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ADAC-Pannenhelferin „ Männer müssen ganz tapfer sein“

Susa Bobke ist eine von nur fünf weiblichen „Gelben Engeln“ beim ADAC. In ihrem Buch schreibt sie über Pannen, Proleten und zu viel Testosteron im Fruchtwasser.

30.07.2010 12:19
Die Pannenhelferin und ein Gestrandeter auf der Bundesstraße. 50.000 Kilometer legt sie pro Jahr für den ADAC zurück. Foto: Finepic

Susa Bobke ist eine von nur fünf weiblichen „Gelben Engeln“ beim ADAC. In ihrem Buch schreibt sie über Pannen, Proleten und zu viel Testosteron im Fruchtwasser.

Frau Bobke, Sie arbeiten als Gelber Engel. Wie reagieren männliche Kunden auf Sie?

Ich muss mir schon häufiger Sprüche anhören. Zum Beispiel „Wie findet Ihr Freund das?“ Ich antworte dann: „Welcher Freund?“ Die Frage zielt natürlich darauf ab, ob der Freund das erlaubt, dass ich mir die Hände so schmutzig mache, dass ich so grauenhaft aussehe in meinem Kittel, dass ich alleine unterwegs bin.

Stimmt es, dass man Sie sogar gefragt hat, ob Sie eine Ausbildung haben?

Ja, vor allem in den ersten Jahren. Ich habe immer geantwortet: „Natürlich habe ich keine Ausbildung. Ich bin die Aushilfe aus dem Büro.“ Wenn jeden Tag die gleichen Sprüche kommen, muss man sich was einfallen lassen.

Woran liegt das? Können Männer nicht damit umgehen, dass eine Frau sie „rettet“?

Für viele ist es stressig. Die müssen ganz tapfer sein. Vor allem wenn ich den Reifen wechsle. Inzwischen gibt es zwar einige, die das relativ souverän aushalten, aber die meisten reden sich um Kopf und Kragen. Die erzählen dann, was sie gerade an Verletzungen haben. Natürlich leiden sie nicht unter einem profanen Bandscheibenvorfall, sondern haben eine ganz sportliche, ganz potente Verletzung.

Ein echter Mann muss seinen Reifen selber wechseln?

Genau. Manche fragen sogar, ob ich nicht Hilfe brauche. Die versuchen, die Rollenverteilung wieder umzudrehen. Männer sind auch groß darin, jegliche Schuld von sich zu weisen. Wenn sie nicht getankt haben, ist der Bordcomputer schuld, andere sagen: „Das ist das Auto meiner Frau.“

Reagieren Frauen bei Pannen anders?

Frauen neigen dazu, die Schuld bei sich zu suchen, selbst wenn es überhaupt keinen Zusammenhang zwischen ihrem Verhalten und dem Problem gibt. Wenn bei denen ein Reifen kaputt ist, entschuldigen sie sich, dass sie schon lange kein Öl mehr kontrolliert haben.

Dann werden Sie selbst von Frauen wahrscheinlich auch anders behandelt.

Frauen finden es meist toll, dass ich eine Ausbildung zur KFZ-Mechanikerin gemacht habe. Manche sagen mir sogar, dass sie selbst gerne eine absolviert hätten, ihre Bewerbung aber abgelehnt wurde.

Klingt alles nicht besonders emanzipiert.

Ich bin auch immer wieder erstaunt, dass diese alten Rollenbilder noch so tief sitzen. Ganz schlimm wird es, wenn ein junger Mann mit seiner Freundin im Auto sitzt. Der Reifen ist kaputt, sie wollen zu einem Termin, sind schön angezogen und wollen sich nicht schmutzig machen. Verständlich. In dem Moment, in dem aber kein männlicher ADAC-Mitarbeiter kommt, sondern ich, krempelt der junge Mann trotzdem die Ärmel hoch.

Die Leute haben sich vielleicht noch nicht an weibliche gelbe Engel gewöhnt. Es gibt ja nur fünf...

...und 1700 männliche Kollegen. Die behandeln mich aber herzlich und solidarisch. Immer wenn ein Rundschreiben kommt, steht drin: „Sehr geehrte Kollegen, sehr geehrte Frau Bobke“.

Der ADAC hat nie Unterschiede gemacht?

Beim Vorstellungsgespräch wurde ich gefragt, ob ich es mir zutraue, so viel Auto zu fahren. Da dachte ich: „Was muss ich denn beim ADAC machen, wovon ich noch nichts weiß?“ Als ich später mit männlichen Kollegen sprach, wurde klar, dass ihnen diese Frage nicht gestellt worden war. Dafür wurden die gefragt, ob sie Alkoholprobleme hätten. Sonst galt aber immer: Sobald man einen Meisterbrief hinlegt, ist es egal, ob man ein Mann oder eine Frau ist.

Und davor?

Erst wollte mich niemand ausbilden. 1980, als 15-Jährige, habe ich mich erstmals um eine Lehrstelle beworben. Das Arbeitsamt sagte, ich sei nicht vermittelbar. Damals wurden keine Mädchen als KFZ-Mechaniker ausgebildet, schon gar nicht auf dem Land.

Ganz am Anfang: 1993 wurde Susa Bobke zum Gelben Engel.

Wieso wollten Sie denn unbedingt diesen Beruf erlernen?

Wenn ich das wüsste! Vielleicht war da zu viel Testosteron im Fruchtwasser? Mich hat schon als Kind alles fasziniert, was Krach machte und nach Gummi roch. Altes, warmes Gummi – das zieht mich an.

Deshalb haben Sie auch nicht aufgegeben.

Ja. Nach dem Abitur habe ich es noch mal probiert. Da wurde ich dann unter anderem mit der Begründung abgelehnt, dass ich überqualifiziert und in einem gebärfähigen Alter sei. Typisch Männer: Schwängern ja, Konsequenzen tragen nein. Also studierten Sie Jura und Germanistik in München.

Daneben war ich Taxifahrerin. Da habe ich viel Geld verdient. Es waren schöne, wenn auch ziellose Jahre.

Und dann kam doch noch ein Angebot?

Auf einem Fest traf ich einen Bekannten, der eine Mechaniker-Ausbildung absolviert hatte. Ganz nebenbei habe ich ihm erzählt, dass so eine Ausbildung ein Traum von mir war, mich aber niemand wollte. Woraufhin er meinte, dass seine alte Werkstatt gerne eine Frau ausgebildet hätte. Eine Woche später hatte ich die Lehrstelle.

War die Ausbildung dann so schön wie erhofft?

Ja, das war toll. Es war eine Ausbildung mit rotem Teppich, weil der Betrieb sich so gefreut hat über eine Frau.

Gibt es eigentlich irgendwas, dass Ihnen in Ihrem Beruf nicht gefällt?

Eigentlich nichts. Ganz selten gibt es diese Tage, an denen es richtig stark regnet oder sehr kalt ist. Und wenn man bei Minus 20 Grad einen Gaszug repariert und die Finger am Metall festkleben, fragt man sich schon, ob man nicht den falschen Beruf gewählt hat.

Aber ansonsten sind Sie ja eine glückliche Arbeitnehmerin.

Ich bekomme viel Herzlichkeit, sehe so viele strahlende Gesichter. Das kriegen die meisten Menschen in ihrem Beruf nicht. Mir fallen manchmal Leute um den Hals, drücken mir fünf Euro in die Hand und bedanken sich überschwänglich. Einer hat mir sogar einen Heiratsantrag gemacht.

Wirklich?

Ein sehr alter Mann. Ich hatte seine Lichtmaschine repariert. Er fand das gar nicht schlimm, dass er Hilfe von einer Frau brauchte, sondern meinte, dass er praktisch veranlagte Frauen mag.

Das Interview führten Sarah Brasack und Rudolf Novotny

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