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23 Tote durch vergifteten Alkohol in Tschechien Kritik an den tschechischen Behörden

Auch mehrere Tage nach Erlass des totalen Verkaufsverbots für Spirituosen werden noch Menschen mit schweren Methanol-Vergiftungen in Kliniken gebracht. 23 Menschen sind bisher durch den gefährlichen Schnaps gestorben. Die Kritik an den tschechischen Behörden wächst.

19.09.2012 12:00
Von Daniel Kortschak
"Zutritt verboten!" Spirituosen bleiben in Tschechien weiter unter Verschluss. Foto: dapd/Ozana

"In dieser Konzentration ist das maximal giftig. Und in dieser Menge erinnert das schon an Massenvernichtungswaffen, ein wenig übertrieben formuliert." Mit diesen drastischen Worten berichtete der tschechische Gesundheitsminister Leo? Heger gestern in Prag vor Journalisten von neuen Funden vergifteten Alkohols.

Die starken Worte beschreiben eindrucksvoll den Ernst der Lage: Bei einer Razzia hatten die Behörden im Osten Tschechiens zahlreiche Fässer mit insgesamt 260 Litern gepanschten Alkohols entdeckt, die 20 bis 30 Prozent des hochgiftigen Methanols enthielten.

Als alarmierend bezeichnete der Minister auch die Tatsache, das Zollbeamte in einer illegalen Schnapsbrennerei in Westböhmen beinahe 100.000 offizielle Steuerschleifen für Spirituosen beschlagnahmt haben. Die Banderolen seien von einem offiziellen Likörhersteller beim Zoll bezogen worden und dann auf bisher unbekanntem Weg verschwunden, so Heger. Dadurch besteht die Gefahr, dass auch offiziell gekennzeichneter Alkohol womöglich mit dem giftigen Methanol gepanscht wurde.

Schon 23 Todesopfer

Unterdessen sind am Dienstag fünf weitere Personen mit Vergiftungserscheinungen in Krankenhäuser gebracht worden. Laut Gesundheitsministerium werden zurzeit landesweit 35 Personen mit Alkoholvergiftungen behandelt. Die Zahl der bestätigten Todesfälle durch gepanschten Alkohol ist inzwischen auf 23 angestiegen. Das sagte Minister Heger heute Morgen zu Beginn der Beratungen im parlamentarischen Gesundheitsausschuss.

Der konservative Politiker betont, so lange bei Razzien weiter vergifteter Alkohol gefunden werde, komme eine Lockerung oder Aufhebung des geltenden Verkaufsverbotes für Getränke mit mehr als 20 Prozent Alkoholgehalt nicht in Frage.

Ringen um Aufhebung des Alkoholverbotes

Hinter den Kulissen verhandelt nach tschechischen Medienberichten aber bereits ein Expertenteam über eine mögliche teilweise Aufhebung des Verkaufsverbotes. Druck machen vor allem das Finanzministerium, das durch die Prohibition täglich Hunderttausende Euro an Steuereinnahmen verliert, sowie die tschechischen Spirituosenhersteller, die massive Verluste beklagen.

Ein mögliches Szenario könnte laut Finanzminister Miroslav Kalousek sein, dass in einigen Tagen neu produzierte Spirituosen von lizenzierten Herstellern wieder verkauft werden dürfen. Diese Spirituosen sollen speziell gekennzeichnet werden. Zuvor will das für die Lebensmittelaufsicht zuständige Landwirtschaftsministerium allerdings strengere Kontrollprozeduren für die Schnapsbrennereien einführen.

Die rund 20 Millionen Flaschen harter alkoholischer Getränke, die seit dem vergangenen Freitag von Geschäftsinhabern und Restaurantbetreibern unter Verschluss gehalten werden müssen, sollen bis auf weiteres eingelagert bleiben. Unklar ist zurzeit, was weiter mit diesen vordem Ausbruch der Alkoholkrise produzierten Getränken geschehen soll. Nach Meinung des Gesundheitsministeriums sollen sie nur gegen einen eindeutigen Herkunftsnachweis - etwa durch Rechnungen oder Lieferscheine - wieder in den Verkauf gelangen.

Im Finanzministerium ist man hingegen der Meinung, der Konsument solle selbst entscheiden, ob er eine speziell gekennzeichnete Schnapsflasche aus neuer Produktion oder eine der zuvor aus Sicherheitsgründe eigezogenen kaufen wolle.

Ein Vertreter des Verbandes der tschechischen Spirituosenhersteller hatte am Montag im Tschechischen Rundfunk gemeint, womöglich sei die billigste Variante die Vernichtung aller eingezogenen Alkoholika.

Wachsende Kritik an tschechischen Behörden

Inzwischen wächst die Kritik an den tschechischen Behörden. Die lokalen Spirituosenhersteller werfen den zuständigen Ministerien vor, jahrelang viel zu wenig gegen die illegale Herstellung von Spirituosen unternommen zu haben. Den Schwarzmarktanteil bei gebrannten Getränken beziffert der Herstellerverband auf bis zu ein Viertel.

Die Nachbarländer zeigen sich wiederum erstaunt darüber, dass Tschechien zwar im eigenen Land den Verkauf von Spirituosen untersagt hat, der Export von hochprozentigem Alkohol aber erlaubt bleibt. Polen und die Slowakei sowie Litauen haben deshalb die Einfuhr und den Verkauf von tschechischen Spirituosen verboten. In Deutschland warnt das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit vor tschechischem Alkohol ohne Herkunftsnachweis. In Bayern kontrolliert nach einem Bericht des BR der Zoll verstärkt Alkoholimporte.

Alarmiert über die Vergiftungsfälle zeigt sich auch die Europäische Union. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit lässt sich von der tschechischen Regierung laufend über die aktuelle Lage informieren. Auf Initiative von einigen tschechischen Abgeordneten wird sich außerdem der Gesundheitsausschuss des Europäischen Parlamentes mit der Problematik befassen.

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