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Bildungsbericht 2018 Kluft zwischen Bildungsgewinnern und -verlierern

Kinder und Jugendliche werden in Deutschlands Kitas und Schulen schon heute nicht immer optimal gefördert. Künftig wächst der Bedarf noch. Experten fordern einen konsequenten Wachstumskurs für den Bildungssektor.

22.06.2018 16:22
Von Basil Wegener, dpa
Bericht »Bildung in Deutschland 2018«
In berlin wurde der Bericht »Bildung in Deutschland 2018« vorgestellt. Foto: Christoph Soeder

Zu wenig Lehrer und Erzieher, eine wachsende Kluft zwischen Bildungsgewinnern und -verlierern: Kitas und Schulen in Deutschland müssen nach Ansicht von Experten besser für den stetig wachsenden Zulauf von Kindern und Jugendlichen gerüstet werden.

Dabei müssten sie benachteiligte Kinder, etwa aus zugewanderten Familien, besser fördern. Das geht aus dem in Berlin vorgestellten Bildungsbericht 2018 hervor. Der Bericht im Auftrag von Bund und Ländern stammt von einer unabhängigen Forschergruppe. „Er ist ein Weckruf an die Politik“, sagte der Präsident der Kultusministerkonferenz , Thüringens Ressortchef Helmut Holter (Linke). Die Experten sehen enorme Investitionen als nötig an.

So verließen mit 49.300 - oder sechs Prozent der Schulabgänger 2016 - wieder mehr Jugendliche als in den Vorjahren die Schule ohne mindestens Hauptschulabschluss, 2015 waren es 1900 weniger. Der Anstieg ging fast komplett auf ausländische Jugendliche zurück, 10.800 von ihnen blieben 2016 ohne Abschluss. Insgesamt müssten die Bildungseinrichtungen wegen des verstärkten Zuzugs Schutzsuchender mehr Integrations-, Sprach- und Vorbereitungsleistungen erbringen.

Der Bericht zeigt eine verfestigte Spaltung zwischen Bildungsgewinnern und -verlierern an den oberen und unteren Rändern. Fast jeder zehnte Jugendliche in Stufe 9 verfehlt den Mindeststandard beim Lesen. Dagegen stieg der Anteil der Schulabsolventen mit Abitur binnen zehn Jahren von 34 auf 43 Prozent 2016.

Die 15-Jährigen in Deutschland haben im internationalen Vergleich aufgeholt: Ihre Leistungen lägen nicht mehr, wie noch im Jahr 2000, unter OECD-Durchschnitt. Bei den Grundschülern aber sei der Abstand zur Spitzengruppe im OECD-Vergleich sogar größer geworden.

Wegen steigender Geburtenzahlen und der Zuwanderung nach Deutschland kommen dabei immer mehr Kinder und Jugendliche in die Kitas und Schulen. Deshalb kommen die Forscher zu dem Schluss: Es brauche mehr Personal und Plätze. Auch weil Mütter immer häufiger arbeiten, steige der Bedarf an Betreuung. Der Sprecher der Autorengruppe, der Berliner Bildungsforscher Kai Maaz, sprach sich für einen weiteren Ausbau und Umbau des deutschen Bildungssystems aus.

Bereits heute gebe es enorme Unterschiede beim Versuch, genug Lehrer zu gewinnen. Bei Neueinstellungen schwanke der Anteil der Seiteneinsteiger von Land zu Land zwischen 0 bis 35 Prozent, sagte Maaz. Viele Stellen müssten auch wegen älter werdender Lehrer absehbar neu besetzt werden. Holter mahnte, allein in Ostdeutschland sei jeder zweite Lehrer älter als 50 Jahre.

In den Kitas mit ihren mehr als 600.000 Erzieherinnen und Erziehern konnte der enorm gewachsene Personalbedarf bisher großteils über neu Ausgebildete gedeckt werden, so der Bericht. Bis 2025 aber brauchen die Kitas, so die Forscher, 313.000 zusätzliche Fachkräfte. Aber nur 274.000 würden bis dahin neu ausgebildet. Weitere 270.000 zusätzliche Fachkräfte würden benötigt, wenn die Kitas grundlegend mehr Bildungs- und Erziehungsaufgaben übernehmen sollten.

Die regionalen Unterschiede sind groß - die Forscher sehen Problemregionen dabei vor einem Teufelskreis. „In einem Teil der ländlichen Regionen gibt es bereits jetzt nicht mehr ausreichend wohnortnahe Bildungsangebote“, so der Bericht. Das betreffe vor allem Schulen. Aber auch der Anteil der Auszubildenden an den sozialversicherungspflichtig Beschäftigten ist etwa in Ostdeutschland deutlich stärker gesunken (auf 3,6 Prozent im Jahr 2016) als in Westdeutschland (5,2 Prozent). Auch Hochschulangebote seien in schwächeren Regionen weniger vielfältig. Diese Schwierigkeiten drohten die Attraktivität der Problemregionen weiter zu senken.

Bei allen Problemen: Bildung lohnt sich laut dem Bericht für jeden Einzelnen. So verdienen zum Beispiel Akademikerinnen im Schnitt fast acht Euro pro Stunde mehr als Frauen mit beruflicher Ausbildung, bei den Männern beträgt dieser Unterschied sogar neun Euro. Bildung wirke sich auch positiv auf gesellschaftliches Engagement, Gesundheits- und Wahlverhalten aus. So gehen etwa 57 Prozent der 18- bis unter 40-Jährigen mit Hochschulreife wählen. Mit einem Hauptschulabschluss sind es nur 41 Prozent.

Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) betonte: „Bildung liegt in der Verantwortung der gesamten Gesellschaft.“ Viele Akteure seien für gute Bildung gefordert. Karliczek zitierte ein afrikanisches Sprichwort: „Um ein Kind großzuziehen, braucht es ein ganzes Dorf.“

(Von Basil Wegener, dpa)

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