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Gängige Denkfehler Zehn Geld-Irrtümer, die Sie kennen sollten

Geld macht nicht glücklich. Immobilien sind sichere Anlagen. So lange die Armen überleben, ist Ungleichheit kein Problem. - Stimmt nicht! Wirtschaftsjournalist Henrik Müller räumt in seinem neuen Buch mit Irrtümern rund um Geld, Wachstum und Arbeit auf.

Einkommen und Besitz haben einen bedeutenden Einfluss auf die subjektive Zufriedenheit. Schwierige Situationen erleben arme Menschen sogar als noch schlimmer. Foto: dpa

Auch wenn es überall auf der Welt kriselt - Deutschland geht es gut. Das ist eine Meinung, die in Medien und Politik gerne verbreitet wird. Wir haben ein deutsches „Jobwunder“, sind Export-Weltmeister und bauen Häuser, was das Zeug hält. Aber sieht die wirtschaftliche Zukunft wirklich so rosig aus? Können wir uns erst einmal entspannt zurücklehnen?

Henrik Müller hat daran seine Zweifel. Der Professor für Wirtschaftsjournalismus an der TU Dortmund will mit seinem neuen Buch Wirtschaftsirrtümer. 50 Denkfehler, die uns Kopf und Kragen kosten Fakten schaffen, statt sich mit Halbwahrheiten zu begnügen.

„Der Weg in die große Krise des Kapitalismus ist gesäumt von Irrtümern. Wären sie früher erkannt worden, die Welt wäre heute ein besserer Ort“, schreibt der ehemalige Vize-Chefredakteur des „Manager Magazins“. Deshalb möchte er mit gängigen Vorurteilen und falschen Denkweisen über Geld und Marktwirtschaft aufräumen.

Wir haben einige spannende Beispiele aus dem Buch gesammelt.

1. Geld macht nicht glücklich

Je weniger Geld man hat, desto wichtiger ist es. Und wer bereits viel Geld hat, will trotzdem noch mehr, um sein Wohlbefinden weiter zu steigern. Beide Effekte zusammen halten die Wirtschaft in Gang.

Allerdings gibt es beim Glücksgefühl Grenzen: Bei 55.000 Euro Jahreseinkommen ist das Optimum erreicht, haben der Wirtschafts-Nobelpreisträger Daniel Kahneman und sein Mitstreiter Angus Deaton herausgefunden. Noch mehr Geld pro Haushalt macht nicht glücklicher - jedoch auch nicht unbedingt unglücklicher.

Von glücklichen Armen kann man hingegen nicht sprechen. Ein niedriges Einkommen bereitet „emotionalen Schmerz“, stellten die Forscher fest. Mehr noch: Wer kein Geld hat, erlebt unglückliche Lebensumstände wie Scheidung, Krankheit und Alleinsein als noch schlimmer.

2. Immobilien sind sichere Anlagen

Eigentumswohnungen und Häuser sind keineswegs sichere Anlagen. Das zeigt die Entwicklung, die viele andere Länder im vergangenen Jahrzehnt durchgemacht haben. In der Phase des Kreditbooms stiegen die Immobilienpreise über Jahre mit zweistelligen Prozentzahlen. Doch ist der Boom vorbei, bilden sich die Preisniveaus zurück: Das überteuert gekaufte Haus ist plötzlich deutlich weniger wert.

Wer auf den laufenden (Immobilien-)Trend aufspringe, riskiere also deutliche Vermögensverluste, erklärt Autor Müller.

Immerhin werfen Immobilien noch Erträge ab - solange sie vermietet sind oder selbst genutzt werden. Ausgewachsene Immobilienbooms regen aber leider die Bauaktivität so stark an, dass ein Überangebot entsteht. Die Folge: Leerstand und schlimmstenfalls die Insolvenz des Bauherrn.

3. Viel Geld schafft Wohlstand

„Ob wohl immer mehr billiges Geld zur Verfügung steht, wird immer weniger in jene Güter investiert, die den Wachstumsprozess tragen: Maschinen, Anlagen, Computer, Software und dergleichen“, erklärt Müller. Weltweit gebe es zu wenig spannende neue Unternehmen, zu wenige interessante Ideen und große Projekte. „Künstlich niedrige Zinsen haben es attraktiver gemacht, mit bestehenden Vermögensgütern (Aktien, Anleihen, Rohstoffen...) zu handeln, als mühsam, zeitraubend und risikoreich an der Ausweitung der Produktionsmöglichkeiten zu arbeiten.“

Zu billiges Geld schafft offenbar perverse Anreize - investiert wird vor allem in Aktien und Wohnraum, was aber außer in der Baubranche und im Finanzsektor nicht für (nachhaltiges) Wachstum sorgt.

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4. Große Exportüberschüsse sind gut

Darum kosten die deutschen Exportüberschüsse Wohlstand:

  • Die Abhängigkeit vom Export macht anfällig für Umschwünge in der Weltkonjunktur.
  • Deutschland leiht dem Rest der Welt Geld, damit dieser sich deutsche Güter kaufen kann - und baut auf diese Weise immer größere Forderungen auf.
  • Wenn zu viel Kapital exportiert wird, fehlen die Mittel im Inland - und somit die Investitionen und Arbeitsplätze.
  • Es können ernste internationale Spannungen entstehen, weil Deutschland den Wettbewerb verzerrt.
  • Die Löhne in der Industrie sind nicht so hoch, wie sie sein könnten - die Arbeitnehmer tauschen Jobsicherheit gegen Geld.

5. Lohnzurückhaltung ist gut

„Selbstständige und Vermögende erhalten ein größeres Stück vom Kuchen, während die Einkommen vieler abhängig Beschäftigten real über viele Jahre stagnieren“, erklärt Müller. Seit 2003 sei die Lohnquote im Trend gefallen.

Es sei aber wichtig, dass sich die Löhne in Deutschland flexibler anpassten - insbesondere in den Industriebranchen mit Exportüberschüssen. Auf diese Weise würden übermäßige außenwirtschaftliche Überschüsse in heimisches Einkommen verwandelt und dringend benötigte Arbeitskräfte in florierende Branchen gelockt.

6. Notenbanken müssen Deflation auf jeden Fall verhindern

„Die Angst vor Deflation sorgt für eine zu lockere Geldpolitik, die wiederum Aktienkurse und Immobilienpreise durch die Decke gehen lässt - eine Inflation der Vermögenswerte.“ Das könne wiederum in einem Crash und neuerlichen Deflationsgefahren enden.

Dabei sei nicht jede Episode fallender Preise schlecht, weiß Müller: „Die Kaufkraft steigt, die Bürger können sich bei gleichem Einkommen mehr leisten.“

Es gebe also gute und schlechte Deflation - und eine wirklich hässliche Form: Nämlich wenn die Preise sinken, während Staat, Unternehmen und private Haushalte hoch verschuldet sind. Dann kann die Volkswirtschaft in eine Abwärtsspirale geraten - wie in den Jahren 1929 bis 1933.

7. Ein großer Staatssektor kostet Wohlstand

Ohne große staatliche Sektoren wären eine hochproduktive Wirtschaft und eine stabile, befriedete Gesellschaft gar nicht möglich. Wie viel Staat zu viel ist, lässt sich aber pauschal nicht sagen. Denn die Spielregeln sind für jedes Land und jede Volkswirtschaft anders.

Wichtig sind Müller zufolge drei Punkte, damit Staat und Wirtschaft gut zusammengehen:

  1. Staaten müssen vernünftig finanziert sein.
  2. Vertrauen in das staatliche System und Solidarität sind nötig.
  3. Man braucht eine Kultur der sozialen Kontrolle, die unsolidarisches Verhalten sanktioniert (zum Beispiel in den Medien).

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8. Ungleichheit ist kein Problem

... so lange die Armen genug zum Überleben haben? Das stimmt nicht. „Wer deutlich weniger zur Verfügung hat als die meisten seiner Mitbürger, ist vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen“, warnt Müller. Und wenn die Einkommen stark auseinander driften, leidet auch die Mittelschicht. Das zeigt sich zum Beispiel auf Wohnungsmärkten, wo selbst Normalverdiener Probleme haben, bezahlbare Wohnungen zu finden.

Ungleiche Gesellschaften verlieren zudem den Zusammenhalt - und sie schaden der Wirtschaft. Ärmere Schichten können sich eine gute Bildung nicht leisten, während die reicheren vor Konkurrenz durch ehrgeizige Aufsteiger geschützt sind. Neue Anreize und Ideen gehen verloren.

Nicht nur Einkommen, auch die Vermögen sind extrem ungleich verteilt in Deutschland - „wenn einige im Wachstumsprozess verarmen, während andere immer reicher werden, ist das auf Dauer dem gesellschaftlichen Frieden abträglich“, so Müller.

9. Geld ist neutral

In der Wirtschaftstheorie heißt es, Geld sei neutral. Es soll damit gesagt werden, Geld bevorzuge oder benachteilige keinen der Wirtschaftsteilnehmer - der Preis eines Wirtschaftsguts reguliere einfach die Nachfrage. Müller ist mit dieser Definition nicht einverstanden.

„Geld liegt nicht nur wirtschaftlichen, sondern auch sozialen Beziehungen zugrunde.“ Das heißt: Alles und jeder kann durch einen Geldbetrag ausgedrückt werden. Von der sozialen Stellung bis hin zu persönlichen Entfaltungsmöglichkeiten hängt alles von der Geldmenge ab, die ein Mensch zur Verfügung hat. Zu viel und zu ungleich verteiltes Geld kann im Wirtschaftskreislauf schädliche Folgen haben. Hinzu kommt, dass die Notenbanken einen großen Spielraum haben - und Geschäftsbanken kaum Kontrollen unterliegen. Da Geld und seine Verteilung so wichtig sind, ist es nicht neutral.

10. Hartz-IV ist der Grund für das Beschäftigungswunder

„Weder haben allein die Hartz-Gesetze Deutschland auf den Wachstumspfad zurückgebracht, noch sind sie wirkungslos, wie heute gelegentlich behauptet wird“, so Müller. Er sieht noch drei weitere Gründe, warum die Arbeitslosenzahlen in Deutschland zurückgingen:

1. Deutschland wertete ab: Die nur langsam steigenden Löhne seit Anfang der 2000er Jahre, flexible Arbeitszeiten sowie ein Wertverlust des Euros (insbesondere gegenüber dem Dollar) haben die wirtschaftliche Position Deutschlands verbessert.

2. Der Boom in China und anderen Schwellenländern: Die deutsche Industrie konnte in den 2000er Jahren die Nachfrage dieser Länder nach westlichen Statussymbolen, zum Beispiel Autos, stillen. Der verzögerte Wandel zur Dienstleistungsgesellschaft erwies sich als Vorteil.

3. Nach den Babyboomern kam der Pillenknick: Kleinere Jahrgänge, weniger Zuwanderung und dafür mehr Auswanderung - auch das trug dazu bei, dass es heute weniger Arbeitslose gibt. (gs)

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