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Umweltbundesamtspräsident Flasbarth "Autos immer noch zu dreckig"

70 Prozent der Deutschen wollen sparsame und klimafreundliche Autos, vermissen aber ein bezahlbares Angebot. Auch der Präsident des Umweltbundesamtes, Jochen Flasbarth, fordert mehr Engagement.

16.09.2009 19:09
Der Chef des Bundesumweltamtes, Jochen Flasbarth, fordert von der Autoidnustrie mehr Anstrengungen für klimafreundlichere Autos. Foto: dpa

Herr Flasbarth, die Autoindustrie gibt sich auf der IAA eine grüne Lackierung. Was steckt darunter?

Es zeigt: Die Klimadebatte ist endlich bei den deutschen Autoherstellern angekommen. Der Test, ob sie wirklich Ernst machen, steht in den nächsten Monaten aber erst noch bevor. Sie müssen laut den EU-Vorgaben bis 2012 im Durchschnitt mit den Neuwagen 130 Gramm CO2 erreichen, derzeit sind es noch 162. Trendsetter müssen die deutschen Konzerne erst noch werden.

Der Spritverbrauch der Neuwagen sinkt inzwischen messbar. Reicht das Tempo aus, in dem das geschieht?

Nein. Die CO2-Kurve muss viel schneller sinken. Dass da noch viel drin ist, kann man daran sehen, dass die Fortschritte nun schon größer sind als in den vergangenen Jahren. Die Autoindustrie hat sich vorher leider so verhalten, wie sie es bei vielen technologischen Entwicklungen - beginnend beim Katalysator - getan hat. Sie hat behauptet: Es geht nicht, und dann geht es doch. Das ist eigentlich eine Einladung an die Politik, Druck zu machen, damit sich etwas bewegt.

Die deutschen Autobauer setzen weiter auf große, schwere Autos. Ist das ihre einzige Marktchance?

Sie müssen stärker umdenken. Für 2020 peilt die EU einen CO2-Wert von 95 Gramm an. Das geht nur, wenn die Autos leichter, im Schnitt kleiner und maßvoll motorisiert sind. Die Produktentwicklung muss sich darauf einstellen. Autos, mit denen man notfalls in der Wüste zum Brötchenholen fahren kann, sind nicht das Ziel.

Das Elektroauto soll nun die Rettung bringen. Vor wenigen Jahren sollte die Brennstoffzelle das bewirken. Aber um die ist es still geworden. Also ein neues Ablenkungsmanöver?

Das Elektroauto hilft kurzfristig nichts. Es macht nur Sinn, wenn es auch genügend Ökostrom gibt, um es anzutreiben - sonst verlagert man lediglich das Problem vom Auspuff in die Kraftwerke. Wer heute ein Elektroauto über Nacht auflädt, fährt morgens mit einem Kohle- und Atomauto los.

Also doch keine Lösung?

Doch. Es ist richtig, jetzt den technologischen Impuls zu setzen, um die Batterie zu optimieren und zu verbilligen. Aber Forderungen, schnell sehr viele Elektroautos auf die Straße zu bringen, machen ökologisch wenig Sinn.

Bis wann könnte das E-Auto sich durchsetzen?

In zehn Jahren werden die erneuerbaren Energien einen deutlich höheren Anteil haben als heute, dann ist auch eine größere Elektroauto-Flotte umweltpolitisch sinnvoll.

Sollte es eine neue Abwrackprämie geben, um den gefürchteten Absturz der Autoindustrie im nächsten Jahr abzufedern?

Nein. Die Prämie war eine konjunkturelle Nothilfe, die auch leichte Umweltvorteile brachte. Eine Dauerinfusion aus dem Staatshaushalt für die Autoindustrie wäre falsch. Jetzt müssen die Automobilhersteller zeigen, dass sie sich mit attraktiven, umweltfreundlichen Modellen am Markt behaupten können.

Und was empfehlen Sie, um den Verkehr insgesamt klimaverträglicher zu machen?

Entscheidend ist der Ausbau der Infrastruktur für Busse und Bahnen. Die Bürger müssen die Möglichkeit haben, bequem umzusteigen. Die Investitionsgewichte müssen dorthin verschoben werden, sonst kann Deutschland seine Klimaschutzziele im Verkehrssektor nicht erreichen. Deswegen mein Vorschlag: Die neue Bundesregierung muss den Bundesverkehrswegeplan gleich nach Amtsantritt neu fassen. Der bisherige ist viel zu straßenlastig.

Interview: Joachim Wille

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