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Weiterbildung Verschenktes Recht

Die meisten Arbeitnehmer nehmen keinen Bildungsurlaub, obwohl ihnen fünf Tage im Jahr rechtlich zustehen. Aus Angst vor Konsequenzen.

15.10.2012 18:57
Laura Wagner
Arbeitnehmer haben das Recht auf fünf Tage Bildungsurlaub pro Jahr. Doch kaum einer traut sich den Urlaub auch zu nehmen. Foto: dpa

Die Balance zwischen Beruf und Privatleben finden, an der Volkshochschule die eigene Rhetorik verbessern oder sogar französische Vokabeln in Nizza pauken. Arbeitnehmer haben das Recht auf fünf Tage Bildungsurlaub pro Jahr. Theoretisch. Praktisch löst das kaum jemand ein. Laut einem Bericht der Landesregierung haben in Hessen im Jahr 2010 nur 0,55 Prozent der Frauen und 0,42 Prozent der Männer an Bildungsurlauben teilgenommen. Vor allem in kleinen Unternehmen liegt der Anteil der Teilnehmer deutlich unter dem ohnehin schon niedrigen Durchschnitt.

„Der Bildungsurlaub ist politisch nicht mehr so gewollt, wie er es einmal war“, sagt Ulrich Wessely, Bildungsreferent des DGB Bildungswerks Hessen. Die Teilnahme an den Veranstaltungen sei konstant auf einem niedrigen Niveau. Von 2007 bis 2010 gab es in Hessen 5580 Veranstaltungen mit insgesamt über 42?000 Teilnehmern. 7006 davon haben von ihrem Recht auf Freistellung zur Teilnahme allerdings keinen Gebrauch gemacht und stattdessen Erholungsurlaub eingereicht. „Die Leute trauen sich einfach nicht, um zusätzlichen Urlaub zu bitten“, sagt Wessely. Dabei steht er ihnen zu. Ob sie Urlaub einreichen, sei Sache der Arbeitnehmer, sagt Gesa Krüger, Pressereferentin des Hessischen Sozialministeriums. Das müsse jeder selbst entscheiden.

Angst vor Konsequenzen

Den ersten Schritt zu tun, falle vielen Arbeitnehmern schwer, sagt Wessely. Angst vor Benachteiligung und anderen Konsequenzen im Berufsleben halte sie davon ab, sich fortzubilden. „Die steigende prekäre Beschäftigung schürt Ängste.“ Auch zu Mobbing komme es manchmal. „Bei der Belegschaft herrscht manchmal Neid, weil einer sich traut, von seinem Recht Gebrauch zu machen.“

Die Kollegen sehen darin oft keinen Anreiz, selbst am Bildungsurlaub teilzunehmen, sondern beklagten sich über mehr Arbeit. „Das gibt den Mutigen natürlich kein gutes Gefühl. Traurig aber wahr“, sagt Wessely.

Es seien vor allem 40- bis 50-Jährige, die das Angebot nutzen. „Bei Jüngeren stehen oft Karriere und Familie an erster Stelle.“ Für Familien gibt es beim Bildungsurlaub nur „sehr wenige Angebote“. Doch viele wüssten gar nichts von dem Angebot. „Bildungsurlaub ist nach wie vor bei den Chefs nicht gerade beliebt“, sagt Jochen Nagel, hessischer Vorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Vor allem bei kleinen Betrieben. Denn die Arbeitskräfte fehlen, werden aber weiter bezahlt. Deshalb hielten sich Chefs mit Informationen stark zurück. „Das ist eine kurzatmige Sichtweise“, sagt er. Denn auch die Arbeitgeber hätten einen Nutzen vom Bildungsurlaub ihrer Angestellten. „Sie sind zufriedener und ausgeglichener.“ Das wirke sich positiv auf die Arbeitsleistung aus und führe zu sinkenden Krankheitszeiten. „Man muss eine Zwischenlösung finden.“

Die könnte nach Ansicht Nagels darin bestehen, dass die Kosten für Arbeitgeber übernommen werden – zum Beispiel von den Sozialkassen. „Das wäre schwierig zu organisieren und ginge nicht ohne einen Tarifvertrag“, sagt Wolfgang Koberski, Vorstand der SOKA-Bau. Das Land Hessen werde nicht für diese Kosten aufkommen, sagt Krüger.

Nagel zweifelt, dass der Bildungsurlaub in seiner jetzigen Form noch lohne. Das zeigten die Zahlen. Doch Krüger hält an dem bestehenden Modell fest. Der Bildungsurlaub sei bei Arbeitnehmern und Trägerverbänden noch immer gefragt und kein überholtes Modell, dass man abschaffen solle. Die Zahlen sprächen dafür.

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