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Fragen und Antworten Wie unseriöse Publikationen der Wissenschaft schaden

Der Skandal trifft die Wissenschaft an ihrer empfindlichsten Stelle: der Glaubwürdigkeit. Tausende deutsche Forscher haben fragwürdig publiziert. Warum und worauf sollen Wissenschaftler zukünftig achten?

19.07.2018 17:35
Von Walter Willems, dpa
Mikroskop
Die Zahl wissenschaftlicher Veröffentlichungen in zweifelhaften Online-Fachzeitschriften hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Foto: Wolfram Kastl/Symbolbild

Tausende deutsche Forscher - und Hunderttausende weltweit - sollen Studien in unseriösen Fachzeitschriften veröffentlicht haben. Doch was bedeutet das in der Praxis? Antworten auf die wichtigsten Fragen im Überblick:

Worum geht es?

Das Recherchenetzwerk von NDR, WDR und „Süddeutsche Zeitung Magazin“ berichtet, dass mehr als 5000 deutsche Forscher in den vergangenen Jahren ihre Studienresultate in unwissenschaftlichen Fachzeitschriften veröffentlicht haben. Weltweit sind es demnach etwa 400.000 Forscher.

Wann ist eine Fachzeitschrift unseriös?

Bevor eine wissenschaftliche Fachzeitschrift eine Studie publiziert, lässt sie sie von unabhängigen Experten begutachten. Dieser Prozess - das sogenannte Peer Reviewing - kostet Zeit und kann damit enden, dass die Gutachter Nachbesserungen fordern oder die Arbeit sogar ablehnen. Bei unseriösen Verlagen entfällt diese Begutachtung.

Was ist das Geschäftsmodell dieser Verlage?

Die Verlage veröffentlichen sogenannte Predatory Journals - Raubzeitschriften. Sie schreiben Mitarbeiter von Forschungseinrichtungen gezielt an, um ihnen gegen Geld eine Publikationsmöglichkeit anzubieten. Sie geben sich seriös und sind mitunter selbst für Experten schwer zu erkennen. Und je mehr die Verlage veröffentlichen, desto mehr verdienen sie. Manche von ihnen haben Hunderte verschiedene Zeitschriften im Angebot.

Warum publizieren Wissenschaftler dort?

Oft aus Unwissenheit - aber vermutlich nicht immer. Forscher stehen unter starkem Publikationsdruck. Wer viele Artikel in Fachzeitschriften vorweisen kann, steigert sein Prestige - und damit auch die Chance auf Forschungsgelder, eine Anstellung oder die Einladung zu einem Vortrag auf einer Fachkonferenz.

Hinter Veröffentlichungen in solchen Journalen können auch finanzielle Interessen stehen - etwa wenn eine Studie die Heilkraft eines Präparats gegen eine Krankheit belegen soll. Dann können Unternehmen das Produkt unter Verweis auf wissenschaftliche Erkenntnisse bewerben. Besonders werbewirksam ist es, wenn Medien dann noch unkritisch über eine solche Veröffentlichung berichten. Auf die Zulassung von Medikamenten haben solche Veröffentlichungen keinen Einfluss.

Wie verbreitet sind solche unseriösen Veröffentlichungen?

Den Berichten zufolge haben in Deutschland mehr als 5000 Forscher mindestens einmal in einer solchen Zeitschrift publiziert. Das beträfe nach Recherchen des Science Media Centers rund 1,3 Prozent des wissenschaftlichen Personals an deutschen Hochschulen. Die Max-Planck-Gesellschaft wertet die Praxis als „Randerscheinung“. Allerdings: Eine Studie muss nicht unbedingt wertlos sein, nur weil sie in einer solchen Raubzeitschrift erscheint.

Wem schadet diese Praxis?

Zunächst einmal der Wissenschaft selbst. Schlagwörter wie „fake science“ verringern die Glaubwürdigkeit wissenschaftlicher Erkenntnisse generell. Zudem schadet sie jenen - öffentlichen und privaten - Arbeitgebern, die Bewerber auch auf Basis von Veröffentlichungen in solchen Journalen einstellen, sowie jenen Mitbewerbern, die dadurch das Nachsehen haben. Schlimmstenfalls können solche Praktiken auch Verbraucher schädigen. Etwa wenn sie im Internet nach Therapien gegen eine Erkrankung suchen und auf Berichte solcher unseriöser Journale stoßen.

Seit wann ist das Problem bekannt? Was wird dagegen getan?

Der US-Bibliothekar Jeffrey Beall weist bereits seit 2009 regelmäßig auf solche Journale hin und erstellt auch eine Liste der Zeitschriften und Verlage. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) betont, sie überarbeite aktuell ihre „Empfehlungen zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis“. Die damit verbundenen Diskussionen seien noch im Gange. Zudem verweist die DFG auf ihre Initiative „Qualität statt Quantität“. Demnach dürfen Antragsteller in Förderanträgen an die DFG maximal zehn eigene Publikationen angeben.

Den Recherchen zufolge hat sich die Zahl solcher Publikationen bei fünf der wichtigsten unseriösen Verlage seit 2013 weltweit verdreifacht, in Deutschland sogar verfünffacht. Das zeigt, dass noch Handlungsbedarf besteht.

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