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Schulpsychologen Die Feuerlöscher

An deutschen Schulen fehlen Schulpsychologen. Doch es wird aufgestockt.

27.03.2012 16:38
Kirsten Niemann
Alltagsproblem Gewalt: Bereits bei Handgreiflichkeiten unter Schülern ist schulpsychologischer Rat gefragt. Foto: picture-alliance/dpa

Tobias ist Schüler einer 4. Klasse. Er ist oft allein zu Hause, da die alleinerziehende Mutter berufstätig ist. Er sieht viel fern, auch Videofilme, spielt gerne Computerspiele und ist davon so gefangen genommen, dass er das Interesse an der Realität verliert. In der Schule sieht man ihn nur selten. Was machen Eltern und Lehrer, wenn ein Schüler seit einem Jahr die Schule schwänzt? Was kann die Schulleitung tun, wenn ein Schüler im Unterricht die Lehrerin mit einem Messer bedroht? Was, wenn ein Oberstufenschüler kurz vor dem Abitur aus Prüfungsangst die Schule abbricht? Drogenkonsum, Cybermobbing, Gewalt – der Alltag der Jugendlichen ist komplex, an deutschen Schulen brennt es an allen Ecken. Fachleute wie Klaus Seifried unterstützen und beraten. Seifried leitet das Schulpsychologische Beratungszentrum Tempelhof-Schöneberg in Berlin.

Prävention statt Reparatur

Etwa 20 Prozent aller Schüler und Schülerinnen zeigen psychische Auffälligkeiten, wie eine Studie des Robert-Koch-Instituts belegt. Sie leiden unter Ängsten, sind aggressiv oder fühlen sich verunsichert. „Das ist ‚normal‘, auch im internationalen Vergleich“, beschwichtigt Schulpsychologe Seifried und warnt zugleich: Werden diese Auffälligkeiten jedoch nicht bearbeitet, können sich psychische Störungen entwickeln. In anderen Ländern hat man den Bedarf längst erkannt: In Skandinavien beispielsweise wird jeder Schüler während seiner Schullaufbahn beraten – egal ob er auffällig geworden ist oder nicht: Warum haben deine Noten in Mathe nachgelassen? Warum wirkst du so demotiviert im Englischunterricht? Prävention statt Reparatur. Schließlich liegt nicht erst dann eine Krise vor, wenn ein Schüler zum Revolver greift.

Auch bei uns haben Schüler, Eltern und Lehrer grundsätzlich das Recht auf eine kostenlose schulpsychologische Beratung. In den 70er-Jahren brachte eine Empfehlung der Bund-Länder-Kommission einen massiven Ausbau der Schulpsychologischen Dienste auf den Weg. Damals strebte man eine Zahl von 5.000 Schülern für einen Schulpsychologen an. Doch wurde diese Empfehlung nur von wenigen Stadtstaaten und Großstädten umgesetzt. Klamme Kassen sind dafür verantwortlich, dass in den vergangenen 15 Jahren kaum Stellen wieder besetzt wurden. Sinkende Schülerzahlen sollen diese Einsparungen rechtfertigen. Derzeit betreut in Deutschland ein Schulpsychologe im Durchschnitt 10.000 Schüler. In den Großstädten ist die Situation etwas besser: Hier kommen tatsächlich rund 5.000 Kinder auf einen Schulpsychologen. Und der ist zuständig für alle Schulformen und Probleme - von der Schlägerei in der Hauptschule bis zur Prüfungsangst vor dem Abitur.

Längere Arbeitszeiten, Eltern, die die Erziehung ihrer Kinder in erster Linie den Schulen übertragen, und Schüler, deren Lebenswelten immer stärker von denen der Lehrer abweichen – auch das Lehrpersonal ist immer größeren Belastungen ausgesetzt. Etwa 26 Prozent aller Lehrer gehen vorzeitig in Rente, die Hälfte von ihnen aufgrund psychischer Störungen. „Rund 1.000 Interaktionen erlebt ein Lehrer an einem Arbeitstag“, sagt Seifried, „doch während Psychologen und Sozialarbeiter regelmäßig an Supervisionen teilnehmen, um Belastungen und Konflikte zu bearbeiten, besteht für Lehrer so ein Angebot nicht.“ Auch diese Lücke füllen Schulpsychologen.

Fortbildungen sind erforderlich Klaus Seifried hat zunächst ein Lehramtsstudium mit zweitem Staatsexamen absolviert, bevor er später berufsbegleitend ein Diplom in Psychologie erwarb. Wer als Schulpsychologe arbeiten möchte, benötigt neben einem abgeschlossenen Psychologiestudium besondere Kenntnisse über Lern- und Entwicklungspsychologie, Testdiagnostik sowie eine Zusatzausbildung in Psychotherapie. Auch regelmäßige Fortbildungen sind erforderlich.

In anderen Ländern gibt es ein eigenes Fach Schulpsychologie, das nach dem Bachelor in einem speziellen Graduiertenstudium absolviert werden kann. Solche Studiengänge gibt es bereits in Bamberg, in Berlin sind sie in Vorbereitung. Nach den Amokläufen in Winnenden und Wendlingen hat das Kultusministerium in Baden-Württemberg das Kompetenzzentrum Schulpsychologie an der Universität Tübingen gegründet. Hier werden derzeit tätige Schulpsychologen systematisch fortgebildet. Auch lernen sie hier, wie sie schulpsychologisches Wissen an Schulleiter und Lehrkräfte weitergeben können. Bislang hat kaum eine Universität einen Schwerpunkt in der Ausbildung. „Wichtige Erkenntnisse der Schulpsychologie werden in Schulen zu wenig genutzt“, sagt Trautwein, Professor und Ansprechpartner des Kompetenzzentrums seitens der Uni Tübingen. „Ob für den Umgang mit Lernstörungen und Hochbegabung, die Motivation bei Schülern und Lehrern – überall hat die Schulpsychologie viel zu bieten.“ In Tübingen hat man nun mit einem neuen Masterstudiengang Schulpsychologie reagiert, der voraussichtlich im Herbst starten wird. Trotz aller Sparmaßnahmen haben Schulpsychologen gute Aussichten auf eine Anstellung: „Es findet gerade ein Generationenwechsel im Schulbereich statt“, sagt Seifried „In den nächsten Jahren brauchen wir viele junge Schulpsychologen.“

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