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Schön flott oder zu schnell? Sicherheitstraining für Senioren auf dem Pedelec

Es ist Mai, Fahrrad- und auch Pedelecsaison. Senioren lieben die Räder mit Elektroantrieb besonders - und verunglücken damit auch besonders häufig. Verpflichtende Sicherheitstrainings aber will niemand.

11.05.2018 15:46
Von Anika von Greve-Dierfeld, dpa
Pedelec Training
Steigen Senioren auf ein Pedelec um, schützt ein Sicherheitstraining vor Unfällen. Foto: Uli Deck

Angemeldet waren 17, gekommen sind 25. Das Interesse der Senioren am Pedelec-Training in Pforzheim (Baden-Württemberg) ist zumindest an diesem Samstag riesig.

Die Sonne scheint, Helga Manz tritt vorsichtig an die von Fahrradhändlern zum Ausprobieren mitgebrachten Zweiräder mit Elektroantrieb heran. Sie nimmt das grasgrüne, ohne Stange, mit „Dameneinstieg“, das ist der 74-Jährigen wichtig. Sie zieht den Helm auf. Erstmal ist Training auf dem Messplatz angesagt, bevor es auf die Piste geht, sprich: In die Innenstadt. „Mann, bin ich damit schnell“, sagt sie noch. Sie dreht einige Runden auf dem Platz. Dann ist sie mit der ganzen Truppe weg.

Pedelecs sind im Trend, leider aber steigen die Unfallzahlen - auch wenn man die wachsenden Verkaufszahlen mitberücksichtigt - deutlich überproportional. „Viele Pedelec-Anfänger denken „Radfahren - kann doch jeder, ich brauche kein Training““, erzählt Sonja Lehmann, Referentin beim Landesverband des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC). Die wachsende Zahl derer, die auf das Rad mit Elektroantrieb umsteigen, sei im Sinne der Mobilität zwar absolut begrüßenswert, ergänzt Reinhard Kappes von ADFC-Kreisverband Pforzheim. „Aber die steigende Zahl von Unfällen sehe ich mit Sorge.“

Bundesweit gibt es seit 2015 Jahr für Jahr etwa 30 Prozent mehr Pedelecunfälle. Im vergangenen Jahr verunglückten nach Angaben des Statistischen Bundesamtes über 5100 Pedelecnutzer (2016: rund 3900), fast 150 davon tödlich. Die meisten Pedelecnutzer in Deutschland sind Senioren, etwa 80 Prozent, schätzt Unfallforscher Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung der Versicherer (UDV). Die Unfallzahlen seien allein mit dem Anstieg der Verkaufzahlen nicht zu erklären.

Logisch, dass sich nach Worten eines Sprechers des Stuttgarter Innenministeriums die Sicherheitstrainings im Land vor allem an der Zielgruppe der Senioren orientieren. Wieviele solche Trainings jährlich abgehalten werden, sei nicht bekannt; auch bundesweite Zahlen dazu gibt es nicht. „Die Leute rennen uns aber nicht gerade die Bude ein“, bedauert ADFC-Expertin Lehmann.

Misslich - denn solche Trainings seien, neben gründlicher Beratung beim Kauf von Pedelecs , absolut empfehlenswert, sagt Brockmann: Viele Senioren stiegen aufs Elektrorad, obwohl sie jahrelang nicht mal mehr auf einem Fahrrad gesessen hätten. „Die Hauptnutzergruppe ist auch das Hauptproblem“, sagt der Unfallforscher. Ausführliche Erkenntnisse erwarten Verkehrsexperten Mitte des Jahres von einer neuen Studie „Mobilität in Deutschland“ (MDI). Die letzte derartige bundesweite MDI-Befragung zum Verkehrsverhalten stammt von 2008.

„Die Reaktionsfähigkeit von Senioren nimmt ab, die Geschwindigkeit mit den Pedelecs im Vergleich zum normalen Fahrrad aber zu“, sagt Kappes. „Das ist dann eine ungünstige Mischung.“ Er führt die Tour mit den Senioren durch die Pforzheimer Innenstadt. Anfahren am Berg, aber auch bergab fahren üben ist wichtig. Denn nicht nur die Geschwindigkeit der Räder ist gewöhnungsbedürftig, sondern auch das Gewicht. Sie sind etwa doppelt so schwer wie ein normales Rad.

Von der Idee, angehenden Pedelec-Nutzern ein Sicherheitstraining verbindlich vorzuschreiben, halten aber weder Unfallforscher Brockmann noch ADFC-Vertreter Kappes viel. Auch wenn ein Training sehr hilfreich sei, könnten damit längst nicht alle brenzligen Verkehrsituationen trainiert werden, sagte Brockmann. Das Verkehrsministerium unterstützt mehrere Pilotstrecken für Radschnellwege - „insbesondere im Hinblick auf die steigende Nutzung von E-Bikes und Pedelecs“. Ladestationen seien in der Förderung aber nicht inbegriffen.

Seniorin Manz hat sich inzwischen in das grasgrüne Gefährt verliebt. „Am liebsten würde ich es gar nicht mehr hergeben“, sagt sie. Wissbegierig und aufmerksam sei seine Truppe während der Fahrt in Pforzheim gewesen, sagt Kappes nach der von ihm geführten Tour. „Manche waren geradezu euphorisch.“ Von Übermut rät der ADFC-Mann aber dringend ab - und zum Helm dringend zu. „Ich kann es gegenüber den Pedelec-Einsteigern nicht oft genug wiederholen: „Sie sind jetzt schneller unterwegs, als Sie es bisher waren.““

Fahrrad, Pedelec, S-Pedelec und Co.

Die Zahl der Fahrräder in Deutschland wird auf rund 73,5 Millionen geschätzt. Diese Zahl stammt allerdings aus dem Jahr 2008, der letzten umfassenden Verkehrserhebung. Die Zahl der Elektrofahrräder in Deutschland beläuft sich nach Angaben des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC) auf rund 3,5 Millionen.

Nach Angaben des Bundesverkehrsministeriums sind mehr als 98 Prozent der hierzulande verkauften Elektrofahrräder Pedelecs. Der Name steht für Pedal Electric Cycle. Nur die Pedelecs sind rechtlich dem Fahrrad gleichgestellt. Ihr Elektromotor arbeitet nur bei gleichzeitigem Treten der Pedale und nur bis höchstens 25 Kilometer pro Stunde.

Die schnelleren S-Pedelecs fahren bis zu 45 km/h, bevor sich die elektronische Unterstützung abschaltet. E-Bikes wiederum sind eigentlich eine Art Elektromofa und fahren auch ohne Muskelkraft. Sie gelten ebenso wie die S-Pedelecs als Kleinkraftrad.

Pedelecs lassen sich auch tunen - das aber ist illegal. Die Polizei kann solche am E-Motor vorgenommenen Veränderungen nicht unbedingt sofort erkennen. „Wir vermuten hier deshalb eine hohe Dunkelziffer“, erklärt Experte Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung der Versicherer (UDV).

(Von Anika von Greve-Dierfeld, dpa)
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