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25 Jahre Mobilfunk „Keine großen Botschaften“

Mit dem Smartphone werden „die kleinen Dinge, die die Welt zusammenhalten“, geklärt, sagt der Wissenschaftler Joachim Höflich. Ein Gespräch.

Vier Jugendliche
Wahre Liebe: Die ganze Aufmerksamkeit gehört heute nur dem Smartphone. Foto: imago

Herr Höflich, wann hatten Sie das letzte Mal Ihr Handy in der Hand?
Gestern Abend, nur um es aufzuladen. Ich bin ein denkbar schlechtes Beispiel für ausgeprägte Handynutzung.

Also haben 25 Jahre Mobilfunk in Deutschland Ihr Sozial- und Kommunikationsverhalten gar nicht so stark verändert?
So ist es. Ich erinnere gerne an Umberto Eco, der schon in den 80er Jahren gesagt hat, die einzigen, die ein mobiles Telefon gebrauchen könnten, seien der Feuerwehrmann und der Arzt aus beruflichen Gründen und der Ehebrecher, der an seiner Frau vorbei telefonieren will. Ich kann es mir also leisten, unabhängig vom Mobiltelefon zu bleiben.

Was heißt das?
Ich habe mich diesem Netzwerk der ständigen Erreichbarkeit von Anfang an entzogen. Man ist ja schnell in einem medialen Druck. Die Mitmenschen wollen ständig zu einem in Kontakt treten, aber gleichzeitig selbst gar nicht unbedingt ständig kontaktiert werden.

Ist die dauerhafte Erreichbarkeit also eher Fluch denn Segen?
Tendenziell schon. Jedes Medium hat aber zwei Seiten. Wenn ich mir auf einem Berg das Gebein breche, dann hat ein Handy Vorteile. Wenn aber ein älterer Herr mehr oder weniger grundlos sechs Mal die Bergrettung ruft, dann wird es lästig. Und genauso ist es auch im Alltag.

Wie hat sich denn im Alltag die Kommunikation durch das Mobiltelefon verändert?
Ich würde sagen: Wir haben noch nie so viel kommuniziert wie heute. Die Frage ist aber, ob wir dabei wirklich viel sagen. Menschen pflegen mit dem Telefon intensive Sozialkontakte. Das häusliche Medium des Telefons ist aber mobil geworden, also hat sich vor allem die Kommunikation im öffentlichen Raum markant verändert.

Inwiefern?
Das klassische Telefon ist ein intimes Medium, man denke nur an Telefonsex oder Telefonseelsorge. Da war eigentlich immer klar, dass kein Dritter mithört. Jetzt schleppe ich das Ding mit mir und privatisiere den öffentlichen Raum. Die Menschen drum herum müssen mit meinem privaten Gerede zurechtkommen und umgehen – oder eben weghören. Und ich muss damit zurechtkommen, dass potenziell immer jemand zuhört. Mal abgesehen davon, dass digitale Kommunikation in Anbetracht von Vorratsdatenspeicherung und so weiter immer einer öffentlichen Kommunikation gleichkommt. Die Grenze zwischen privat und öffentlich hat sich verschoben. Außerdem muss man immer mit Überraschungen rechnen. Man kann theoretisch jeden Moment von einem Fremden angerufen werden, egal ob ich in der Kirche bin oder im Theater. Der größte Teil der Telefonate findet aber nach wie vor zwischen Menschen statt, die sich kennen. Und die wissen meistens grob, ob ein Anruf gerade passen könnte. Meine Frau ruft mich jedenfalls nie an, wenn ich gerade eine Vorlesung gebe. Es haben sich also auch Arrangements ergeben. Das war zu Beginn des Mobilfunknetzes anders, als noch niemand so recht wusste, wie damit umzugehen ist. Das lernen wir nur Stück für Stück.

Was haben wir denn noch nicht so gut gelernt?
Das lässt sich gut mit einem Experiment beschreiben, das ich mit Studenten durchgeführt habe: Wir haben vor dem Erfurter Bahnhof einen Clown auf einem Einrad mit einer Distanz von eineinhalb Metern an Leuten vorbei fahren lassen, die gerade telefoniert oder in irgendeiner Form ihr Smartphone benutzt haben. Danach haben wir die Leute gefragt, ob ihnen etwas aufgefallen ist. Fast 60 Prozent haben gar nichts gemerkt. Eine markante Veränderung ist also auch, dass man sich im öffentlichen Raum gegenseitig nicht mehr zur Kenntnis nimmt.

Also geht auch die Alltagskommunikation verloren? Das kurze Gespräch an der Kasse etwa, oder der Plausch im Wartezimmer beim Arzt.
Eigentlich schon. Es ist ja fast keine Seltenheit mehr, dass sogar die Kassiererin selbst am telefonieren ist. Und Arztpraxen haben heute mit großer Selbstverständlichkeit WLAN, so dass die Patienten beim Warten im Internet surfen können. Als der Walkman auf den Markt kam, gab es schon eine kleine Aufregung: Nicht, weil die Musik als belästigend empfunden wurde, sondern, weil die Nutzer ein Desinteresse an dem zeigen, was um sie herum passiert. Uns regt am Smartphone längst nicht mehr das Klingeln auf, sondern, dass die Leute vor sich hingucken und andere nicht mehr zur Kenntnis nehmen.

Dieses Phänomen heißt „Phubbing“, ein Kofferwort aus „Phone“ und „snubbing“, also „brüskieren“.
Ja ja, die Medien erfinden immer schöne Worte für unschöne Dinge. Also auch für die Verinselung des Menschen.

Für diese Verinselung war aber speziell der Schritt zum Smartphone entscheidend und weniger die Einführung des simplen Mobiltelefons, oder?
Sicherlich. Das Smartphone ist längst kein Telefonie-Medium mehr, sondern eher ein kleiner Computer, der ständig Aufmerksamkeit fordert. Gerade in Großstädten wird dieses Angebot gern entgegengenommen. Da haben wir ja schon immer nach Mechanismen gesucht, um mit den vielen Menschen um uns herum zurechtzukommen und Distanz zu schaffen. So wie man früher im Bus demonstrativ die Tasche auf den Sitz neben sich gestellt oder die Zeitung aufgeschlagen hat, beansprucht man jetzt das Smartphone als Schutzraum.

Gleichzeitig ist das Handy ein soziales Medium, mit dem ich den Kontakt zu abwesenden Menschen suchen und halten kann. Sie haben dem SMS-Schreiben einmal „ein psychologisches Bedürfnis nach Rückversicherung“ beigemessen. Was meinen Sie damit?
Man möchte seine eigene Existenz immer wieder nach außen verdeutlichen und sie auch bestätigt wissen. Dafür ist das Smartphone ideal geeignet: Es ist das erste Medium, das ich noch vor dem Aufstehen und das letzte, das ich vor dem Schlafengehen benutze. Und was schreiben wir da? „Hab dich ganz doll lieb“ oder „Denkst du an mich?“. Keine großen Botschaften. Eben die kleinen Dinge, die die Welt zusammenhalten.

Manchmal sind die Dinge gar nicht so klein, die per Whatsapp oder SMS besprochen werden.
Das stimmt. Man kann Beziehungen leichter verfestigen, weil es vielen Menschen einfacher fällt, so zu kommunizieren. Ob jetzt alle Isolierten dieser Welt durch das Smartphone entisoliert werden, weiß ich allerdings nicht so recht. Es hilft aber Barrieren zu überwinden – im Guten wie im Schlechten. Auch das Cybermobbing gehört zur Smartphone-Kultur.

Mimik und Gestik bleiben bei Textnachrichten auf der Strecke. Geht der zwischenmenschlichen Kommunikation dadurch nicht etwas ganz Entscheidendes verloren?
Zu Beginn der E-Mail hat das die Menschen noch extrem in Unruhe versetzt. Mit den Jahren hat man aber gemerkt, dass das gar nicht so dramatisch ist, weil wie gesagt die meisten Menschen, die in SMS-Kontakt oder ähnlichem stehen, sich ohnehin kennen. Ihre Kommunikation steht schon in einem Beziehungszusammenhang. Man kann sein Gegenüber einschätzen.

Also sind auch die Befürchtungen unbegründet, dass Emojis verstärkt zu Konflikten führen können? Schließlich muss mein Gegenüber in den kleinen Bildchen das Gleiche lesen wie ich, um mich zu verstehen.
Genau, auch das funktioniert meistens durch den Beziehungszusammenhang recht gut. Theoretisch kann man mit diesen Sprachsubstituten bis zu einem gewissen Punkt allein kommunizieren, auch das wurde schon in einigen Experimenten untersucht. Die rein sprachliche Kommunikation wird durch bildhafte Emotionalität ergänzt. Die Emojis werden allerdings sehr intuitiv und spontan eingesetzt, Missverständnisse lassen sich nicht gänzlich vermeiden.

Benutzen Sie Emojis?
Meine Frau macht das, ich persönlich eigentlich nicht.

Ist das Nutzen von Emojis eine Frage des Alters?
Sicherlich, so wie der allgemeine Umgang mit dem Smartphone auch. Aber das wandelt sich, Ältere nutzen das Medium heute ähnlich wie die Jüngeren. Und Emojis gehören dazu. Dadurch können sie natürlich für Jugendliche an Reiz verlieren, wenn zu viele ältere Menschen sie nutzen. Das ist vergleichbar mit Facebook: Da weiß man ja, dass die Nutzerzahlen bei Jugendlichen rückläufig sind und sich parallel immer mehr ältere Nutzer anmelden.

Vergrößert also das Mobiltelefon die Kluft zwischen den Generationen?
Ganz und gar nicht. Die Enkel zeigen Oma und Opa doch, wie das Ding funktioniert, wie man Fotos verschickt oder Whatsapp nutzt. Und so bleiben die Generationen schließlich auch in Kontakt. Die Älteren, die heute das Smartphone benutzen, sind ja auch mit ihm älter geworden. Sie sind schon 25 Jahre durch Mobiltelefonie geprägt worden.

 

Interview: Manuel Almeida Vergara

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