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50 Jahre Mauerbau "Ich brauche Weite"

Gitta Heinrich ist wahrhaftig im Schatten der Mauer aufgewachsen. Sie verlief direkt durch den Garten ihres Elternhauses in Potsdam. An den Folgen leidet sie noch heute.

12.08.2011 21:41
Sebastian Höhn
Direkt hinter ihnen verlief einmal die Mauer. Gitta Heinrich und ihre Enkelin Jenny vor dem Jagdschloss Glienicke. Foto: Sebastian Höhn

Wenn Gitta Heinrich nach Klein-Glienicke fährt, braucht sie Geduld. An der Brücke über den Teltowkanal ist die Rotphase lang, denn die Straße verläuft hier nur einspurig. Gitta Heinrich kennt es nicht anders. Sie musste schon immer anhalten, bevor sie von Babelsberg aus in ihren Heimatort fahren konnte. Früher gab es hier einen Schlagbaum. Grenzsoldaten kamen dann zu ihrem Auto, um sie zu kontrollieren. Links des Brückenkopfs stand ein Wachturm.

Sondersicherheitszone – so lautete bis 1989 die Bezeichnung für Klein-Glienicke. Dort verlief einer der sensibelsten Abschnitte der Grenzanlagen rund um West-Berlin. Der kleine, zu Potsdam gehörende Ort ragt als verwinkelte Exklave nach Wannsee hinein, in das Berliner Stadtgebiet. Bis zur Wende war Klein-Glienicke mit seinen rund fünfhundert Einwohnern Territorium der DDR. Ab dem 13. August 1961 waren die Bewohner von Zaun und Stacheldraht eingeschlossen, umgeben vom Westen. Sie waren sprichwörtlich eingesperrt. Nur im Süden gab es die schmale Brücke nach Babelsberg. Stacheldraht und Mauer verliefen bei vielen Klein-Glienickern quer durch den Garten.

Gitta Heinrich, heute 69 Jahre alt, hat lange Zeit in dem Sperrbezirk gewohnt. Sie lebte mit der Mauer vor ihren Augen – und wurde krank davon. Sie bekam Angstzustände und Schlafstörungen, musste Medikamente nehmen. Offiziell diagnostizierte ihr Arzt damals eine vegetative Störung. Unter vier Augen vertraute er seiner Patientin an, was er in der DDR nicht offen sagen durfte. Er nannte ihre Krankheit Mauer-Koller – eine Störung, hervorgerufen durch die dauernde Konfrontation mit den Sperranlagen. „Ich bekam Platzangst und hatte ein ständiges Engegefühl“, sagt Gitta Heinrich.Mit Kollegen konnte die Lehrerin darüber nicht sprechen. „Schon das Wort Angst galt in der DDR als Makel.“ Dass sie ihrer Wut nicht Luft machen konnte, habe alles noch schlimmer gemacht, sagt Gitta Heinrich. Wenn Freunde oder Bekannte keinen Passierschein bekamen, um sie besuchen zu dürfen – was häufig geschah –, musste sie das schlucken. Irgendwann hat sie die Enge in Klein-Glienicke nicht mehr ausgehalten. 1980 zog sie mit ihrem Mann und den zwei Söhnen ins benachbarte Babelsberg. Erst seit kurzem arbeitet sie mit Hilfe eines Therapeuten ihre Geschichte auf. „Ich ertrage keine geschlossenen Türen“, sagt sie. „Ich brauche Weite.“ Nicht mal enge Kleidung konnte sie früher aushalten. Sie zieht bis heute nie ihre Gardinen zu und sitzt im Theater am liebsten in der letzten Reihe.Freiwillig wäre sie aus Klein-Glienicke wohl nie weggezogen. Wenn sie an der Havel steht und auf das über 160 Jahre alte Dampfmaschinenhaus am Babelsberger Ufer blickt, dann gerät sie ins Schwärmen. „Das Wasser, diese Ruhe – es ist eine solche Idylle hier“, sagt sie. Mit ihrer hochgekrempelten roten Hose steht sie im seichten Wasser und setzt im Schlick vorsichtig einen Fuß vor den anderen. „Hier gibt es Flusskrebse. Die haben wir als Kinder immer gefangen.“ Wie eine Ruheständlerin wirkt sie nicht, wenn sie ihre modische Sonnenbrille in die blonden Haare steckt. Sie war Sportlehrerin, das hat sie fit gehalten.

An die ersten Grenzanlagen kann sie sich nur vage erinnern. Denn als in Klein-Glienicke der Stacheldraht gezogen wurde, da war Gitta Heinrich noch ein Kind. Schon im Jahr 1952 wurde der Ort zum Westen hin abgeriegelt, viel früher als in der Berliner Innenstadt.

„Zunächst war es nur ein einreihiger Drahtzaun“, sagt Jens Arndt, der die Ausstellung „Hinter der Mauer“ organisiert hat, die derzeit im Glienicker Schloss gezeigt wird. „Das unübersichtliche Gebiet sollte gekennzeichnet werden. Das war eher ein symbolischer Akt.“

In einem der Räume hält Gitta Heinrich vor einem großformatigen Schwarz-Weiß-Bild inne, das sie selbst im Trainingsanzug während eines Sportfestes in den Siebzigerjahren zeigt. Ohne Jens Arndt, der vor zwei Jahren nach Zeitzeugen zu suchen begann, wäre sie vielleicht niemals angeregt worden, sich noch einmal mit ihrem Mauer-Koller auseinanderzusetzen. Er war der erste, dem sie ihre ganze Geschichte erzählt hat. „Ich fühlte mich danach richtig schlecht“, sagt sie. „Ich habe Schüttelfrost bekommen.“ Doch das lange Schweigen zu brechen, sei für sie auch eine Befreiung gewesen.

Im Jahr 1952 gab es noch keinen Schießbefehl an der Grenze zum Westen. Den Zaun konnte man überspringen. Mit Stacheldraht war zudem nur die Landseite versperrt, das Ufer zur Havel und zum Teltowkanal war noch zugänglich. Auch für Gitta Heinrich, deren Eltern dort ein Grundstück hatten. „Mein Vater besaß ein kleines Boot, mit dem wir oft auf die Pfaueninsel gefahren sind“, erzählt sie beim Spaziergang durch den Ort. Seit die Ausstellung läuft, geht sie öfter mal an ihrem Geburtshaus vorbei. Vor sechs Jahren hat es ein Berliner Anwalt gekauft.

Etwas wehmütig blickt Gitta Heinrich hinauf zu einem Fenster unter dem Dach, von dem aus man auf die Havel schauen kann. „Das war mein Zimmer“, sagt sie. „Im Sommer konnten wir von unserem eigenen Steg aus baden gehen, im Winter liefen wir auf den Seen Schlittschuh.“ Und unter der Glienicker Brücke ging sie mit ihren Freunden angeln.

Mit dieser Freiheit war es 1961 vorbei. Als am 13. August die Grenze geschlossen wurde, waren noch Sommerferien. Gitta Heinrich erinnert sich, dass sie gerade am Ostseestrand in der Sonne lag, als auf einmal „Leute aufgeregt angerannt kamen und erzählten, in Berlin sei die Grenze zu. Ich konnte es erst nicht glauben.“

Sie fuhr damals sofort nach Klein-Glienicke zurück. Als sie schließlich in ihrem Garten stand, habe sie ihren Augen nicht trauen wollen, sagt sie. Auf dem Grundstück standen Stacheldraht und Betonpfähle. Sie zogen sich am Ufer entlang, der Bootssteg lag von nun an im Niemandsland. „Mein Wasser, dachte ich. Das war ein schlimmes Gefühl. Ich war sehr wütend.“Dabei stand die damals 19-Jährige, die gerade einen Studienplatz an der Humboldt-Universität erhalten hatte, nicht einmal in Opposition zur DDR. „Mir gefiel das soziale Gefälle im Westen nicht“, sagt sie. Der Kudamm sei ihr zu dekadent gewesen. Und selbst mit ihren Westverwandten, die sie oft auf der Pfaueninsel traf, gab es Reibereien. „Die habe ich als überheblich empfunden. Außer Marxismus würden wir in der DDR doch nichts lernen, sagten die immer.“

Sie habe damals nicht geglaubt, dass die Grenzabsicherung von Dauer sein werde. Ihre Hoffnung war, dass die Alliierten das nicht zulassen würden. „Diese Hoffnung starb, als 1965 die eigentliche Mauer hochgezogen wurde. Da liefen mir die Tränen“, sagt Gitta Heinrich.

Irgendwie hat sie sich dann mit der Grenze, die sie zu allen Seiten fast in Sichtweite umgab, arrangiert. Sie flüchtete sich in ihren Lehrerberuf, kämpfte um die Erfolge auf dem Sportplatz. Die Arbeit machte ihr Spaß – auch deshalb, weil sie ihr zweites Fach Geschichte, so gut es ging, meiden konnte. „Trotzdem fühlte ich mich auch innerlich eingesperrt. Ich konnte nicht mehr durchatmen.“ In der Schule habe sie in eine zweite Rolle schlüpfen müssen: „Ich hatte eine persönliche und gegenüber den Schülern eine offizielle Meinung. Später habe ich gemerkt, dass ich nie authentisch war.“ Die Mauer, die sie umgab, hinterließ auch im Denken ihre Spuren.

„Es ist schwer vorstellbar, wie das war. Todesstreifen, Grenzposten, Passierschein – das hört sich alles sehr fiktiv an“, sagt ihre Enkelin, die sie beim Spaziergang durch Klein-Glienicke begleitet. Jenny Heinrich, ist 24 Jahre alt, an den Fall der Mauer im November 1989 kann sie sich nicht erinnern. In der Familie war das lange Zeit kein Thema, in der Schule auch nicht. „Die Lehrer fanden es interessanter, über die Kriege zu reden“, sagt die Physiotherapeutin. Ihr Wissen über das Nebeneinander von DDR und BRD sehr bruchstückhaft. Das meiste habe sie durch Fernsehdokumentationen gelernt.

Mitte der Siebzigerjahre wurde die Mauer in Klein-Glienicke ausgebaut, es entstanden Wachtürme, der Grenzstreifen wurde verbreitert. Vierzig Wohnhäuser mussten abgerissen werden. Was stehen blieb, verwahrloste mit der Zeit – Handwerker durften nur in Notfällen ins Sperrgebiet. Durch die Abgeschiedenheit fiel es der Staatssicherheit leicht, hier den Überblick zu behalten. Gitta Heinrich erfuhr erst im Nachhinein, wie viele Nachbarn und Freunde sich gegenseitig bespitzelt hatten. „Jeder kannte jeden. Jeder wusste, wie der andere politisch eingestellt war“, sagt sie. Auch über sie wurde eine Akte angelegt. Den Behörden galt sie als „bürgerlich mit politisch-ideologischen Schwächen“.

Andere hielten diese Enge nicht aus. „Einer meiner Schüler ist mit der Leiter über die Mauer gestiegen“, sagt sie. „Der hat dann eine Karte aus Mallorca geschrieben.“ Andere krochen durch eigenhändig gegrabene Tunnel in den Westen.

Gitta Heinrich selbst hat nie an Flucht gedacht. „Ich habe mich über Leute geärgert, die auf diese Weise ihr Leben aufs Spiel setzten. Dieses Risiko wäre ich mit meinen Kindern nie eingegangen.“Zur Ausstellungseröffnung in der Orangerie hatte Gitta Heinrich ihre Enkelin mitgenommen. Die war schockiert, als sie das mehrere Quadratmeter große Modell der Glienicker Exklave samt Todesstreifen und Wachtürmen sah: „Das sah aus wie ein Käfig. Sehr erschütternd.“ Jenny Heinrich sagt, sie denke dann an die Auslandsreisen, die sie schon unternommen hat und an das Austauschjahr in den USA und frage sich, „welchen Lauf unser Leben genommen hätte, wenn die Mauer nicht gefallen wäre.“

Heute leben in Klein-Glienicke viele Zugezogene. Die Gegend ist beliebt und deshalb auch kostspielig. Es sind neue Häuser entstanden, weitere werden gebaut. Spuren der Mauer gibt es kaum noch. Am Ortsrand haben Anwohner Teile des ehemaligen Sperrzauns verwendet, um ihre Grundstücke abzugrenzen. Zum Griebnitzsee hin dominieren die mondänen Villen, gut geschützt hinter hohen Mauern und spitzen Zäunen, umgeben von Überwachungskameras. Nach der Wende kamen zuerst Hausbesetzer aus Berlin, die sich in leerstehenden Wohnungen einquartierten. Dann hätten Westler fast den ganzen Ort übernommen, sagt Gitta Heinrich. Als der Anwalt das Haus kaufte, in dem ihre Mutter über sechzig Jahre zur Miete gelebt hatte, musste diese dann auch gehen. Mit ihren 88 Jahren sei sie noch mal umgezogen.

„Ich war nach der Wende stinkig, dass die Westler hier mit ihrem Geld ankamen“, sagt Gitta Heinrich. Jetzt sehe sie die Situation aber um einiges entspannter. „Wer heute hier lebt, hat die gleiche Freude wie ich in meiner Kindheit.“

Als Gitta Heinrich zurück nach Babelsberg fährt, sitzt ihre Enkelin am Steuer. Für sie ist es, als würde sie von einer Insel wieder aufs Festland fahren, von der Vergangenheit in die Gegenwart.

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