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60 Jahre Micky Maus in Deutschland Eine Maus für alle Menschen

Kleine Maus auf großen Abenteuern: Vor 60 Jahren erschien das erste Micky-Maus-Heft in Deutschland. Heute ist der Disney-Comic die erfolgreichste Kinderzeitschrift.

"Leg Dich, Pluto, leg Dich": Szene aus dem ersten Heft vom September 1951. Foto: dapd

Meine Türklinken sind aus echten Rubinen!“ – „Und ich hab gerade zwei Radiumstationen verkauft! Für eine Milliarde!“ Zwei eitle Erpel überbieten sich mit albernen Angebereien; der eine trägt einen Matrosenanzug, der andere ondulierte Locken und Hut. Es sind Donald Duck und Gustav Gans bei ihrem ersten Auftritt in der „Micky Maus“: Am 29. August 1951, heute vor genau 60 Jahren, erschien die erste Ausgabe des Magazins.

„Micky Maus, das bunte Monatsheft“ war nicht nur die erste Zeitschrift in Deutschland, die durchgehend vierfarbig gedruckt wurde. Es war auch das erste Comic-Heft hierzulande, das dauerhaften Erfolg erzielte. Denn anders als in den USA und im restlichen Westeuropa, hatte sich der Comic in Deutschland als ästhetische Gattung bis in die 50er-Jahre nicht durchsetzen können. Meist wurde er als minderwertige Schundliteratur verdammt, noch bis in die 70er kam es gar zu pädagogischen „Schmökergrab“-Aktionen, bei denen Comics gegen Bücher getauscht werden konnten und anschließend öffentlich verbrannt wurden.

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Nur das Micky Maus Magazin blieb von solchen Schmutz-und-Schund-Kampagnen verschont – was nicht zuletzt an der lustig-bildungsbürgerlichen Sprache lag, mit der die erste und auf Jahrzehnte hinweg prägende Chefredakteurin Erika Fuchs ihre Übersetzungen der amerikanischen Comics versah. Die Germanistin war eigens zu diesem Zweck vom dänischen Gutenberghus angestellt worden, das seit Ende der 40er-Jahre in diversen europäischen Ländern Disney-Lizenz-Magazine vertrieb und in Deutschland den Ehapa Verlag gründete.

In den USA war das erste „Mickey-Mouse“-Heft bereits zwei Jahrzehnte zuvor erschienen, kurz nach dem Debüt des Mäuserichs in Zeichentrickfilmen und Zeitungs-Comics. Bei seinen ersten Kinoauftritten hatten Mickeys Erfinder Ub Iwerks und Walt Disney ihn noch als sexbesessenen Nager gezeichnet, der seiner Freundin Minnie singend und pfeifend das Höschen herunterzuziehen versuchte. In den Trickfilmen der 30er-Jahre wurde Mickey jedoch schnell zu einem braven Vorstadtbewohner, während seine anarchischen Charakterzüge auf den 1934 hinzu erfundenen Donald Duck übergingen. In den täglichen Comic-Strips, die der Disney-Mitarbeiter Floyd Gottfredson ab Mitte 1930 für diverse US-Zeitungen zeichnete, entwickelte Mickey sich hingegen zu einem charismatischen Krimi- und Abenteuerheld.

Die Gottfredson-Geschichten wurden ab 1931 auch in Comic-Heften nachgedruckt, in den USA ebenso wie in Frankreich („Les Aventures de Mickey“) oder Italien („Topolino“). Es dauerte aber bis Anfang der 40er-Jahre, bis Disney ein erstes Magazin mit eigens dafür gezeichneten Geschichten herausbrachte. „Walt Disney's Comics and Stories“ wurde vor allem für einen gerade aus dem Trickfilmstudio zur Comic-Kunst übergewechselten Zeichner zum wesentlichen Forum: Carl Barks übernahm die Donald-Figur und die von seinem Kollegen Al Taliaferro erfundenen drei Neffen Tick, Trick und Track und erschuf drumherum einen ganzen Kosmos unvergesslicher Charaktere, vom geizigen Fantastilliardär Onkel Dagobert über den Glückspilz Gustav Gans bis zur dunkelhaarigen Hexe Gundel Gaukeley, der für alle Zeiten erotischsten Ente der Welt.

Es waren denn auch diese Barks-Comics, die von Anfang im Zentrum des deutschen MickyMaus-Magazins standen: Ab der ersten Ausgabe enthielt jede Nummer mindestens eine seiner zehnseitigen Donald-Geschichten. Die Titelfigur führte dagegen von von vornherein ein Schattendasein: Micky Maus tauchte meist nur in kurzen, gag-orientierten Comics auf.
Tatsächlich hatte der Mäuserich Anfang der 50er-Jahre seinen künstlerischen und kommerziellen Zenit längst überschritten. Zeichentrickfilme mit ihm wurden nicht mehr produziert, und auch Gottfredsons epische Fortsetzungs-Comics wurden auf Druck der Zeitungsredaktionen eingestellt.

Vierte Generation der Donald-Zeichner ist zu sehen

So kam es, dass gerade die besten Geschichten mit Micky Maus im deutschen Micky-Maus-Magazin nie veröffentlicht wurden – und tatsächlich dauerte es bis ins Jahr 2011, bis sich ein US-amerikanischer Verlag erstmals zu einer vollständigen chronologischen Ausgabe entschließen konnte („Mickey Mouse by Floyd Gottfredson“, Fantagraphics; gerade ist der erste Band „Race to Death Valley“ erschienen).

Wer Micky-Comics lesen wollte, konnte immerhin seit den späten 60er-Jahren zu den kleinformatigen, ebenfalls bei Ehapa erscheinenden „Lustigen Taschenbüchern“ greifen: Dort führten italienische Disney-Zeichner wie Romano Scarpa und Massimo de Vita mit komplexen Abenteuergeschichten das Erbe Floyd Gottfredsons fort.Donald Duck wurde unterdessen immer populärer – nicht nur, aber besonders in Deutschland, was wesentlich auch an den genialen Übersetzungen von Erika Fuchs lag.

Viele der von ihr eingedeutschten Barks-Comics wurden seit 1965 in dem Magazin „Die tollsten Geschichten von Donald Duck – Sonderheft“ wieder herausgebracht; in den großformatigen Alben der „Barks Library“ sind seit Mitte der 90er-Jahre sämtliche Comics in chronologischer Reihenfolge erschienen.

Barks ist im Jahr 2000 gestorben. Im „Micky Maus Magazin“ wie im „Donald Duck Sonderheft“ ist längst die dritte und vierte Generation der Donald-Zeichner zu sehen; und auch das literarische Erbe der 2005 verstorbenen Erika Fuchs wird von immer neuen Generationen von Übersetzern gepflegt. Während Donald auf diese Weise unsterblich wurde, ist Micky heute eine historische Figur. Nur der Titel des größten deutschen Disney-Magazins huldigt noch der Maus, mit der für Disney einstmals alles begann.

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