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Ratgeber klärt auf Sind Sie krankhaft perfektionistisch?

„Ich bin viel zu perfektionistisch“: Eine Schwäche, die im Berufsleben eher als attraktiv gilt. Natürlich hat ein gesundes Maß an Ehrgeiz und Pingeligkeit Vorteile - beruflich wie privat. Doch wann ist Perfektionismus krankhaft? Wie wird man therapiert?

Das Wort perfekt leitet sich vom lateinischen Wort „perfectus“ ab und bedeutet das Fertiggemachte, das Vollendete. Perfektionismus entwickelt sich immer mehr zur Modekrankheit unserer Zeit. Foto: dpa

Der Rasen im Vorgarten wird auf genau fünf Zentimeter gestutzt. Die Bleistifte auf dem Bürotisch sind nach Farben sortiert. Ohne sorgfältiges Makeup und haargenau gestylte Frisur wird das Haus nicht verlassen. Und wenn der Chef nicht lobt, was man abgeliefert hat - dann ist der ganze Tag im Eimer (mindestens!). Kommt Ihnen das zum Teil bekannt vor? Dann sind Sie vielleicht auch Perfektionist.

„Perfektionismus ist modern. Er prägt den Zeitgeist, liegt unseren Wertvorstellungen zugrunde, dominiert unsere Köpfe. Fast niemand kann sich ihm entziehen“, sagt der Wiener Psychiater und systemische Psychotherapeut Raphael M. Bonelli. Auch wenn die Menschen unter dem Zwang leiden, alles richtig machen zu müssen, gilt Perfektionismus als ein „attraktives Laster“, vor allem im Berufsleben: „Diese Schwäche finden wir verzeihlich, wenn nicht sogar ehrenhaft.“

In seinem neuen Buch „Perfektionismus: Wenn das Soll zum Muss wird“ (Pattloch) macht Bonelli deutlich, woran man Perfektionismus erkennen und von gesundem Ehrgeiz unterscheiden kann. Anhand von 77 Fallbeispielen aus seiner Praxis analysiert Bonelli die Symptome zwanghaft perfektionistischer Charaktere. Er nimmt dabei auch unsere Leistungsgesellschaft unter die Lupe, die ohne den Drang zur Vollkommenheit gar nicht existieren könnte - und zeigt (therapeutische) Wege aus der Leistungsfalle auf.

Was ist Perfektionismus eigentlich?

Perfektionismus ist Bonelli zufolge ein Vermeidungsverhalten. Ein Perfektionist fordert von sich, dass er keine Fehler machen und sich keine Blöße geben darf. Der Perfektionist vergleicht sich gerne mit anderen, zerfleischt sich selbst dabei und möchte eigentlich unangreifbar sein: „Wer perfekt arbeitet, kann weder getadelt noch kann ihm gekündigt werden.“ Tatsächlich seien Betroffene unsichere und zutiefst ängstliche Menschen, und die Perfektion sei eine Maske, hinter der sie sich verstecken könnten.

Perfektionisten sind selbst ihre ärgsten Kritiker - die Frage: „Wie komme ich bei anderen an?“ lässt sie nie ganz los. Sie zeichnen sich durch Pflichtbewusstsein, Pedanterie und Strenge aus – und können sehr ungemütlich werden, wenn ihre Fehlerlosigkeit andeutungsweise in Frage gestellt wird, ob von Kollegen, Lebenspartnern oder Freunden.

„Perfektionismus reduziert den Menschen auf seine (fehlerlose) Funktion, auf seine (tadellose) Leistung“, fasst Bonelli zusammen. Das Missverhältnis zwischen dem Soll- und dem Ist-Zustand sei für zwanghafte Perfektionisten unerträglich.

Wann ist der Drang zur Perfektion krankhaft? 

„Perfektionismus kann das Leben hemmen, es verklemmen und an seiner Entfaltung hindern“, weiß Psychotherapeut Bonelli aus seiner Praxis. Wenn das Gefühl der Überforderung und der fehlenden Anerkennung immer stärker werde, sei der Weg zur psychischen Krankheit nicht weit.

Für krankhafte Perfektionisten wird das Ideal, das Soll, zum Muss: Ein gesunder Mensch weiß, dass es immer Baustellen im Leben gibt und er kein „makelloser Heiliger“ ist - aber er kann gut damit leben. Ein krankhaft perfektionistischer Mensch hingegen leidet darunter - sein Leben wird unlustig, verbissen und unerträglich schwer.

Forschungsergebnisse zeigen außerdem, dass es einen Zusammenhang zwischen perfektionistischem Denken, Depressionen und Essstörungen gibt. Das verwundert nicht: Denn Stress, der „Mangel an Auszeit und Unfähigkeit zur Entspannung“ mache Perfektionisten psychisch labiler, hält Psychiater Bonelli fest. Manche werden zum Workaholic, leiden unter einem Grübelzwang und haben die Tendenz, den Fokus immer auf das zu legen, was nicht funktioniert.

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Kann man sich den Perfektionismus abgewöhnen? 

Ein Perfektionist glaubt unbewusst nicht daran, liebenswert zu sein: Im Grunde fühlt er sich nicht wirklich zugehörig und muss diese gefühlte Ausgrenzung mit Mühe, Anstrengung und Leistung permanent bekämpfen.

Eine Selbsttherapie ist in schweren Fällen nicht sinnvoll - „Therapeuten können aber nur helfen, wenn der Klient wirklich etwas ändern will im eigenen Leben“, weiß Bonelli. Nach der Selbsterkenntnis folgt der Entschluss: Ich will so nicht sein. Und erst im letzten Schritt der Therapie kommt die Einübung der ausgewählten Stärke oder Tugend, damit man sein Ziel erreicht und nicht mehr ängstlich ist.

Die Angst erfassbar machen, kleine Ziele stecken

So stecken sich Patienten gemeinsam mit dem Therapeuten kleine Ziele und überwinden schrittweise die Angst vor der eigenen Fehlerhaftigkeit. Als Beispiel schildert der Psychiater den Fall einer Patientin, die sich trotz großer Liebe zu ihrem Partner lange Zeit vor der Hochzeit gescheut hat - aus (unbewusster) Angst, die Ehe könnte irgendwann scheitern. „Die Angst muss erfassbar werden, sie muss auf dem Tisch liegen, intellektuell bearbeitbar sein“, erklärt Bonelli.

Leider seien Perfektionisten äußerst schwierige Patienten, auch weil sie die Notwendigkeit einer Therapie als persönliches Scheitern ansehen.

Besseres Zeitmanagement und mehr innere Ruhe

Wichtig ist auch, innere Ruhe und innere Freiheit zu finden, sich zu mäßigen, und damit die „ständige Unruhe und ängstliche Besorgtheit“ des Perfektionisten zu bändigen: Dazu, so der Psychiater, müsse der Mensch sich selbst und seinen Zustand vernünftig, kritisch und ohne Selbstbetrug ins Auge fassen. „Ordnung bedeutet die Fähigkeit zu priorisieren, oft gegen die eigene Lust und die persönliche Laune.“

Ordnung im Zeitmanagement sei eine große Hilfe gegen beruflichen Perfektionismus - dazu gehöre auch eine vernünftig eingeteilte Arbeitszeit. „Perfektionisten tendieren dazu, eine Arbeit, für die eine Stunde vorgesehen ist, in drei Stunden übergenau zu erledigen. Sie leisten aber interessanter pro Zeiteinheit weniger als der innerlich Geordnete“, schildert Bonelli seine Erfahrungen.

Nicht jeder kann ein Goethe oder Mozart sein

Wir sind endliche Wesen, die nicht alles machen und nicht alles erreichen können, was sie vielleicht wollen. Die meisten von uns sind einfach mittelmäßig, keine Goethes oder Mozarts - und das ist vermutlich auch gut so: „Nicht jeder ist ein herausragendes Genie - sonst wäre es keiner, weil eben niemand mehr herausragen würde.“ Diese Aussage Bonellis sollte man sich immer wieder ins Gedächtnis rufen - und sich lieber kleine Ziele statt der unerreichbaren riesigen stecken.

Auch den Erfolg der anderen sollte man ohne Neidgefühle anerkennen: „Glücklich ist, wer andere neidlos bewundern kann, wer so sehr in sich ruht, dass er es nicht nötig hat, sich zu vergleichen, sondern den Blick selbstlos ganz beim anderen und seiner Exzellenz haben kann.“ Die eigene Unvollkommenheit auszuhalten und sich selbst anzunehmen - das ist der Schritt zur „Heilung“ vom Perfektionismus.

Fazit: Trotz diverser Ausflüge in die Psychotherapie ist das Buch auch für Laien verständlich und humorvoll geschrieben. Die wissenschaftlichen Begriffe - etwa das Standardmodell der Persönlichkeitsforschung („Big Five“) - sind zumeist gut erklärt. Außerdem gewinnt der Ratgeber inhaltlich durch echte Fälle aus Bonellis Praxis und viele interessante Beispiele.

Allerdings wiederholt sich der Autor in den ersten zwei Kapiteln stellenweise, ein bisschen Straffung hätte dem Buch (336 Seiten) möglicherweise gut getan. Auch taugt „Perfektionismus: Wenn das Soll zum Muss wird“ (Pattloch) letzten Endes nicht zur Selbsttherapie - vielleicht aber als erster Schritt zur Selbsterkenntnis für perfektionistische Leser.

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