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20 Jahre Eschede Aus der Spur

Udo Bauch war auf dem Weg zu einem Termin, als der ICE 884 bei Eschede entgleiste. Auch wenn nach dem Unglück nichts mehr war wie zuvor - er konnte der Katastrophe auch etwas Gutes abtrotzen.

20 Jahre ICE-Unglück in Eschede
An der Unglücksstelle: Ein Trümmerhaufen aus 800 Tonnen Stahl, Glas, Kunststoff und Beton. Foto: dpa

Es gibt Tage, da holt ihn alles ein. Es beginnt mit einem lauten Knall, lauter als alles, was er bis dahin gehört hatte; dann fliegt er durch die Luft, schlägt an einer Wand auf, es gibt kein oben, kein unten, dann: Stille. Irgendwann reicht ihm ein Mann die Hand – und holt ihn zurück ins Leben.

An diesen Tagen, an denen die Erinnerung ins Jetzt einschlägt wie damals das Zugunglück von Eschede, kann Udo Bauch von einem Moment auf den anderen nicht mehr richtig laufen. „Das linke Bein fängt an zu zittern, und dann kommt die Angst – und dann kann ich nicht mehr weiter.“ Dann bleibt ihm nur, sich auf seinen Stock oder seinen Rollator zu stützen und zu hoffen, das Bein möge sich schnell beruhigen.

Es gibt diese Tage, an denen ihm vor Angst fast die Luft wegbleibt. Doch an den meisten Tagen lebt Udo Bauch ein fast normales Leben. Läuft, lacht, spricht. Aber was jetzt so alltäglich ist, musste er alles erst wieder lernen, nachdem die Rettungskräfte seinen beim Aufprall des ICE 884 „Wilhelm Conrad Röntgen“ auf den Brückenpfeiler zerschmetterten Körper in die Klinik gebracht hatten. Dank vieler gut verlaufener Operationen konnte er nach und nach wieder zusammen- und in sein neues Leben hineinwachsen.

Ein Aufprall bei Tempo 200

Udo Bauch ist zum Zeitpunkt des Unglücks 30 Jahre alt, verheiratet, hat zwei kleine Kinder. Als Gebietsleiter einer Mineralölfirma ist er viel unterwegs und gut bezahlt. Er hat Rückenwind, in ein paar Jahren würde er im Management sitzen. Am Morgen des 3. Juni 1998 steigt er in den ICE 884, der ihn nach Hamburg bringen soll, klappt seinen Computer auf und geht seine Zahlen durch.

Vielleicht nimmt er damals die dumpf-klackernden Geräusche und das zeitweilige Holpern wahr, wenige Minuten, bevor die rund 800 Tonnen Stahl, Glas und Kunststoff, aus denen der Zug gefertigt ist, zu einem Trümmerhaufen auf dem Gleisbett verdichtet werden, etwas mehr als zwanzig Meter breit und fast genauso hoch, zerfetzt nach dem ungebremsten Aufprall bei Tempo 200. Udo Bauch kann sich nicht mehr genau erinnern.

Er hatte sich ein leeres Abteil gesucht, um in Ruhe arbeiten zu können. „Das hab‘ ich sonst nie gemacht“, sagt der heute 50-Jährige, „ich hab immer gern im Speisewagen gesessen“. Dass er das an diesem Morgen auf dem Weg zu einem Geschäftstermin nicht gemacht hat, war gewissermaßen sein Glück im Unglück. Denn in den Tagen nach der Katastrophe können die Helfer ein Drittel der rund 300 Fahrgäste, die im Zug waren, nur noch tot aus den Trümmern bergen. Später erfährt er: „Im Speisewagen waren die meisten Toten.“

119 Menschen werden teils lebensgefährlich verletzt, leiden bis heute unter den Folgen des bisher größten Zugunglücks in der Geschichte der Bundesrepublik, wie die Katastrophe nahe dem Heidedorf Eschede in den Auflistungen nationaler Tragödien umschrieben wird. Udo Bauch ist einer dieser 119. Und bis heute froh, überlebt zu haben. Trotz seiner halbseitigen Lähmung, trotz der Wochen und Monate in der Reha, trotz der Frühverrentung (er war fünf Monate nach dem Unglück wieder im Büro, „aber das hat alles nicht funktioniert, es ging nicht mehr“), trotz der jahrelangen juristischen Auseinandersetzungen mit der Deutschen Bahn um Schmerzensgeld, Verdienstausfälle, Freifahrscheine für sich und seine Familie. 

Fahrkarten für die Bahn? „Das ist die bequemste Art, zu reisen – wenn nichts passiert.“ Er sagt das fast ein bisschen scherzhaft. Udo Bauch, der im osthessischen Eichenzell lebt, hat ihm Glauben Kraft und Trost gefunden, er hat sich sogar eine Kapelle neben seinem Haus errichtet. Obwohl mit dem Unglückszug auch sein Leben aus der Spur gehoben wurde, konnte er dieser Zäsur etwas Gutes abtrotzen: „Nach dem Unfall hätte keiner gedacht, dass ich je wieder laufen kann.“ Und er konnte seine beiden jüngsten Töchter, die nach dem Unglück zur Welt kamen, aufwachsen sehen: „Vorher war ich immer nur unterwegs.“

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