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Malus statt Bonus Wie man Managern zu hohe Boni abgewöhnt

Auch nach der Finanzkrise verteilen Banken weiter großzügige Bonuszahlungen an Führungskräfte. Misserfolge werden hingegen kaum bestraft. Haben die Banker nichts dazugelernt? Und welche Ansätze gibt es, um Fehlanreize zu vermeiden?

05.02.2014 14:39
Ingo Leipner
Gute Ergebnisse werden bei Managern noch immer mit krassen Bonuszahlungen belohnt - aber warum gilt dieses System nicht auch umgekehrt? Wer nichts leistet, erhält weniger Bezüge. Foto: dpa

Die Schlagzeilen waren drastisch: „BaFin rüffelt Banken“; „Banken schummeln bei Boni“ oder „Banken missachten den Bonus-Deckel“. Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) schlug im Januar Alarm; die Bonus-Zahlungen deutscher Banken waren in das Visier der Finanzaufsicht geraten.

Der Hintergrund: Zum 1. Januar 2014 sind neue Regeln der EU in Kraft getreten, die überzogenen Banker-Boni einen Riegel vorschieben sollen. Die BaFin legte die neuen Maßstäbe an, um bei 14 Kreditinstituten zu prüfen, wie sie im letzten Jahr mit Bonuszahlungen umgegangen sind. Das Ergebnis: Vier Großbanken hielten sich bereits 2013 an die neuen Regeln, sieben stellten Boni bis zum Doppelten des Fixgehaltes in Aussicht, was künftig nur mit Zustimmung der Eigentümer erlaubt ist. Und die übrigen Geldinstitute versprachen, noch höhere Boni auszuzahlen. „Keine Bank war richtig gut, viele waren schlecht“, sagte Direktor Raimund Röseler, der bei der BaFin für die Bankenaufsicht zuständig ist, der FAZ.

Die neuen Regeln gelten erst in diesem Jahr. Dennoch stellen sich wichtige Fragen: Haben die Banken nichts aus der Krise gelernt? Braucht nicht die gesamte Wirtschaft neue Motivationsansätze, um Anreizsysteme zu überwinden, die unter anderem in die Finanzkrise geführt haben?

Auch Kürzung der Bezüge möglich machen

Der Schweizer Prof. Thomas Fischer ist genau dieser Meinung. Er ist Lehrbeauftragter für Führungspsychologie, und zwar an der „Fachhochschule Nordwestschweiz“. Außerdem ist er im Netzwerk „culture2business“ aktiv. Zwar sei es prinzipiell gut, Manager am Erfolg des Unternehmens zu beteiligen, sagt Prof. Fischer. Aber: Das müsste auch bei Misserfolgen gelten; dem Bonus sollte genauso ein Malus gegenüberstehen – also eine Kürzung der Bezüge! „Vergleichbar mit der Situation eines wirklichen Unternehmers, der auch für Verluste gerade zu stehen hat“, so der Experte.

Gerade die Finanzkrise habe gezeigt, wie sich riskante Spekulationen lohnen: Im Fall des Erfolges flossen exorbitante Boni an Investment-Banker. Im Falle des Scheiterns zahlten die Zeche am Ende die Steuerzahler. „Gewinne werden privatisiert, Verluste sozialisiert“, sagt Prof. Fischer. Sein Resumee: „Nach den Regeln der Ökonomie und der Juristerei ist das alles okay, aber ethisch sehr fragwürdig.“ Geht es auch anders? Hat Prof. Fischer eine Idee, wie sich Wirtschaft neu denken lässt?

In seinen Kursen für Führungskräfte beschreibt er immer drei Triebfedern des Menschen: den Besitztrieb, Geltungstrieb und Machttrieb, die als Motor dienen, damit sich Menschen in der Welt engagieren. „Das ist erst einmal gar nicht negativ gemeint“, erklärt Prof. Fischer, „denn unter diesen ersten Schichten der Seele liegt der Wunsch nach Selbsterkenntnis.“ Wer über seine Triebe und Gefühle intensiv nachdenkt, „überschreitet die Schwelle zum Bewusstsein“, wie es der Psychologe ausdrückt.

Die eigene Gier erkennen können

Das erlebt er bei seinen Kursteilnehmern, die eine neue Führungskultur für Unternehmen kennen lernen wollen. „Wer sich bewusst wird, wie stark er von den drei Trieben gesteuert ist, fängt an, sich ein wenig zu schämen“, so Prof. Fischer. Der etwas altmodische Begriff der „Scham“ ist ihm dabei wichtig, zumal das Gegenteil bei „unverschämten“ Bonus-Forderungen zu beobachten ist. „Wenn ich in den Spiegel schaue, will ich kein triebgesteuertes Wesen sehen“, weiß der Experte. Dabei ist für ihn die Stoßrichtung klar: Das Bewusstsein bestimmt das Sein!

Der Psychologe setzt darauf, dass Führungskräfte Selbstreflexion üben, „um ihre eigene Gier zu erkennen.“ Seine Erfahrung: „Handelt der CEO anders, wirkt das auf das gesamte Management.“ Wenn sich der Chef ändert, kann sich auch das ganze Unternehmen ändern. Nicht Strukturen sollten im Mittelpunkt stehen, sondern das Verhalten der Führungskräfte.

Mehr Glück durch mehr Güter?

Zu diesem Thema nennt auch Prof. Nick Lin-Hi einen interessanten Aspekt. Der CSR-Experte an der Uni Mannheim wünscht sich im Gespräch mit der „Berliner Zeitung“: „Ich möchte es erleben, dass Mitarbeiter belobigt werden, die Umsatzziele verfehlen, weil sie die Ziele mit sauberen Mitteln nicht erreichen konnten.“

Ganz klar: Wer seine Gier erkennt, ist vielleicht in der Lage, einen kleineren Bonus zu akzeptieren. Das materielle Anreizsystem der Wirtschaft könnte an Bedeutung verlieren, wenn sich Manager auf den dornigen Weg der Selbsterkenntnis begeben. In diesem Zusammenhang spricht Prof. Fischer von einem „psychologischen Grenznutzen“: „Ich fühle mich nicht doppelt so gut, wenn ich statt 10 Millionen 20 Millionen verdiene.“ Ab einem bestimmten Einkommen verliere jeder weitere Euro zunehmend an Bedeutung.

So hat die Glücksforschung gezeigt: Zwar ist im Durchschnitt das Einkommen pro Kopf in den letzten Jahrzehnten stark gestiegen, aber das Glücksniveau der meisten Menschen blieb gleich oder ging sogar zurück. „Mehr Glück durch mehr Güter“ – diese Formel ist eine Milchmädchen-Rechnung: Der „psychologische Grenznutzen“ materieller Güter geht gegen Null, so Prof. Fischer.

Seelischer Gewinn durch Alpen-Panorama

Ganz anders dagegen der „psychologische Grenznutzen“ immaterieller Güter: „Ich war joggen“, erzählt Prof. Fischer, „und plötzlich stand mir ein Reh gegenüber, Auge in Auge“. Solche Erlebnisse können viel mehr wert sein als das neueste iPhone – und sie kosten keinen Cent. Und ihr Grenznutzen ist groß, denn kleine Ereignisse bringen einen hohen seelischen Gewinn. Die Natur ist voll davon, vom Schneckenhaus bis zum Alpen-Panorama.

Idealistische Träumerei? Prof. Fischer ist sich sicher: „Wir brauchen einen Paradigmenwechsel, da unser ökonomisches Wachstumsmodell an deutliche Grenzen stößt.“ Der Weg würde über die Selbstreflexion führen, weil der umgekehrte Weg zum Scheitern verurteilt ist: Das Sein verwandelt sich durch Bewusstsein - und die Wirtschaftseliten haben eine wichtige Vorbildfunktion. Doch die Zeichen für einen Wandel sind rar, wie ein Beispiel aus der Schweiz zeigt: 2012 zahlte die Großbank UBS 2,5 Milliarden Franken als Boni an alle Mitarbeiter aus - bei einem Verlust, der fast genauso groß gewesen ist.

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