den Po bedeckt.

„Wir wollen eben auch Tabuthemen anfassen“, sagt Hassansada beim Gespräch in ihrem Mini-Büro mit ein paar Schreibnischen aus orangefarbenem Plastik. Geplant sind zum Beispiel Artikel zur Periode, die in Afghanistan „marisi“, Krankheit, genannt wird, oder zu Abtreibungen – heikel im muslimisch-konservativen Land.

Auf dem bunten Index auf Seite 2 sticht das Logo von „Tinder“ heraus, die Dating-App, die Leute für unverbindlichen Sex zusammenbringt. Die Autorin beschreibt die App als Mittel, um Freunde zu finden und das Selbstvertrauen zu fördern, verschweigt aber auch nicht den ursprünglichen Zweck. Es gibt auch in Kabul Väter, die ihre Töchter töten würden, sollten sie mit solchen Gedanken erwischt werden. Fatanah Hassansada zuckt mit den Schultern. „Manchmal frisst die Revolution eben ihre eigenen Kinder.“

Man hört aus der Art wie sie spricht ein wenig von ihren Helden heraus. Das Magazin ist aus einem Lesezirkel entstanden, den Hassansada und ihre Freundinnen gegründet hatten. Sie haben Simone de Beauvoir gelesen, Virginia Woolf oder Oriana Fallaci, die Kriegsreporterin und Islamkritikerin. Der Zirkel hat aus einer Gruppe von ehrgeizigen jungen Afghaninnen Feministinnen gemacht.

In indirekter Weise sind Hassansada und ihre Freundinnen das Resultat von 15 Jahren internationaler Frauenförderung in Afghanistan. Vieles davon ist schiefgelaufen, anderes ist klischeebelastete Fassade geblieben, und Resultate haben sich in den vergangenen Jahren vor allem auf dem Land oft wieder zersetzt. Dort, wo der neue Krieg mit den radikalislamischen Taliban tobt, geben weibliche Journalisten ihre Jobs auf, machen Frauenmärkte dicht, gibt es wieder mehr Berichte über Steinigungen von Mädchen für „unmoralisches Benehmen“.

Aber in den urbanen Zentren durften Zehntausende von Mädchen zur Schule, sogar zur Universität gehen, haben Welten jenseits des Heims kennengelernt. Das scheint in Nischen zu münden, in denen Frauen sich trauen, etwas Unkonventionelles auszuprobieren.

Es ist nicht ganz sicher, wie lange das gut gehen wird. Da sind existenzielle Fragen wie das Einkommen. Ein Magazin kostet etwa 1,30 Euro. 500 Exemplare haben die Macherinnen schon verkauft. „Gellarah“ hat ein paar Anzeigenkunden. Aber das deckt die Kosten nicht, geschweige denn Gehälter.

Es habe auch schon Drohungen gegeben, sagt Hassansada, zum Beispiel weil „Gellarah“ die kopftuchlose Frau propagiere. Bisher wirken die Macherinnen aber wenig verschreckt. Sie gehen selbst herum und verkaufen das Magazin, weil es Zeitungsstände in Afghanistan kaum gibt. Sie klopfen an Türen und suchen das Gespräch.

Sie wollen vor allem an die Frauen heran, denen der Zugang zur Außenwelt verwehrt wird, weil sie nicht raus dürfen oder weder Handy noch Computer besitzen, sagt Hassansada. Ihr Magazin soll zeigen, wie groß die Welt für Frauen sein kann. Eine Schwesternschaft, die für die Unterdrückten in ihrer Mitte sorgt.   (Christine-Felice Röhrs, dpa)

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