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Äthiopien Der Waldmacher in Afrika

Ein Mann kämpft gegen die Dürre in Afrika: Der australische Agrarexperte Tony Rinaudo treibt mit erstaunlichen Erfolgen die Wiederaufforstung voran. Ein Besuch in einer Oase in Äthiopien.

In den Bergen nahe der südäthiopischen Stadt Sodo steht das Gras saftig grün. Foto: J. Dieterich

Hier könnte man ohne weiteres „Heidi“ filmen. Der Wildbach plätschert lustig vor sich hin. Glücklich mampfen die Kühe das saftige Gras. Das Kinn auf seinen Stock gestützt blickt der Hirtenjunge verträumt ins Tal. Nur die dunkle Haut des Knaben lässt ahnen, dass hier nicht Heidis Heimat ist. Und zwei runde Grashütten verraten vollends, dass sich diese Postkartenidylle auf einem ganz anderen Kontinent als dem bayrischen abspielt. Wir befinden uns in Afrika, genauer gesagt: in den Bergen nahe der südäthiopischen Stadt Sodo.

 „Wenn Sie vor zehn Jahren hier gewesen wären, würden Sie noch viel mehr staunen“, sagt Tony Rinaudo. Der freundliche australische Agrarexperte scheint vor Glück gleich zu platzen: Als der 57-jährige Melbourner im Jahr 2006 zum ersten Mal nach Sodo kam, sahen die Berge noch wie nach einer Naturkatastrophe aus. Statt von Bäumen und Gras war die Landschaft damals höchstens von stacheligen Büschen und Kriechpflanzen bedeckt, die Erosion hatte tiefe Furchen in die Abhänge gerissen, und immer wieder stürzte eine Erdlawine ins Tal, die zuweilen auch einige der afrikanischen Hütten mit sich riss. Einmal wurde eine fünfköpfige Familie unter den Erdmassen begraben.

In jener Zeit waren die Menschen in der Region Sodo noch auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen – genau wie im 50 Kilometer weiter südwestlich gelegenen Dörfchen Humbo, dessen Hausberg dem nackten Buckel eines Nilpferds glich. Tony Rinaudo war damals von der Hilfsorganisation World Vision nach Humbo geschickt worden, um eine der letzten noch fließenden Quellen einzufassen. Doch der Agrarexperte sah schnell, dass die dortige Bevölkerung ein wesentlich größeres Problem als die nichteingefasste Quelle hatte. Mit dem ständigen Abholzen der Bäume und dem Übergrasen der Weiden hatte sie ihre eigene Lebensgrundlage zerstört.

Tony Rinaudo kannte ein ähnliches Problem von einem anderen Ort. 1980 war der australische Wald- und Wiesenfachmann von einer Mission in den westafrikanischen Staat Niger gesandt worden: Er sollte die sich ständig weiter ausdehnende Wüste aufhalten. Rinaudo pflanzte jahrelang unzählige Bäumchen, die jedoch alle nach kürzester Zeit wieder verdorrten. „Ich war verzweifelt und wollte nach Australien zurück“, erinnert er sich. „Ich betete zu Gott, dass er mich hier rausholen oder mir helfen solle.“ Als Rinaudo wenig später die kümmerlichen Pflänzchen in der Halbwüste genauer studierte, fiel ihm plötzlich auf: Bei den grünen Tupfern in der öden Landschaft handelte es sich nicht, wie er bisher angenommen hatte, um irgendein Kraut, sondern um die Triebe früher gefällter Bäume, die im Boden unter dem heißen Halbwüstensand ein ganzes Geflecht an Wurzeln hinterlassen hatten. Der zerstörte Wald war gewissermaßen in den Untergrund abgetaucht.

Neue Bäume waren überflüssig

Nach jedem Regen schlug das Wurzelgeflecht zwar Triebe, die aber sofort wieder vom hungrigen Vieh verschlungen wurden. Nie konnten die Sprösslinge zu richtigen Bäumen heranwachsen. Rinaudos erkannte, dass man den Wurzeltrieben nur eine Chance geben und die heranwachsenden Büsche zu Bäumen beschneiden musste. Neue Bäume zu pflanzen war ganz und gar überflüssig.

Tony Rinaudos Entdeckung könnte für Afrika bedeutender als Milliarden von Dollar an Entwicklungshilfe werden. Kein Erdteil hat mehr Bäume verloren als der afrikanische: Äthiopien büßte in den vergangenen 50 Jahren 98 Prozent seines Waldes ein. Dabei sind Bäume die zweifellos wichtigsten Hüter der Erde. Sie wirken der Erosion entgegen, absorbieren Regenwasser, halten Feuchtigkeit im Boden, spenden Schatten, und manche von ihnen geben ganz nebenbei sogar noch düngenden Stickstoff ab.

Mit Rinaudos Entdeckung könnten Millionen von Hektar Land, von übermäßiger Beanspruchung zerstört, wieder in fruchtbaren Boden, saftige Weiden und intakte Wälder verwandelt werden. Und das alles praktisch zum Nulltarif. Mit ihr könnte auch den Folgen der Klimaerwärmung begegnet werden, die Afrika wie keinen anderen Kontinent in Mitleidenschaft zieht. Das alles ahnte der heute 58-Jährige damals allerdings noch nicht – für ihn fing erst einmal die Knochenarbeit an.

Zunächst musste Rinaudo die nigrische Regierung davon überzeugen, die Bäume nicht länger als Staatseigentum in Anspruch zu nehmen, sondern zum Besitz der Bevölkerung zu erklären – auf diese Weise würden die Nigrer achtsamer mit ihren Schätzen umgehen. Bislang hatten sie ihre spärlichen Wäldchen zu Feuerholz zerkleinert und zu Holzkohle verarbeitet. „Man hat immer nur von der Natur nur genommen, ihr aber nie etwas zurückgegeben“, sagt der Agrarwissenschaftler.

Als nächstes musste Rinaudo beweisen, dass seine These auch der Praxis standhielt. Er zäunte ein Versuchsareal ab, um das Vieh draußen zu halten, und schnippelte die langsam heranwachsenden Büsche geduldig zu Bäumen zurecht. Schon wenige Jahre später war aus dem ödem Versuchsfeld ein spärlich bewachsenes Wäldchen geworden – und heute stehen in der von Rinaudo betreuten Region im Niger auf jedem Hektar 45 statt lediglich vier Bäumchen. Insgesamt ist die Zahl der Bodenschützer von fünf Millionen auf heute 200 Millionen in die Höhe geschossen.

Wenn es im Halbwüstenland Niger funktioniert hat, dann wird es auch im klimatisch wesentlich freundlicheren Süden von Äthiopien klappen, wagte Rinaudo zu hoffen. Er musste nur die Bevölkerung von Humbo für sein Vorhaben gewinnen – und auf dem nackten Nilpferdbuckel würden wieder Wäldchen wachsen. Das stellte sich allerdings wesentlich komplizierter als erwartet heraus, denn die Leute von Humbo begegneten dem Fremden mit Argwohn. Sie hielten ihn für einen Scharlatan, der es in Wahrheit auf ihr Land abgesehen habe. So musste sich Rinaudo zunächst mit einer Handvoll Getreuen in einer einzigen Kooperative begnügen – heute ist sie eine von sieben Kooperativen und hat mehr als 5000 Mitglieder.

Zu seinen ersten Verbündeten zählte Katmar Anato, dessen direkt am Fuß des Nilpferdbuckels gelegene Farm immer wieder von Erdlawinen überrollt wurde – in solchen Fällen war zumindest seine Ernte dahin. Anato hatte außer den verdammten Erdlawinen also nichts zu verlieren und war bereit, Rinaudo eine Chance einzuräumen. Wie effektiv der Australier diese nutzen würde, hätte sich der Landwirt damals allerdings nicht träumen lassen.

Nicht nur, dass von den inzwischen wieder mit Bäumchen bewachsenen Hängen keine Lawinen mehr herabdonnern. Auch die Temperatur habe sich verändert, sagt Anato: „Man hat das Gefühl, hier in einem Kühlschrank zu sitzen“. Mit seinen Fruchtbäumen, den Kaffeebüschen und Maisstauden sieht das hinter dem kleinen Farmhaus gelegene Gut des Bauern heute wie ein grünes Paradies aus – obwohl es in diesem Jahr so wenig wie schon seit Jahren nicht mehr geregnet hat. In Humbo scheint die Hitze jedoch wesentlich weniger Schaden als im Umland anzurichten, was Rinaudo auch nicht weiter wundert. Seine Messungen haben ergeben, dass die Bodentemperatur unter einem Baum selbst in der Mittagshitze bei rund 36 Grad verharrt, während sie auf dem freien Feld bis auf 71 Grad ansteigt. Vermutlich wirke sich der Baumbestand auch aufs Mikroklima aus, fügt der Agrarexperte hinzu. Er habe immer wieder beobachtet, dass sich die Wolken über einer erhitzten freien Fläche verziehen, während sie über einem kühlen Waldstück abregnen.

Menschen sind auf Lebensmittelhilfe angewiesen

Humbos Kooperativen haben derzeit 30 Tonnen Mais in ihrem Speicher gebunkert, während das Umland wieder einmal auf Lebensmittelhilfe angewiesen ist. Vor 20 Jahren hing auch Humbo noch am Tropf der Nahrungsmittelhilfe. Vor zwei Jahren hat das Dorf jedoch 100 Tonnen seiner Maisüberschüsse an das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen verkauft. „Wir sind vom Hilfsempfänger zur Kornkammer geworden“, sagt Rinaudo: „Kann einem Entwicklungsprojekt etwas Besseres passieren?“ Für die einstigen Skeptiker des Projekts – allen voran die Köhler, die nicht ohne Grund ihre Einnahmequelle gefährdet sahen – ließen sich der australische Entwicklungshelfer und sein äthiopisches Gegenüber Kebede Asafa zu Beginn des Projekts etwas Besonderes einfallen. Sie boten den Holzbrennern eine alternative Berufsausbildung an: Einige wurden zu Frisörinnen, andere zu Schneidern umgelernt und mit einem kleinen Salon oder einer Nähmaschine ausgerüstet. Mit seiner Schneiderei verdiene er heute deutlich mehr als zuvor, sagt der 24-jährige Wadu Henok: „Und es macht mir auch mehr Spaß“.

Bald stellte die Bevölkerung des Distrikts fest, dass sie von einer intakten Umwelt besser als von einer zerstörten profitieren konnten. Mit Umsicht kann aus den geschützten Wäldchen heute mehr Holz geschlagen werden als vom kahlgeschlagenen Nilpferdrücken. Asafa und Rinaudo zeigten den einheimischen Bauern außerdem bessere Anbaumethoden. Und schließlich führten sie neue „Cash-Produkte“ wie Apfelbäumchen oder Bienen ein, deren Honig auf dem Exportmarkt zehn US-Dollar das Kilo einbringt. „Das wollten die Leute hier zuerst gar nicht glauben“, erinnert sich Asafa. Schließlich wurde auch der letzte Widerstand gebrochen, als die Bewohner Humbos vom „Mechanismus für umweltverträgliche Entwicklung“, dem CDM, erfuhren, dem in Kyoto vereinbarten Finanzausgleich zwischen industriellen Umweltsündern und Öko-Initiativen aus der Dritten Welt.

Unternehmen aus den Industriestaaten, die die Atmosphäre mit ungebührlichen Mengen an Kohlenwasserstoffen belasten, können ihr Vergehen mit Zahlungen an Projekten in Entwicklungsländern ausgleichen, die etwa zur Wiederaufforstung und damit zur Säuberung der Luft beitragen. Seit 2010 streichen die sieben Kooperativen in Humbo jährlich zwischen 35 000 und 70 000 US-Dollar ein – für hiesige Verhältnisse gigantische Summen. Das Geld wurde in einen Getreidespeicher, eine Maismühle und Bewässerungsanlagen investiert: Errungenschaften, von denen die Farmer noch lange profitieren werden.

Allerdings wird Kebede Asafa derzeit auch von einer Sorge umgetrieben. In den neu entstandenen Wäldchen tummeln sich immer mehr wilde Tiere: Hyänen und Leoparden, Stachelschweine und Affen, die die Ackerbauern und Viehbesitzer verärgern. „Wir haben schon schlimmere Probleme gelöst“, sucht Rinaudo seinen äthiopischen Freund zu beruhigen.

Bahnbrechende Methode

Inzwischen tritt die Methode des Australiers – die „Farmer Managed Natural Regeneration“ (FMNR), wie sie unter Fachleuten genannt wird – einen Siegeszug über Afrika an. World Vision veranstaltete in den zurückliegenden Jahren Konferenzen in Malawi und Kenia, zu denen Interessierte aus zahlreichen afrikanischen Staaten kamen. Sie waren von Rinaudos Vortrag dermaßen angetan, dass sie seine Methode in ihrer Heimat testen wollten. Mittlerweile wird FMNR in mehr als 15 Staaten des Kontinents ausprobiert: Darunter Somaliland, dem Härtefall. „Während es im Niger wenigstens noch jährlich 400 Millimeter regnet“, sagt Rinaudo, „fällt in Somaliland nicht einmal halb so viel Niederschlag.“

Ein kleiner Konvoi von Geländewagen brettert durch die sengende Hitze einer Mondlandschaft. Während der achtstündigen Fahrt von der somaliländischen Hauptstadt Hergeisa zum Roten Meer sind nur ganz wenige Bäume und fast kein Grün auszumachen. Dafür immer wieder Kinder, die am Pistenrand um Wasser betteln, oder Ziegen- und Kamel-Kadaver. Betagte Somaliländer erinnern sich, dass auf den Hügeln ihres international nicht anerkannten Landes einst Bäume wuchsen und Tiere ästen. Doch mittlerweile haben die Köhler alles kahlgeschlagen, und eine Dürre jagt die andere. „Sollte es hier funktionieren“, sagt Rinaudo, „dann klappt es überall.“

Vor uns taucht ein abgezäuntes Areal auf, dessen mannshohe Bäumchen schon von weitem zu erkennen waren. Im Dürrejahr und mit seinen noch leeren Bienenstöcken sieht das Versuchsfeld nicht gerade blühend aus. Doch immerhin sind die Bäumchen weiter gewachsen, und zwischen den Büschen wächst Gras, das die Dorfbewohner für ihre Hütten brauchen. „Warten Sie noch ein, zwei Jahre“, sagt Rinaudo, „dann sieht das hier schon besser aus“.

Nur wenige Kilometer entfernt experimentiert auch Ibrahim Muse Elim mit der neuen Methode. Er hält die Ziegen fern und lässt zwischen seinen Beeten Bäumchen wachsen. Früher habe er gedacht, dass die Bäume seinem Gemüse die Nahrung wegnähmen, sagt der 56-Jährige. Ibrahim verfügt über Grundwasser, für das er wegen der Dürre allerdings immer tiefer bohren muss, und hat am Rand seines Grundstücks ein kleines Gewächshaus für Setzlinge errichtet. Mit der neuen Methode ernte er fast doppelt so viel wie zuvor, erzählt der Farmer. Inzwischen schicke er alle seine zehn Kinder zur Schule und habe dem Ältesten kürzlich sogar eine Hochzeit finanziert. Tony Rinaudo bückt sich zu einem kleinen Busch hinab, um vorsichtig mit seinem abgenutzten Klappmesser die Seitentriebe zu beschneiden. „Wenn ich so etwas höre“, sagt der Waldmacher, „dann könnte ich weinen“.

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