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Vorbild Oliver Samwer Aggressivität – die neue Tugend im Arbeitsleben?

Start-up-Gurus wie Oliver Samwer fordern von Mitarbeitern mehr Härte und Aggressivität, um ihre Wettbewerber auszuschalten. Verkommen Unternehmen immer mehr zu Kriegsschauplätzen? Und ist es wirklich wünschenswert, dass nur die besten überleben?

19.02.2015 11:58
Ingo Leipner
„Wir müssen die Aggressivsten sein, so aggressiv, dass wir damit die Konkurrenz überraschen, weil die sich gar nicht vorstellen kann, dass wir so aggressiv sind“, sagt Oliver Samwer, Start-up-Milliardär. Foto: dpa-tmn

„Ich bin der aggressivste Mann im Internet auf dem Planeten. Ich werde sterben, um zu gewinnen, und ich erwarte von euch dasselbe!“ – Später sagte Oliver Samwer, kein Mensch solle diese Worte auf die Goldwaage legen. Sie stammen aus seiner berüchtigten „Blitzkrieg-Mail“, wohl in einer nächtlichen Stunde geschrieben. Da heißt es weiter: „Ich gebe euch all mein Geld um zu gewinnen, ich gebe auch all mein Vertrauen, aber wehe, ihr kommt zurück und habt eure Erfolge nicht erreicht.“

Oliver Samwer ist nicht Irgendwer: Mit seinen Brüdern Marc und Alexander gründete er das Unternehmen Rocket Internet, das weltweit Start-ups auf die Straße bringt, besonders im E-Commerce. Dabei werden erfolgreiche Ideen oft kopiert, und in neuen Märkten realisiert.

Im Oktober 2014 ging Rocket Internet an die Börse, heute ist das Unternehmen über 6,5 Milliarden Euro wert. Die Samwer-Brüder wurden zu Milliardären – und zu „Paten des Internets“, wie Joel Kaczmarek sein Buch über die erfolgreichen Gründer genannt hat. Unterzeile: „Zalando, Jamba, Groupon – wie die Samwer-Brüder das größte Internet-Imperium der Welt aufbauen.“

Mitarbeiter-Peitsche ganz ohne Zuckerbrot

Wo Imperien entstehen, ist der Hobel nicht weit. Klar, dass dann auch Späne fallen. Die „Blitzkrieg-Mail“ zitiert Kaczmarek, er lässt aber auch ehemalige Mitarbeiter der Brüder zu Wort kommen: „Das Krasse an Oliver Samwers Führungsstil ist, dass er andere dazu bewegt, latent sadistische Tendenzen zu entdecken und mit der Zeit immer mehr auszuleben.“ Menschen würden unter seiner Führung beginnen, andere zu quälen und zu schikanieren.

Ein weiterer Ex-Mitarbeiter berichtet: „Das Konzept von Zuckerbrot und Peitsche beherrscht Oliver Samwer bis ins Detail, nur dass er dabei sogar das Zuckerbrot weglässt. Die Messlatte liegt so hoch und es gibt so wenig Lob, dass es einen eigentlich demotivieren sollte.“

Es mischt sich aber auch Bewunderung in diese Bewertungen: „Oliver Samwer hat Benzin statt Blut in den Adern. Er arbeitet härter als jeder, den ich kenne, und als Manager hat man genau deshalb großen Respekt vor ihm“, so einer weiteres Zitat, das sich in Kaczmareks Buch findet.

„Wir müssen die Aggressivsten sein“

Kein Wunder, dass die Süddeutsche Zeitung feststellt: „Neuerdings propagiert eine elitäre Gegenbewegung die Aggression als Tugend.“ Dabei geht es nicht nur um autoaggressives Verhalten in Unternehmen, nach dem Motto: kein Zuckerbrot und viel Peitsche. Nein, im globalen Internet-Geschäft wird ebenfalls mit harten Bandagen gekämpft: „Wir müssen die Aggressivsten sein, so aggressiv, dass wir damit die Konkurrenz überraschen, weil die sich gar nicht vorstellen kann, dass wir so aggressiv sind“, so Samwer in seiner „Blitzkrieg-Mail“.

„Irgendwo zwischen clever und skrupellos“ beschreibt die WirtschaftsWoche die Strategie, mit der die Samwer-Brüder weltweit agieren. Sie nennt ein kleines Beispiel aus Afrika: Rocket Internet kaufte in elf Ländern die Domain „Konga“, weil das der Name des nigerianischen Online-Handlers Konga ist. Zum Vorteil des eigenen Unternehmens Jumia, das jetzt leichter in Afrika expandieren kann.

Clever? Oder doch skrupellos? Das kommt auf die Maßstäbe an, die eine Gesellschaft an wirtschaftliches Handeln anlegen will. Joel Kaczmarek sagt in einer ZDF-Dokumentation von „Frontal 21“ über Oliver Samwer: „Er interessiert sich nicht für Normen, nur wenn sie ihm etwas bringen.“

Vor diesem Hintergrund wird deutlich, warum die Vivaldi Partners Group zu einem „Digital Darwinism Summit 2014“ eingeladen hatte. Dazu schrieb das Unternehmen: „Der digitale Darwinismus ist mitten unter uns. Technologien entwickeln sich rasanter, und Kunden ändern ihr Verhalten schneller, als sich Unternehmen darauf einstellen können. (...) Bestehende Geschäftsmodelle zerfallen, neue tauchen auf. (...) Die Unternehmen kämpfen darum, ihren Weg in der digitalen Transformation zu finden.“

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Ähnliche Gedanken hatte bereits der Ökonom Joseph Schumpeter (1883–1950). Er schrieb 1946 in seinem Buch „Capitalism, Socialism and Democracy“: Der Kapitalismus sei durch einen Prozess gekennzeichnet, „der unaufhörlich die Wirtschaftsstruktur von innen heraus revolutioniert, unaufhörlich die alte Struktur zerstört und unaufhörlich eine neue schafft. Dieser Prozess der ‚schöpferischen Zerstörung‘ ist das für den Kapitalismus wesentliche Faktum.“ Schumpeters klarer Schluss: „Darin besteht der Kapitalismus und darin muss auch jedes kapitalistische Gebilde leben.“

Seine Formulierung der „schöpferischen Zerstörung“ ist berühmt geworden. Gerade in der digitalen Welt laufen Innovationsprozesse immer schneller ab, und vorher erfolgreiche Unternehmen taumeln in den Abgrund, wenn sie den Anschluss verpassen. Der Haken: Scheitert ein „kapitalistisches Gebilde“, geht kein abstrakter Begriff unter, sondern Tausende Menschen werden mitgerissen.

Dabei sticht ein Sachverhalt besonders ins Auge: Vom „digitalen Darwinismus“ führen nur wenige Schritte zu einem modernen Sozialdarwinismus, den Paul Verhaeghe ins Visier nimmt. Der Psychoanalytiker beschreibt in seinem Buch „Und ich?“, wie große Konzerne die 20/70/10-Regel anwenden: 20 Prozent der Mitarbeiter gelten als hochmotiviert, 70 Prozent halten den Betrieb am Laufen, und 10 Prozent sind jährlich zu feuern, weil sie nicht die erwartete Leistung bringen – egal, ob das Unternehmen Gewinne oder Verluste einfährt.

„Viele Menschen kommen unter die Räder“

Verhaeghes Erklärung: „Ziel des Sozialdarwinismus wie der neoliberalen Meritokratie ist das Überleben der bestangepassten Individuen (survival of the fittest), wobei den Besten der Vorrang gebührt und die Übrigen aussortiert werden.“ Denn beim gegenwärtigen Innovationstempo kommen viele Menschen unter die Räder, es droht eine Zweiklassengesellschaft. Die einen surfen auf der digitalen Welle, die anderen fallen schnell vom Brett. Sie schaffen es nicht, sich rechtzeitig anzupassen.

Aggressivität à la Samwer als Wettbewerbsvorteil? Beim Kampf aller gegen aller? Das sieht Sabine Gilliar („Gilliar Consulting“, Darmstadt) ganz anders. Sie engagiert sich im Netzwerk „culture2business“ und fordert: „Aggressivität darf nicht belohnt werden.“ Eine Kultur der Angst zerstöre das wichtigste Kapital eines Unternehmens, seine Mitarbeiter.

Wer unter einer Drohkulisse der Vorgesetzten zu leiden hat, geht schnell in die innere Kündigung. „Da hilft ein bisschen Zuckerbrot auch nicht mehr weiter“, sagt Gilliar. Ein solches aggressives Vorgehen ziele nur auf kurzfristige Erfolge. „Sobald es Alternativen gibt, springen nicht nur Mitarbeiter, sondern auch Kunden und Lieferanten schnell ab, weil sie die aggressive Kultur des Unternehmens nicht mehr akzeptieren“, so die systemische Beraterin.

Doch das Thema Aggression habe noch eine weitere Dimension, die weit über einzelne Unternehmen hinausgeht: „Unsere Zivilisation beruht gerade darauf, dass wir gelernt haben, aggressives Verhalten zu dämpfen.“ Zumindest in weiten Teilen der Gesellschaft. „Was passiert“, fragt sich Gilliar, „wenn plötzlich erfolgreiche Unternehmer im Rampenlicht stehen, die Aggression als neue Tugend feiern?“ Sie wären ein zweifelhaftes Vorbild für den Führungsnachwuchs: „Wie erziehen so reine Egoisten, die Erfolg nur auf Kosten anderer haben, statt ihre Erfolge gemeinsam mit anderen zu erreichen.“

Bleibt die dringliche Frage: Geht die Reise zurück in die Steinzeit? Oder haben bestimmte Unternehmer ihr Höhlenfeuer nie verlassen – und Faustkeile lediglich durch Smartphones ersetzt?

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