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Ende der Traumnoten Mängel in Pflegeheimen sollen ans Licht

Reihenweise gibt es Bestnoten für Deutschlands Pflegeheime - obwohl zum Beispiel immer noch viele Bewohner mit Gurten ans Bett gefesselt werden. Dieser Missstand soll bald abgestellt werden.

21.11.2018 12:04
Von Basil Wegener und Sascha Meyer, dpa
Bewohner eines Pflegeheims
Wie ist die tatsächliche Lebens- und Versorgungssituation? Pflegeheime sollen künftig nach neuen Kriterien bewertet werden. Foto: Jens Büttner

Die Prüfer des Pflege-TÜV kommen unangemeldet. Sie sind vom Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK). Seit Jahren nehmen MDK-Prüfer regelmäßig die Pflegeheime in Deutschland unter die Lupe.

Die Prüfer schauen ziemlich genau hin, und die Kassen weisen auf dieser Basis auch regelmäßig öffentlich in bundesweiten Berichten auf Schwachstellen der Heime hin. Die daneben existierenden Pflegenoten für die einzelnen Einrichtungen sind dagegen quasi nutzlos, obwohl auch sie auf diesen Prüfungen beruhen. Es handelt sich nämlich durch die Bank um Traumnoten. Angehörige und Pflegebedürftige können sich bei der Heimsuche also nicht gut nach den Noten richten. Das soll sich nun grundlegend ändern.

Wenn die Prüfer kommen, bricht in einem Pflegeheim erst oft ein wenig Chaos aus. So erzählen es Menschen, die dabei waren, auch Reportagen berichten davon. Pflegerinnen und Pfleger können auf Fortbildung sein, Akten müssen zusammengesucht werden, Angehörige müssen ihre Erlaubnis geben. Dann studieren die Prüfer die Unterlagen, in denen dokumentiert ist, was die Pfleger für und mit den Bewohnern gemacht haben. Sie gucken sich die Medikamente an: Werden die richtigen Mittel verabreicht, sind sie vielleicht schon abgelaufen? Sie prüfen alle möglichen Bereiche. Sie gehen auch zu zufällig ausgewählten Bewohnern, um sich dort etwa die Haut, die Fersen, den Gesamtzustand anzusehen und mit ihnen zu reden.

Warum aber führen diese aufwendigen Prüfungen nicht zu einem realistischen Bild der Heime? Die Berichte der Kassen sind auch laut unabhängigen Experten schon heute einigermaßen wahrheitsgetreu. Der jüngste erschien im Februar. Er zeigt, dass Zehntausende Pflegebedürftige in Deutschlands Heimen Opfer mangelhafter Betreuung werden.

Insgesamt sind die Ergebnisse zwar eher gut. Aber rund jeder vierte Bewohner, der eine Wundversorgung braucht, bekam diese zuletzt nicht ausreichend oder hygienisch unzulänglich. Bei jedem vierten Bewohner wurde das Gewicht nicht kontrolliert, obwohl die Gefahr eines Gewichtsverlustes bestand und sich die Pfleger dann extra um Essen und Trinken kümmern müssen. In jedem fünften Fall, in dem es nötig gewesen wäre, gab es keine ausreichende Vorbeugung vor Druckgeschwüren. Fast jeder zehnte Bewohner bekam demnach zuletzt Bauchgurte oder musste andere freiheitsentziehende Maßnahmen hinnehmen.

Doch auch diese Berichte haben ihre Macken. Denn zu einem Gutteil basieren sie eben auf der Pflegedokumentation. Und die oft überlasteten Pflegerinnen und Pfleger machen sich oft vergleichsweise wenig Mühe, alles superkorrekt aufzuschreiben. Vor allem aber taugen die online abrufbaren Pflegenoten für die einzelnen Heime wenig.

Verantwortlich für die Festlegung des Notensystems waren im wesentlichen Heimbetreiber und Kassen. Kritiker wie etwa der Gesundheitsexperte der Bertelsmann Stiftung, Stefan Etgeton, monieren, dass der Gesetzgeber die Akteure bisher sich selbst überlasse. Immer wieder wird kritisiert, gerade Heimbetreiber hätten bisher wenig Interesse gehabt, Mängel offenzulegen. Gernot Kiefer, Vorstand des Kassen-Spitzenverbandes, versichert: „Unser Ziel ist und bleibt es, gute und schlechte Qualität in Pflegeeinrichtungen für jeden einfach erkennbar zu machen.“

Manches ist unbestritten für die Qualität eines Heims besonders wichtig, etwa ob es auf freiheitsentziehende Maßnahmen wie Gurte verzichtet und Wundliegen vermeiden kann. Aber bei den existierenden Noten können Probleme und Missstände in solchen zentralen Bereichen ausgeglichen werden mit Dingen, die eher dem allgemeinen Wohlbefinden in Einrichtungen dienen. Aktuell liegen die Heime von Bundesland zu Bundesland im Schnitt bei Noten zwischen 1,1 und 1,4.

Künftig sollen die Prüfungen präziser werden - und sich nicht mehr so stark an den Unterlagen in den Heimen orientieren. Stattdessen soll wirklich gründlich geschaut werden, wie es den Bewohnern ergeht. Unangekündigt sollen die Prüfer nicht mehr kommen, sondern mit einem Tag Vorlauf. Das teils aufkommende Chaos beim unangemeldeten Besuch soll vermieden werden - und am Zustand der Bewohner, den die Prüfer vor allem angucken, lässt sich ohnehin über Nacht kaum etwas manipulieren.

Vor allem aber: Die Noten werden abgeschafft. Angehörige und Betroffene sollen in einer komprimierten Darstellung mit Punkten und Kästchen einen Überblick über die Qualität in den einzelnen Pflege-Bereichen bekommen - von Heim zu Heim. „Es gibt einige Einrichtungen, in denen findet sich sehr schlechte Qualität“, sagt der Bielefelder Pflegewissenschaftler Klaus Wingenfeld, der den neuen Pflege-TÜV federführend entwickelt hat.

Noch stehen letzte Entscheidungen für die Reform des Pflege-TÜV aus, aber Experten erwarten, dass die Reform nach jahrelanger Kritik am alten Systems nun tatsächlich kommt. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat sie für Herbst 2019 angekündigt.

Wenn dann einmal neue, realistische Bewertungen vorliegen, stehen Politik und Gesellschaft laut Wingenfeld vor der nächsten Frage: „Was macht man, wenn ein Teil der Einrichtungen sehr schlechte Qualität hat?“ Wichtig sei hier nicht nur die Personalausstattung in den Pflegeheimen - sondern etwa auch die verstärkte Auseinandersetzung der Mitarbeiter mit der und die Sensibilität der Heime für die Qualität.

(Von Basil Wegener und Sascha Meyer, dpa)

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