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Mike Burkett „Nichts an Trump ist Punk“

NoFX-Sänger Mike Burkett spricht über fürsorgliche Musiker und die anstehende Apokalypse.

Die Punkband NoFX
Michael Burkett, im Ringelstrick, mit NoFX. Foto: Fat Wreck Chords

Mr. Burkett, laut der neuen NoFX-Biografie sind Sie runter von den Drogen. Auch nach zwei Wochen Präsident Trump noch?
Noch. Aber wenn’s so weiter geht, schnüffele ich bald Klebstoff.

Sie schreiben seit Jahrzehnten politische Songs, gründeten 2003 eine Initiative gegen die Wiederwahl von Bush – aber verglichen mit Trump …
... war Bush fast niedlich, ja. Er war ein fürchterlicher Präsident – Trump ist ein Psychopath! Klar: Beide große Parteien sind beschissen, unsere Demokratie ist ein Witz. Aber jetzt ist alles nur noch furchteinflößend. Ich schalte nicht mal mehr den Fernseher ein, aus Angst, was Trump wieder Irres angeordnet hat. Ich hoffe nur noch auf seine schnelle Amtsenthebung.

Der deutsche Autor Stuckrad-Barre schrieb voriges Jahr über ein Punk-Festival in Las Vegas, die Punks standen im Einheitslook so spießig für Eintrittsbändchen an, dass der Freak Trump, über den sich im Vorwahlkampf jeder Intellektuelle aufregte, viel mehr wie „ein heutiger Punk“ wirkte. Auch T.C. Boyle fand damals: „Trump ist Punk“.
Das ist grauenvoll. In Wahrheit sind Punkrocker die fürsorglichsten Musiker, wir kümmern uns umeinander. Punk ist eine Familie, eine Kultur des Anti-Establishment – Trump ist das personifizierte Establishment! Ein Kapitalist in Reinform. Soziopath und Demagoge! Nichts an Trump ist Punk. Würde sich jemand bei uns so benehmen, würden ihm die echten Punker den Arsch aufreißen. Zugegeben, Trumps Auftreten erinnert an narzisstische Rockstar-Arschlöcher – wie den Oasis-Sänger damals ...

Der US-Satiriker Bill Maher findet, die Linken haben immer zu schnell „Hilfe, Wölfe!“ gerufen, bei Reagan und Bush – nun nahmen viele Wähler die Gefahr nicht ernst, die Trump für die Demokratie sei. Auch NoFX schrieben mit „War on errorism“ eine ganze LP gegen Bush. Zu hysterisch?
Ich bereue nichts. Das Schwere ist doch, die Menschen überhaupt zu erreichen. Fast die Hälfte ging nicht wählen. Was kann man da tun? Mir gehen die Ideen aus. Trump verwandelt Amerika in einen Scheiß faschistischen Staat. Es wirkt gerade wie Deutschland in den 30ern. Eben waren wir doch noch die verfluchten USA – kein Land, das sich einmauert. Die Mauer wird Trump aber eh nie bauen – falls doch, baut Mexiko verdammt geile Tunnel.

Ihnen gehen die Ideen aus? Auch für Protestsongs?
Na ja. Ich gehe zu den Protesten, war mit meinen Töchtern beim Women’s March, unser Label plant Anti-Trump-Projekte. Gerade machen wir bei der Aktion Bandcamp mit, wo 400 Alternative-Labels Songs zugunsten der Bürgerrechtsliga verkaufen. Wir müssen den Typen jetzt stoppen, sonst naht das verdammte Ende der Zivilisation.

Dieses Ende besingen Sie auf der neuen LP auch im Song „Generation Z“. Dachten Sie da schon an Trump?
Nein, da ging es mir um den Klimawandel, die Wasserknappheit, die wir in Kalifornien seit Jahren spüren. Unsere Kinder werden einen total anderen Planeten sehen. Und die Rückkehr der feudalen Gesellschaft. Vor zwei Jahren klang das dystopisch, nun rasen wir darauf zu.

„No Future“ war schon bei der Punk-Explosion 1977 das Motto der Szene; Sie sangen schon vor fast 20 Jahren in „The Decline“ vom Ende der Demokratie – vielleicht übertreiben Sie ja.
Nein, ich wollte darauf hinaus, wie brüchig die Demokratie ist – und behielt Recht! Es ging darum, dass zu viele ungebildete Idioten wählen, dass die Regierung käuflich ist und es nur noch um „einen guten Deal“ geht. Genau da sind wir gelandet! Wir sind am Arsch.

Trumps Sieg wird den kleinen Leuten ohne Hoffnung zugeschrieben. Das sind doch Ihre Leute, wenn man neuen NoFX-Songs wie „It’s not lonely at the bottom“ glaubt ...
Quatsch, da geht es darum, wie man als Junkie nach ganz unten stürzt – und selbst da Spaß hat. Und was heißt schon „meine Leute“? Wir sind im Ausnahmezustand! Ich bin gern weiter mit jedem verschiedener Meinung – aber es muss klar sein, dass Trump eine Gefahr ist.

Fakt ist: Sie sprechen nicht mehr nur Punks an. Ihre Biografie wurde zum New-York-Times-Bestseller.
Ja, verrückt. Ich habe keine Erklärung dafür, außer, dass noch keine Band solchen Seelenstriptease betrieben hat. Ich fand, wenn schon, dann nichts auslassen. Die Drogensucht, unsere kaputten Familien, Selbstmorde und Sado-Maso ...

... und als Einstieg Ihr Erfahrungen mit Sexspielchen, bei denen Trump – laut Gerüchten – nur gegen Geld zuschaut. Ist Ihnen Provokation noch so wichtig? Ist das nach 40 Jahren Punk mehr als eine Pose?
Auf jeden Fall. Ich will nicht nur Akkordfolgen und Melodien und Texte schreiben, die es noch nicht gab. Ich will auch Ideen verbreiten, die noch keiner hatte. Das ist für mich Punk. Provokation? Hilft dabei immer!

Sie schreiben Melodien mit Pop-Hit-Potenzial und Texte mit geistreichen Wortspielen: Hätten Sie es ohne laute Gitarren nicht viel weiter gebracht?
Höchstens zur Impro-Comedy... Aber immerhin arbeite ich seit ein paar Jahren an einem Musical, „Home street home“ – echt aufregend! In San Francisco war es drei Wochen ausverkauft, in diesem Jahr läuft es in New York an.

Oje, NoFX zieht es zum Broadway?
Ja, dahin wollen wir tatsächlich! Wir haben einen der größten Produzenten New Yorks, Kevin McCollum, der schon „Rats“, „Avenue Q“ und 23 andere Broadway-Hits produziert hat. Aber NoFX selbst spielen da nicht live, keine Angst. Die meisten Songs sind kein Punk, sondern mit Klavier, Streichern – echte Musik. Dafür sind wir viel zu schlecht.

Interview: Steven Geyer

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