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Serie: EM-Städte Bierhauptstadt Lwiw will Deutsche locken

Die westukrainische Großstadt Lwiw - früher einmal Lemberg - will vor allem deutsche Touristen anlocken. Zur Fußball-EM, wenn die deutsche Elf zweimal im neuen Stadion spielt, sieht die alte Stadt ihre Sternstunde gekommen.

01.06.2012 06:00
Herausgeputzt für die EM: Lwiw gilt noch als Geheimtipp für Osteuropareisende. Foto: dpa

An den Wohnblöcken aus Sowjetzeiten muss jeder wohl oder übel vorbei auf dem Weg zum mittelalterlichen Kern der westukrainischen Großstadt Lwiw. Durchgerüttelt von den Schlaglöchern in den Straßen kommen die Besucher ans Ziel. Lemberg, wie es zu Zeiten der Habsburger hieß, hat sich für die Fußball-Europameisterschaft vom 8. Juni bis 1. Juli herausgeputzt. Ukrainische Gastfreundschaft pur wartet auf die Fans der deutschen Elf, die am 9. und 17. Juni im neuen Stadion vor den Stadttoren aufläuft.

840 Kilometer östlich von Berlin in Galizien gelegen, gilt der Ort noch als Geheimtipp für Osteuropareisende, die etwa Prag und Krakau mögen. Die Prachtbauten der königlichen und kaiserlichen Zeit, die rund 100 Kirchen und anderen sakralen Gebäude, die von den Sowjets teils als Lagerhallen genutzt worden waren, ein Markt mit Trachten, Kunsthandwerk und romantische Gassen mit funzeligen Jugendstillampen – das alles soll Touristen anlocken.

Lwiw wirbt nicht nur als Bierhauptstadt der Ukraine, deren Brautradition laut Stadtführern bis zum Jahr 1715 zurückreicht. Ein halber Liter frisch gezapftes Bier ist wenige Wochen vor dem Start des Fußball-Großereignisses noch für 75 Cent bis 1,50 Euro zu haben. Auch Freunde von Wiener Kaffeehauskultur und handgemachter Schokolade kommen in der Altstadt, die als Weltkulturerbe unter dem Schutz der Unesco steht, schnell auf den Geschmack. Doch dies ist nur stärkendes Beiwerk auf einer Zeitreise durch jahrhundertealte Architekturstile.

Lwiw oder Lwow, wie die 700.000-Einwohner-Stadt zu Sowjetzeiten genannt wurde, macht einen deutlich älteren Eindruck, als es ist. Wohl nicht zuletzt deshalb ist die Altstadt beliebte Filmkulisse. Im Hotel „George“ aus dem 18. Jahrhundert logierte einst der Schriftsteller Balzac, wie es auf einer Tafel an Zimmer 7 heißt. 2001 besuchte Papst Johannes Paul II. den römisch- und griechisch-katholisch geprägten Ort.

Bröckelnde Balkons an Fassaden mit feinen, verwitterten Reliefs und Bildhauereien, zerfressener Putz und mal modriger, mal süßlich gäriger Apfelduft in den Höfen und Hauseingängen verströmen einen morbiden Charme, der seinen Reiz auch bei wiederholten Besuchen nicht verliert. Für die Gäste der Europameisterschaft stehen überall Wegweiser mit kyrillischen und lateinischen Buchstaben.

„Die Stadt ist vorbereitet auf den Ansturm“

Im Rathaus, das auf einem mittelalterlichen Altmarkt – wie es ihn auch in Deutschland geben könnte – steht, gibt es seit 2009 eine Tourismusinformation. „Die Stadt ist vorbereitet auf den Ansturm“, sagt die Managerin Nadja Radionenko. Die junge Frau erinnert sich gut, wie 2008 noch viele Lwiwer ausschlossen, dass die Stadt EM-tauglich werden könnte. Lwiw eröffnete im Oktober 2011 als letzter ukrainischer Spielort nach Kiew, Donezk und Charkow das Stadion.

Auf dem Boulevard, der sich von der glanzvollen Oper aus am Prospekt Swobody erstreckt, ist eine Fan-Zone für mehr als 25 000 Menschen geplant. Viele Restaurants, die wegen der günstigen Preise oft schon außerhalb der Saison rappelvoll sind, haben Sitzplätze im Freien.

Das EM-Geschäft will sich keiner entgehen lassen. Das Fünf- bis Zehnfache der üblichen Preise wollen einige Gastwirte kassieren, heißt es. Die Europäische Fußball-Union (UEFA) empörte sich unlängst darüber. Jeweils zwischen 8000 und 10 000 deutsche Fans mit Tickets würden zu den Spielen der Nationalelf erwartet. In der Tourismuszentrale liegen Lwiw-Broschüren in Deutsch aus.

Auch nach der EM setzt Lemberg auf die Reiselust der Deutschen. Die drohende Preistreiberei werde intensiv mit den Hotel- und Gaststätteninhabern diskutiert, sagt Radionenko. „Wir wollen schließlich, dass die Besucher noch einmal wiederkommen“, sagt sie. Von Lemberg aus ist es nicht weit in die Karpaten - ideal etwa für den Wintersport. Touranbieter schlagen jede Menge Exkursionen vor - auf den Spuren der Deutschen oder der Juden, die hier einst lebten, bis die Nazis die Stadt eine Zeit lang besetzten.

Taxifahrer hoffen ebenfalls auf das Geschäft ihres Lebens. Der 57 Jahre alte Bogdan hat noch keinen Taxameter in seinem rostigen Wagen, durchs Dach regnet es auf den Beifahrersitz. Für die Fahrt zum Stadion im Südwesten der Stadt - wieder vorbei an den sowjetischen Wohnsilos – in eine Gegend mit viel Ackerland nimmt er 50 Griwna, weniger als fünf Euro. Ein Busticket kostet zwei Griwna. Bogdan klagt über die hohen Kosten und zeigt an einer Tankstelle auf die Benzinkosten: rund ein Euro pro Liter.

Durchschnittslohn liegt bei 200 Euro

Der Durchschnittslohn liege bei 2000 Griwna, also unter 200 Euro. Deshalb hätten viele, vor allem junge Leute längst das Weite gesucht, um besser zu verdienen. Bogdan hat gehört, dass die Stadt künftig vor allem vom Tourismus leben soll. Auch IT-Unternehmen sollen sich ansiedeln. Aber für ihn wie für viele in der verarmten Ukraine ist ein einigermaßen erträgliches Auskommen ein täglicher Kampf, wie er am Stadion, einem grauen Klotz für 35.000 Zuschauer, erzählt.

Die Armut der finanzschwachen Ukraine, des flächenmäßig zweitgrößten Landes Europas mit rund 45 Millionen Einwohnern, ist auch in Lwiw unübersehbar. Die Stadt ist kein ungefährliches Pflaster. Die Bürgersteige sind voller Stolperfallen, weil manchmal Steine oder Platten fehlen. Wer wegen der schönen Gebäude den Kopf lieber in den Nacken legt und mit offenem Mund staunt, vergisst leicht die Gefahr unter den Füßen.

In Antiquariaten bestätigen Schwarz-Weiß-Postkarten, dass sich die einstige multikulturelle Handelsmetropole seit 100 Jahren zumindest äußerlich kaum verändert hat. Doch die 750 Jahre alte Schönheit verfällt. An den Gebäuden der Gotik, Renaissance, des Barock, Klassizismus und der Jugendstil-Zeit werden noch Generationen von Restauratoren zu tun haben. Damit einhergehen soll die innere Erneuerung. Besonders hier im Westen des Landes schauen viele Ukrainer nach Europa und auf eine Zukunft in der EU.

Wichtige Infos zu Lwiw:

  • Anreise: Lwiw ist am preiswertesten mit dem Bus zum Beispiel von aus Dresden erreichbar. Am schnellsten geht es dagegen mit dem Flugzeug - auch aus Deutschland gibt es Direktflüge. Extra für die EM wurde ein neues Flughafenterminal gebaut. Eine Alternative ist der Zug - Lwiw liegt nahe der polnischen Grenze. Ein Visum ist nicht nötig.
  • Übernachtung: In der Stadt gibt es viele Hotels aller Kategorien. Fast täglich kommen neue Zimmerangebote hinzu. Wer dort kein Glück hat oder eine preiswerte Alternative sucht, findet auf einem eigens zur EM errichteten Campingplatz eine Unterkunft.
  • Diese Spiele sind in Lwiw geplant: Am 9. Juni spielt Deutschland gegen Portugal, am 13. Juni Dänemark gegen Portugal und am 17. Juni Dänemark gegen Deutschland.
  • Informationen: Tourismus Informationszentrum, Rynok Ploschtschad 1, Lwiw 79.000 Ukraine. (Tel.: +38 32 2546079, E-Mail: tic@city-adm.lviv.ua)

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