Lade Inhalte...

Adventskalender Die Perfidie dreht wilde Loopings

„Therapy“ ist der Mop, um unter dem Teppich, unter den sonst reichlich viel gekehrt wird, mal wieder gründlich durchzuwischen.

Das Erlebnis ist zwar schon einige Jahre her, es hat sich aber nachhaltig ins kollektive Gedächtnis der Gruppe eingebrannt, die dereinst um den Tisch saß. Man war sowohl familiär als auch freundschaftlich miteinander verbunden, kannte sich also recht gut, soweit das menschenmöglich ist. Es war ein trüber Winterabend, den vorherigen hatte man überwiegend mit dem Konsum von Spirituosen zugebracht, die der Hausherr von Reisen „in den Ostblock“ mitgebracht hatte. Dementsprechend litt die Gesprächsqualität. Für Gelegenheiten wie diese werden Gesellschaftsspiele erfunden. Die Wahl fiel auf „Therapy“, das damals noch so neu war wie „Die satanischen Verse“ von Salman Rushdie.

Der Aufbau – Brett, Kärtchen, Spielsteine – erforderte wenig Geschick, die Anleitung war schnell gelesen und auch mit schwerem Schädel verständlich. Die erste Aufgabe – die Deutung eines Rorschach-Tintenkleckses („Kotzender Schmetterling? Motte mit Bandscheibenvorfall? Bongotrommelnde Fledermaus?“) – verlief noch glimpflich. Aber dann. Nach der Frage „Wer hier in der Runde hat einen dunklen Punkt in seiner Vergangenheit?“ wurde ersichtlich, wer wem was so alles zutraut. Zusammenfassend lässt sich sagen: Es war Etliches. Die Stimmung sank knapp über den Gefrierpunkt.

Und es wurde nicht wärmer. Bei „Therapy“ dreht die Perfidie mehrere Loopings. Es geht darum einzuschätzen, wie ein Mitspieler sich selbst einschätzt, meist auf der klassischen Skala von 1 bis 10: „Für wie attraktiv hältst du dich?“ Mitspielerin J. gab sich selbst eine 7, Mitspieler T. (ihr künftiger Schwager) tippte auf 2 und das nicht im Scherz. „Du findest mich also hässlich“, sagte J. „Nein, ich glaube, dass du dich hässlich findest“, entgegnete T. Die Gruppe senkte betreten die Köpfe. Mitspielerin A., bemüht zwischen ihrer Schwester und ihrem baldigen Gatten zu vermitteln, war den Tränen nahe. Man brachte eine Flasche Karlsbader Becher-Bitter und reiste am nächsten Morgen mit einem Gefühl der Beklemmung in verschiedene Himmelsrichtungen ab. Es dauerte Wochen, bis J. und T. wieder miteinander sprachen.

Aber eines steht fest: „Therapy“ ist quasi der Mop, um unter dem Teppich, unter den sonst reichlich viel gekehrt wird, mal wieder gründlich durchzuwischen. Und das ist doch ideal zum Fest der Liebe.

Das Original-Spiel, erschienen bei MB, ist zum Beispiel bei Ebay erhältlich. Die Neuauflage des „Psycho-Klassikers“, herausgegeben von Parker, ist ebenfalls bei Ebay im Angebot und kostet etwa 40 Euro.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Adventskalender

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen