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90er Jahre „Geh aus dem Internet, ich will telefonieren“

Charmanter Einblick in eine vermeintlich heile Welt: Am Montag erscheint das Buch „Wir Kinder der 90er“. Noch immer trifft das Jahrzehnt des gefühlten Aufschwungs und der pinken Kaugummiblasen einen Nerv.

„Beverly Hills 90210“
Schön war die Zeit: „Beverly Hills 90210“. Foto: Imago

Hier riecht’s sogar nach den 90ern: Ein Fläschchen „Beverly Hills 90210“-Parfüm steht im Regal. Daneben liegen Troll-Figuren, ein Alf-Kuscheltier, Spice-Girls-Puppen. An der New Yorker 333 East 9th Street scheint die Zeit stehengeblieben zu sein: Ein ganzer Laden widmet sich der 90er-Jahre-Nostalgie. Erst gab es „Spark Pretty“ nur online, im September wurde ein analoges Geschäft im East Village mit Second-Hand-Klamotten und Reliquien daraus.

Alles nur alter Plunder? Von wegen: Die 90er sind immer noch hochaktuell – als Zitat in der Mode, in der Musik, im Lebensgefühl. Natürlich lässt sich nur schwerlich nachvollziehen, dass Plastik-Schnuller als Mode-Accessoire oder Britneys „Hit me, baby, one more time“ mal mehr oder weniger ernst gemeint waren. Aber genau darum geht es beim anhaltenden 90er-Trend: Um die Ernsthaftigkeit, die von My Little Pony, Chupa Chups und aufblasbaren Sesseln scheinbar spielerisch auf den zweiten Platz verwiesen worden war. Alles ein bisschen lockerer.

Ungefähr davon handelt auch das Buch „Wir Kinder der 90er“. „Wir vier sind zwischen 1978 und 1986 geboren, und das prägende Jahrzehnt unserer Kindheit und Jugend waren damit die Jahre zwischen dem Mauerfall und der Einführung des Euro“, schreiben die Autoren im Vorwort. Entstanden ist eine Sammlung aus 99 Dingen, an die sich jeder erinnern wird, der früher in den berüchtigten „Schnellficker-Hosen“ Donkey Kong auf dem Super Nintendo gezockt hat – eben Kind war im ausgehenden 20. Jahrhundert.

Die 90er – bloß eine Zeit der gefühlten Aufbruchsstimmung und pinken Kaugummiblasen? Nicht ganz: Was die Autoren bei all den krachbunten Bildern fast komplett aussparen, sind die Gegenbewegungen, die die 90er mindestens genauso prägten, wie die ecstasygetränkte gute Laune. Kurt Cobain und seine Band Nirvana, die pessimistisch gestimmte „Generation X“, Grunge und Metal finden nur in Randnotizen statt. Reicht in diesem Fall ja auch, denn was das Buch will, das schafft es: eine Einladung zum kurzweiligen Blättern nach dem Prinzip „Weißt Du noch?“.

Weißt Du noch, wie bescheuert du in deinen Radler-Hosen ausgesehen hast? Weißt Du noch, wie der Erdbeerquark „Frufoo“ schmeckt? Weißt Du noch, wie sich das Piepsen einer Baby-G-Uhr anhört? Oder der Ton vom „Zonk“ in der Gameshow „Geh auf’s Ganze“ mit Jörg Draeger? Oder die schrammeligen Geräusche des Modems, das sich gerade ins Internet einwählt? Sofern denn niemand gerade an der Strippe hing – denn telefonieren und im Netz surfen ging ja noch nicht gleichzeitig.

Auch das ist ganz entscheidend für die Leute Mitte 30: Als letzte Generation kennen sie eine Kindheit ohne Internet, sind quasi in die Digitalisierung hinein pubertiert. Das reizt zur Nostalgie: Telefonkarte statt Smartphone, Overheadprojektor statt Power Point, ein sprechendes „Furby“ statt dem Facebook-Chat.

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