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Experte erklärt Warum Kunstschnee der Umwelt schadet

In diesem Winter ist Schnee Mangelware. Damit Skifahrer dennoch auf ihre Kosten kommen, werden hohe Mengen Kunstschnee auf die Pisten gesprüht. Hierfür wird mehr Wasser verbraucht, als von der Stadt München in einem Jahr. Naturschützer kritisieren das Vorgehen scharf.

21.01.2014 14:46
Vor allem in milden Wintern mit wenig Schnee kommen immer mehr Beschneiungsanlagen zum Einsatz. Im ganzen Alpengebiet wird dabei insgesamt eine Fläche so groß wie der Bodensee beschneit. Eine Umweltsauerei, finden Naturschützer. Foto: dpa

In den bayerischen Alpen herrschte in den ersten Januarwochen eher Frühlingsstimmung. In vielen Wintersportorten ist bei viel zu milden Temperaturen von weißem Schneezauber noch immer keine Spur. Etwas trist wirken an den Talstationen die schmalen Pistenbahnen aus Kunstschnee. Rechts und links davon ist alles grün-braun und matschig. Ohne Schneekanonen geht hier gar nichts – die Skifahrer kommen trotzdem.

Millionensummen für Beschneiungsanlagen

Vor allem in milden Wintern mit wenig Schnee kommen in den bayerischen Skigebieten immer mehr Beschneiungsanlagen zum Einsatz. In den vergangenen Jahren wurden dort für Schneekanonen und die Anlage von Speicherseen hohe Summen investiert: Laut Alpenbahnen-Sprecherin Antonia Asenstorfer seien rund 3,5 Millionen Euro allein im Skigebiet Brauneck bei Garmisch-Partenkirchen für die künstliche Beschneiung ausgegeben worden – dafür musste auch ein neuer Speichersee mit 100.000 Kubikmeter Fassungsvermögen her.

Die Wintersportorte wollen damit den Skibetrieb auch in schneearmen Jahren sicherstellen. Wurde anfangs nur zur Pistenkorrektur beschneit, erfolgt das mittlerweile auch flächendeckend. Axel Doering, Sprecher des Arbeitskreises Alpen beim Bund Naturschutz, macht sich Sorgen um die Umwelt.

Herr Doering, welches Ausmaß hat die künstliche Beschneiung mittlerweile?

Axel Döhring: Im gesamten Alpenraum wird bereits eine Fläche beschneit, die der Wasserfläche des Bodensees entspricht. Dabei kommt eine Wassermenge zum Einsatz, die höher ist als die Stadt München pro Jahr verbraucht. Der Stromverbrauch liegt etwas über dem Jahresverbrauch von Nürnberg. Das ist schon sehr energierelevant. Das alleine bringt das Klima zwar nicht um, ist aber ein fatales Signal, wenn man glaubt, mit einem solch großen Energieeinsatz den Winter zurückkaufen zu können.

Wie wurde das am Anfang geregelt?

Axel Döhring: In den 1980er Jahren war in Bayern zunächst nur eine sogenannte Korrekturbeschneiung bis zur Baumgrenze erlaubt. Das erfolgte meist auf den Pisten in den unteren Lagen und zu den Sportwettkämpfen. Dafür gab es eine Beschneiungsrichtline des Landtags, die im Jahr 2005 völlig entschärft wurde. Jetzt werden ganze Skigebiete vom Tal bis in die Hochlagen beschneit.

Welche Folgen hat das für die Umwelt?

Axel Döhring: Die Beschneiung mit dem massiven Wassereinsatz wirkt sich auf die Vegetation aus. Da verändert sich das Vegetationsbild in höheren Lagen, weg von den angepassten Hochlagenarten, hin zur Allerweltsvegetation. Um den Kunstschnee effizient einzusetzen, müssen die Pisten zudem besonders gut planiert werden, da jede Unebenheit mehr Kunstschnee zur Präparierung braucht. Im Sommer hat das Ganze zur Folge, dass das Wasser viel schneller abläuft. Die Gefahr von Murenabgängen und Bodenerosion steigt. Bei Hochwasser kommt auch dieses Wasser hinzu, was die Situation insgesamt verschärft. Generell kann man davon ausgehen, dass auf einer Skipiste 35 Mal mehr Wasser abläuft als in einem gesunden Bergmischwald. Das alleine ist noch nicht die große Katastrophe, aber Teil der Katastrophe, wenn sie eintritt.

Was kostet der Einsatz der Schneekanonen?

Axel Döhring: Im Schnitt kostet der Kunstschnee 3 bis 5 Euro pro Kubikmeter. Früher wurde überwiegend in der Nacht beschneit. Dazu wurde der günstige Überschussstrom verwendet. Wenn heute klimabedingt die Schneekanonen immer mehr auch tagsüber zum Einsatz kommen, erfolgt ihr Betrieb mit dem teuren Spitzenstromsatz. Wenn die Winter weiter immer milder werden, wird sich das in tieferen Lagen nicht mehr rechnen. Im Schnitt benötigt man 100 Tage, an denen Ski gefahren werden kann, damit sich eine Anlage ökonomisch rentiert. Damit eine Schneekanone nicht einfriert, hat sie eine elektrische Heizung. Gleichzeitig ist aber das Wasser in den Speicherseen oft zu warm zum Schneemachen und muss daher aufwändig gekühlt werden.

Welche Alternative gibt es zum Kunstschnee?

Axel Döhring: Die Wintersportorte könnten mehr auf Winter- und Schneeschuhwandern setzen. Dafür wird nicht so viel Schnee benötigt. Völlig schneelos werden unsere Winter zudem so schnell nicht werden. Der Schneefall ist aber immer unzuverlässiger und er verschiebt sich zunehmend nach hinten gen Ostern. Problem ist, dass auch bei optimalen Bedingungen die Leute an Ostern weniger Interesse am Skifahren haben. Es wäre wichtig, heute die Alternativen zum Schnee und zum Kunstschnee zu entwickeln. In naher Zukunft wird der Klimawandel den schneegebundenen Wintersport in Lagen bis 1500 Meter immer teurer und dann ganz unmöglich machen.

Axel Doering war bis Ende 2012 Revierförster in Garmisch-Partenkirchen. Beim Bürgerbegehren galt der Kreisvorsitzende vom Bund Naturschutz als Frontmann gegen die Olympia-Bewerbung. Außerdem ist er in der Naturschutzorganisation Bund Naturschutz Sprecher im Arbeitskreis Alpen.

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