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Tourismus „Was an Kreuzfahrten problematisch ist? Alles!“

Reise-Experte Frank Herrmann spricht im Interview über die Sünden der Reisebranche und Wege zu mehr Nachhaltigkeit im Urlaub.

Copacabana
Müll am Strand von Copacabana in Rio de Janeiro. Foto: rtr

Herr Herrmann, der Tourismus boomt. Jährlich reisen 1,2 Milliarden Menschen rund um den Globus. Die Welttourismusorganisation (UNWTO) rechnet bis 2030 mit 1,8 Milliarden Reisenden. Wie viel Tourismus verträgt die Erde?
Das ist schwer zu sagen. Aber an vielen Orten wird es aus touristischer Sicht immer enger. Das zeigt sich an einen erhöhten Ressourcenverbrauch, mehr CO2, mehr Müll, aber auch an einer touristischen Entwertung.

Was meinen Sie damit?
Viele Ziele verlieren angesichts der Touristenmassen einfach an Authentizität und Attraktivität - beispielsweise Venedig, Barcelona, einige Inseln im Süden Thailands, die überrannt werden, oder auch Ruinenstätten wie Machu Picchu in Peru. Wir brauchen da eine bessere Steuerung der Tourismusströme, damit die Orte intakt und für künftige Generationen erlebbar bleiben.

Wer bezahlt vor allem den Preis für unser exzessives Reisen?
Das ist vor allem die Natur, das Klima und das sind ganz unmittelbar auch die Menschen in den bereisten Ländern. Beispiel Städtetourismus: In Barcelona werden viele Bewohner aus ihren Vierteln vertrieben, weil dort zunehmend an Touristen vermietet wird und die Einheimischen sich die Wohnungen nicht mehr leisten können. Dazu kommen Lärm und Müll.

Tourismus ist doch aber auch ein wichtiger Wirtschaftsfaktor und bringt gerade den Ländern des Südens Entwicklung – so sieht es zumindest die Reisebranche.
Wenn man nur das quantitative Wachstum einer Volkswirtschaft sieht, stimmt das. Betrachtet man die Entwicklung qualitativ, muss man zu einem anderen Urteil kommen. Wenn etwa Fischer für den Bau einer Hotelanlage von ihrem Land vertrieben werden, schlägt sich das positiv im Bruttosozialprodukt nieder. In dieser Rechnung spielt dann aber keine Rolle, dass die einheimische Bevölkerung auf diese Weise ihre natürlichen Lebensgrundlagen verliert und dafür allenfalls schlecht bezahlte Saisonjobs mit langen Arbeitszeiten erhält.

Wer verdient denn vor allem am Reiseboom?
Das sind nicht in erster Linie die Zielländer, sondern vor allem die Tourismuskonzerne, die Fluglinien, die Hotelketten und die Kreuzfahrtreedereien. Mehr als die Hälfte des Reisepreises landet wieder in den Herkunftsländern der Touristen. Auch über Nahrungsmittelimporte, da viele Urlauber unter Palmen nicht auf deutsches Bier und deutsche Wurst verzichten wollen.

Ist denn Massentourismus wie ihn viele Anbieter günstig organisieren per se ein Übel und der Rucksackreisende grundsätzlich nachhaltiger unterwegs?
Auch der Pauschaltourist kann, wenn er sich sachkundig macht, ökologisch und sozial verantwortlich urlauben. Und es gibt auf der anderen Seite Backpacker, denen alles egal ist.

Im Blick auf die ökologischen Folgen wäre eine Fahrradtour mit Übernachtung auf Zeltplätzen aber die beste Alternative?
Da ist in der Tat eine sehr nachhaltige Art des Reisens. Aber man kann sich in jedem Urlaubssegment für eine ökologischere Variante entscheiden und vor allem die ganz großen Umweltsünden unterlassen.

Nennen Sie uns die schlimmsten Vergehen.
Heliskiing zum Beispiel. Wenn Sie sich also mit dem Hubschrauber auf Berggipfel bringen lassen, um dann durch den unberührten Tiefschnee abzufahren. Oder der Langstreckenflug zum Startpunkt einer Kreuzfahrt in der Karibik.

Was ist eigentlich an der Kreuzfahrtbranche, die auch 2017 weiter stürmisch wächst, so problematisch? Die Veranstalter rechnen in diesem Jahr mit 25,3 Millionen Passagieren.
Alles! Nutznießer sind eigentlich nur die Veranstalter und Werften, die immer mehr Luxusliner bauen. Ein krasses Beispiel dafür, dass die Gewinne privatisiert und die ökologischen und sozialen Folgen von der Allgemeinheit getragen werden.

Geht es etwas genauer?
Die Schiffe produzieren jede Menge Schadstoffe und Müll. Ökonomisch gesehen haben die bereisten Länder fast nichts davon, dass die Pötte anlegen. Das Essen für die All-inklusive-Buffets an Bord wird in der Regel von Deutschland aus in die Karibik geflogen. Die meisten Schiffe fahren zudem nicht mehr unter deutscher Flagge, um Sozialabgaben und Steuern zu sparen. Die Arbeitszeiten für die Bediensteten sind lang, die Löhne niedrig. Und zu all dem gibt es hierzulande auch noch Subventionen für den Bau riesiger Hafenterminals, die es für die schwimmenden Megahotels braucht.

Die UNWTO hat 2017 zum „Jahr des nachhaltigen Tourismus für Entwicklung“ erklärt. Nehmen Reisebranche und die Politik das ernst?
Meines Erachtens nicht ernst genug. Natürlich gibt es in solchen UN-Jahren immer eine Menge Veranstaltungen mit schönen Reden und dem einen oder anderen Vorzeigeprojekt. Was letztlich aber immer noch zählt, ist der Profit – und unter dieser Voraussetzung ist dann auch Nachhaltigkeit ganz okay.

Gibt es in der Branche Vorzeigeunternehmen, denen das Engagement für mehr Nachhaltigkeit abzunehmen ist?
Beispielhaft würde ich das Forum Anders Reisen nennen, in dem sich rund 140 kleine und mittlere Veranstalter zusammengetan haben, die nachweislich auf einen nachhaltigen Tourismus setzen. Seriös sind auch die Bio-Hotels, ein Verein, dem europaweit 90 Häuser angehören. Und es gibt in Deutschland bereits 17 CO2-neutrale Jugendherbergen.

Können sich Verbraucher bei ihren Urlaubsplanungen auch an Siegeln orientieren?
Da würde ich zwei nennen, die sich von reinen Marketinginstrumenten deutlich abheben: Zum einen das deutsche Label TourCert. Geprüft werden hier alle Aspekte der Nachhaltigkeit - vom Papierverbrauch des Veranstalters bis zum fairen Lohn für das Zimmermädchen. Und dann natürlich das aus Südafrika stammende Siegel Fair Trade Tourism, das sich an Kriterien orientiert, wie wir sie aus dem fairen Handel kennen.

Wenn es am Ende doch der Langstreckenflug ist, um die schönsten Wochen des Jahres an einem Traumstrand zu verbringen, sollte man dann den CO2-Ausstoß kompensieren – oder ist das Ablasshandel?
Das sollte man auf jeden Fall tun. Bis es eine weltweite CO2-Steuer oder einen funktionierenden Emissionshandel gibt, ist das eine effektive Art und Weise, die Umweltschäden zu minimieren. Da empfehlen sich Projekte nach dem Goldstandard von Anbietern wie Atmosfair und Myclimate, die versuchen, über den CO2-Ausgleich hinaus der lokalen Bevölkerung einen Mehrwert zu verschaffen. Die Spenden an die Klimadienstleister sind sogar steuerlich absetzbar.

Was würden Sie denen, die bald in den Urlaub starten, noch mit auf den Weg geben?
Sie sollten sich auf jeden Fall mit dem Gastland beschäftigen. Da gibt es hilfreiche „Sympathie Magazines“ des Studienkreises für Tourismus und Entwicklung, die Hintergrundinformationen bieten. Ins Gepäck gehört immer eine feste Trinkflasche und ein Stoffbeutel für den plastikfreien Konsum. Vor Ort öffentliche Verkehrsmittel nutzen und die Klimaanlage, wenn es denn sein muss, verantwortungsvoll einsetzen. Und zu Hause vor dem Start unbedingt alle Stecker ziehen.

Interview: Tobias Schwab

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