Lade Inhalte...

Potenzial für die Wirtschaft Flüchtlinge wollen nicht Däumchen drehen

Demografischer Wandel, Fachkräftemagel – Probleme, die wir mit einer echten Willkommenskultur, Sprachkursen und Arbeitsmöglichkeiten für Flüchtlinge lösen können. Schon jetzt helfen viele Bürger, wo es geht. Aber in der Politik muss ein Umdenken stattfinden.

27.05.2015 15:33
Ingo Leipner
Deutschkurs für Flüchtlinge: Der Zugang zu Arbeit ist für Asylsuchende von großer Bedeutung. Foto: dpa

Echte Unternehmer: Der Aufbruch zu neuen Ufern ist für sie Programm. Mutig packen sie an, wo andere nur klagen. Und: Eigeninitiative und Durchhaltevermögen zeichnen sie aus. Denn sie brennen für ihre Ziele und stehen schnell wieder auf, wenn Knüppel zwischen ihre Füße fliegen. So haben sie auch lange Durststrecken überwunden, immerhin mussten viele die Hitze der Sahara überleben. Sie sind echte Unternehmer, die ihr Leben in die Hand nehmen – wertvoll für die deutsche Wirtschaft.

Doch große Teile der Öffentlichkeit verkennen das Potenzial dieser tatkräftigen Menschen, die vor Not und Unterdrückung nach Deutschland fliehen. Dabei sagte schon der Schweizer Unternehmer Branco Weiss: „Der Unternehmer sieht Chancen, die andere nicht sehen. Er überwindet die Angst vor dem Neuen.“ Auch Johann Wolfgang von Goethe stellte vor rund 200 Jahren fest: „Erfolgreich zu sein, setzt zwei Dinge voraus: Klare Ziele und den brennenden Wunsch, sie zu erreichen.“

Ein „klares Ziel“ sollte immer der Arbeitsmarkt sein: Wer für sich selbst sorgt, integriert sich leichter in der neuen Heimat. Vor dieser Ziellinie stellt aber der Gesetzgeber einige Hürden auf, die seit November 2014 etwas niedriger geworden sind. Trotzdem bringen sie immer noch Flüchtlinge zum Straucheln. So verkürzt zwar ein neues Gesetz das generelle Arbeitsverbot von neun auf drei Monate. Aber eine wesentliche Einschränkung bleibt erhalten: der „nachrangige Arbeitsmarktzugang“, wie die offizielle Bezeichnung lautet.

Genauer heißt das: „Nach wie vor muss für eine konkrete Beschäftigung eine Erlaubnis bei der Ausländerbehörde beantragt werden“, schreibt der Flüchtlingsrat Baden-Württemberg. Diese Behörden haben darauf die „Zustimmung durch die Zentrale Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) der Bundesagentur für Arbeit“ einzuholen.

Wie komplex dieses Verfahren ist, zeigt der ausführliche Beitrag auf der Website des Flüchtlingsrats: An dieser Stelle soll es nur um die „Vorrangprüfung“ gehen, die bis zu einer Dauer des Aufenthalts von 15 Monaten vorgeschrieben ist. Sie gehört zu den „Zustimmungsvoraussetzungen“, wie sie die Bundesagentur für Arbeit in einem Merkblatt schildert („Beschäftigung ausländischer Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Deutschland“).

Die Agenturen haben vor Ort zu prüfen, ob „bevorrechtigte Bewerber zur Verfügung stehen“. Dazu zählen neben deutschen Arbeitnehmern:

- Staatsangehörige aus EU-Staaten

- Staatsangehörige aus EFTA-Staaten (Schweiz, Island, Liechtenstein und Norwegen)

- Rechtlich gleichgestellte Arbeitnehmer (Andorra, Australien, Israel, Japan, Kanada, Monaco, Neuseeland, Südkorea, San Marino oder USA)

Konsequenz: Ein Flüchtling will nicht mehr Däumchen drehen und sucht sich nach drei Monaten einen Job (Eigeninitiative!). Völlig sinnlos, sobald die Arbeitsagentur einen „bevorrechtigten Bewerber“ findet, nachdem sich der potenzielle Arbeitgeber des Flüchtlings gemeldet hat. Er hat nämlich die Vorrangprüfung“ anzustoßen: „Dafür ist ein detailliertes Stellenangebot, das insbesondere Auskünfte zu den vorgesehenen Beschäftigungsbedingungen gibt, rechtzeitig der Agentur für Arbeit zu unterbreiten“, heißt es in dem Merkblatt.

Es sei denn, bestimmte Ausnahmen liegen vor: Der Flüchtling will eine staatlich anerkannte Berufsausbildung aufnehmen; hochqualifiziert als Führungskraft oder Wissenschaftler arbeiten oder einen Freiwilligendienst absolvieren. Bestimmte Praktika sind ebenfalls zulässig – und die Vorrangprüfung“ fällt genauso weg, wenn sich der Flüchtling vier Jahre ununterbrochen in Deutschland aufgehalten hat.

Wer aber kommt durch dieses Nadelöhr? Wenn die Deutsch-Kenntnisse der Flüchtlinge in der Regel bei Null liegen? Sprachbarrieren seien „oftmals die größte Hürde“, stellt die Bundesagentur für Arbeit fest, „die Sprache ist die Eintrittskarte in den Arbeitsmarkt.“

Bundesregierung kürzt bei Sprachkursen

Eigentlich müsste die Bundesregierung mehr von diesen Eintrittskarten verteilen, angesichts stark steigender Flüchtlingszahlen – doch Merkel und Co. machen genau das Gegenteil. Ein echter Missstand: Zunächst reduzierte die Europäische Kommission die Gelder aus dem Europäischen Sozialfonds (ESF), die Deutschland zufließen. Dann kürzte die Bundesregierung ihr ESF-Budget für Sprachkurse um 130 Millionen Euro.

2015 bis 2017 gibt es nur 180 statt 310 Millionen Euro, um Deutsch-Unterricht für Ausländer zu finanzieren – „ohne dass es bislang einen Ersatz aus nationalen Mitteln gibt“, wie die Süddeutsche Zeitung im April 2015 schreibt, „Geld für sogenannte ‚Vorschaltkurse‘, der erste Schritt auf dem Weg zu Deutsch-Kenntnissen bis zur Stufe A1, ist aus diesem Topf deshalb keines mehr da.“

Stattdessen plane die Bundesregierung, die ESF-Mittel gezielt zur Förderung berufsbezogener Sprachkenntnisse auszugeben, wenn Menschen bereits Grundlagen der deutschen Sprache mitbringen. Die Folge: Wer dem Sprachkontrolleur schon eine „Eintrittskarte“ zeigen kann, wird gefördert – alle übrigen Flüchtlinge bleiben auf der Strecke, wahrscheinlich die große Mehrzahl.

Ein weiteres „erhebliches Manko“ kritisiert der Flüchtlingsrat: Die Bundesregierung schließe Flüchtlinge „von der Teilnahme an den regulären Integrationskursen“ aus: „Auf diesem Wege wird eine frühzeitige Teilhabe, für die Sprache ein entscheidender Faktor ist, erschwert.“ Zwar habe die neue Gesetzgebung für Flüchtlinge die Chance verbessert, „Arbeit zu finden, ihren Lebensunterhalt selbst verdienen zu können und damit von staatlichen Transferleistungen unabhängig zu werden.“

Aber: „Tatsächlich wird eine größere Teilhabe und Integration in den Arbeitsmarkt nur dann gelingen, wenn gleichzeitig auch die Möglichkeiten der Sprachförderung früher ansetzen und verbessert werden“, so der Flüchtlingsrat. Ziel müsse es sein, aufeinander aufbauende Angebote zu entwickeln, um Flüchtlinge früh beim Spracherwerb zu fördern.

Lesen Sie bitte weiter auf der nächsten Seite.

Warum signalisiert die Bundesregierung mit ihren Kürzungen das Gegenteil? Geht es nur um Verbesserungen auf dem Papier – und in Wirklichkeit wird ein weiterer Riegel vorgeschoben, um eine Abschreckungspolitik wie im Mittelmeer zu praktizieren? Mit den Mittel der Bürokratie?

Fragen, die sich auch engagierte Bürger im südhessischen Lorsch stellen. Sie haben die Ökumenische Flüchtlingshilfe (ÖFHL) ins Leben gerufen, um vor Ort eine wirkliche Willkommenskultur zu pflegen. Rund 45 Flüchtlinge aus Eritrea und Äthiopien wurden der Stadt zugeteilt – und die ÖFHL macht sich ehrenamtlich daran, die großen Sprachbarrieren der Flüchtlinge abzubauen. Das versucht sie ebenfalls bei drei Somaliern, die im Nachbarort Einhausen zu Hause sind. Auf diese Weise beweisen Bürger Weitblick für wichtige Aufgaben, die kurzsichtig von der Bundesregierung ignoriert werden.

Die Flüchtlinge in Lorsch sprechen kaum ein Wort Deutsch, wenn sie zum ersten Mal in den Unterricht von Sibylle Römer kommen. Jetzt sitzen zwölf im „Martin-Luther-Haus“ der evangelischen Gemeinde, die der ÖFHL Räume zur Verfügung stellt. Mit fester Stimme singt die pensionierte Deutsch- und Englisch-Lehrerin „Der Mai ist gekommen“, um das Wort „Lied“ zu erklären – dann wechselt sie schnell die Sprache: „Take your pencils“, die Hausaufgaben sind zu notieren.

Mit Rollenspielen die neue Sprache lernen

Improvisationskunst ist oft angesagt: „Wie komme ich zum Bahnhof?“, wird in einer anderen Deutsch-Stunde gefragt. Einer der Teilnehmer übt, den Weg zu beschreiben: „Geradeaus, dann rechts, dann links, und wieder rechts.“ Und sein Gesprächspartner versucht, die Wegbeschreibung zu verstehen, um im Raum ein paar Schritte in die richtige Richtung zu machen. Rollenspiele aus dem Alltag.

Lesen Sie bitte weiter auf der nächsten Seite.

„Es geht unheimlich langsam voran“, berichtet Römer. Auch für die erfahrene Lehrerin war es ein „Sprung ins kalte Wasser“, plötzlich Regeln der eigenen Muttersprache vermitteln zu müssen. „Wer hier aufgewachsen ist, kennt zum Beispiel nicht unbedingt den Unterschied zwischen starken und schwachen Verben.“

Kein Wunder, dass Universitäten wie die FU Berlin eigene Studiengänge zu dieser Kompetenz auf die Beine stellen: In vier Semestern erwerben Studierende ihren Master, und zwar im Fach „Deutsch als Fremdsprache: Kulturvermittlung“. Deutsche Hochschulen bilden also Profis aus – doch in der Praxis müssen engagierte Bürger diese Kenntnisse selbst erkämpfen. Kostet ja die Bundesregierung keinen Cent.

Das erleben in Lorsch 13 Mitglieder der ÖFHL, die in zwei Anfänger- und zwei Fortgeschrittenen-Kursen Deutsch unterrichten. Sieben von ihnen sind ausgebildete Lehrer im Ruhestand. Hinzu kommt eine Hausaufgaben-Betreuung für sieben jüngere Schüler, die in „Intensiv-Klassen“ berufsbildender Schulen gehen – mit einem Schwerpunkt auf dem Erlernen der deutschen Sprache. „Dieser Unterricht kann manchmal etwas schnell über die Köpfe hinweggehen“, erklärt Römer, „daher haben wir die Hausaufgaben-Betreuung eingerichtet.“

Hilfe bei Wohnungssuche und Verkehrserziehung

Doch damit nicht genug: Arztbesuche sind zu organisieren, 1-Euro-Jobs zu vermitteln, Wohnbedingungen zu verbessern. Auch an die Mobilität hat die ÖFHL gedacht: Fahrräder wurden organisiert, und mit dem ADFC führte die ÖFHL ein Verkehrssicherheitstraining durch, da Flüchtlinge den vielen Verkehr in Deutschland nicht gewohnt sind. Der Bauhof der Stadt Lorsch stellte dafür Verkehrsschilder zur Verfügung.

Und oft sind es Kleinigkeiten, die eine große Wirkung haben: „Wir haben im Deutschunterricht bald bemerkt, dass manche die Worte an der Tafel nicht richtig lesen konnten“, erzählt Katie Hauptmann, die auch Flüchtlinge unterrichtet. Der Lorscher Optiker Martin Siekmann ermittelte bei zwei Flüchtlingen die richtige Sehschärfe – und gab ihnen Brillen, weit unter dem üblichen Tarif. „ Auf diese Weise fördern wir gemeinsam die Integration dieser Menschen, die auf ihrer Flucht furchtbare Dinge erlebt haben“, so Hauptmann.

Übrigens stellt laut Spiegel Online der Mannheimer Arbeitsmarktforscher René Leicht fest: „Die Gründungsneigung von Personen mit Migrationserfahrung ist höher als die unter den Herkunftsdeutschen.“ Viele würden aber auch scheitern, weshalb die Quote der Selbstständigen auf einem ähnlichen Niveau liegt wie sonst in Deutschland.

„Es gibt immer einen Weg, wenn man nicht aufgibt“

Doch gerade das Schicksal einer Flüchtlingsfamilie scheint junge Menschen anzuspornen. In demselben Beitrag kommt die 19-jährige Aya Jaff zu Wort, die inzwischen Wirtschaftsinformatik studiert und Programmier-Workshops für Jugendliche organisiert. Ihre Eltern flohen in den 1990er Jahren aus dem Irak.

„Wir mussten in Deutschland neu starten“, berichtet die junge Frau. „Wenn ich jetzt sehe, was wir geschafft haben und welche Chancen ich in Deutschland habe – egal was noch passiert, ob ich irgendwann einmal ein Start-up an die Wand fahre oder nicht, es gibt immer einen Weg, wenn man nicht aufgibt.“

Zur Startseite

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum