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Neue EU-Gesetze für Frontbügel Vom Kuhfänger zum Schutzbügel

Anfang der 90er Jahre kamen die von Geländewagenfahrern so geschätzten Frontbügel aus gebogenem Stahlrohr gehörig ins Gerede. Die ETH (Eidgenössische

26.01.2007 00:01
FRANK NÜSSEL

Anfang der 90er Jahre kamen die von Geländewagenfahrern so geschätzten Frontbügel aus gebogenem Stahlrohr gehörig ins Gerede. Die ETH (Eidgenössische Technische Hochschule) Zürich veröffentlichte ihre Crash-Ergebnisse aus dem Zusammenprall von Fußgänger- und Radfahrerdummies mit Frontbügel-bewehrten Geländefahrzeugen. Diese Ergebnisse malten ein Schreckensszenario ohnegleichen: bei einer Aufprallgeschwindigkeit von nur 28 Kilometer pro Stunde gab es für die schwächeren Verkehrsteilnehmer kaum noch Überlebenschancen.

Die Resultate nisteten sich jedoch nur marginal in die Köpfe der Verantwortlichen ein. Zumindest in Deutschland wurde munter weiter produziert und verkauft, ein wahres Rohrbieger-Happening. Und es wurde sehr viel Geld damit verdient, zumal auch bei renommierten Fahrzeugherstellern die stählernen Bügel im Originalzubehör-Katalog zu finden waren. Offensichtlich war die Lobby der Bügelhersteller stärker als das Interesse seitens der Gesetzgeber, endlich etwas dagegen zu tun.

Die Bügelgegner meldeten sich zwar in regelmäßigen Abständen zu Wort, aber zu leise und ohne Lobby. In der Folgezeit gab es im Verkehrsministerium mehrfache Versuche, Zulassungskriterien neu zu formulieren, allerdings mit der späten Erkenntnis, dass inzwischen alles nur noch auf EU-Ebene durchsetzbar ist. Und Brüssel war offensichtlich sensibilisiert und begann, das Thema Sicherheit in seine Überlegungen aufzunehmen. Es war ein langer Weg, da es ja nicht nur darum ging, die Bügel zu verbieten, sondern vor allem darum, neue Prüfkriterien zu erarbeiten und danach die Konstruktionskriterien für die Test- und Messanlagen festzuschreiben. Einige Hersteller von Frontbügeln hatten Wind davon bekommen, dass es ihnen in Bälde ans Eisen geht und versuchten, mit verchromten Bügeln aus nachgiebigem Kunststoff mögliche Restriktionen in der Zulassungsfähigkeit auszuhebeln. Ihr Pech: diese schlabberweichen Teile wurden vom Markt nicht akzeptiert.

In Brüssel wurde dann die Richtlinie 2005/66/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 26.Oktober 2005 erlassen, die die bislang geltende Richtlinie 70/156 EWG des Rates über die Verwendung von Frontschutzsystemen an Fahrzeugen ab löst. Gültig wurde das neue Vertragsgebilde am 25. August 2006 in allen EU-Staaten. Damit ist auch erstmals Rechtssicherheit vorhanden und gewährleistet, da dann ausschließlich für entsprechend geprüfte Frontbügel eine EG-Typgenehmigung vorliegt. Rohre an den Seiten und am Heck der Fahrzeuge unterliegen dieser neuen Richtlinie nicht solange sie den Außenabmessungen des Fahrzeugs innerhalb der amtlichen Toleranzgrenzen entsprechen.

In Deutschland ist für die Prüfung und Genehmigung der Frontbügel die Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) zuständig. Zugleich verantwortet sie auch in Kooperation mit den Technischen Überwachungsorganen der Bundesländer (TÜV oder TÜH) die Prüfung der Frontbügel und der entsprechenden Prüfanlagen. Die in Bayern ansässige Firma Antec baute als erste und bislang einzige mit dem TÜV Bayern Süd, Regensburg, eine den EG-Vorgaben entsprechende Test- und Messanlage auf dem eigenen Firmengelände. Zunächst nur für die eigenen Produkte, die meist bei führenden Geländewagen- und SUV-Herstellern im Originalzubehör-Katalog zu finden sind.

Marktbereinigung

Wer überhaupt noch Chancen haben will, Frontbügel nach den aktuellen EU-Richtlinien zu verkaufen, wird nicht umhin kommen, bei Antec testen zu lassen oder eine eigene Anlage zu erstellen. Die damit verbundenen hohen Kosten werden zu einer Art von "Marktbereinigung" unter den Herstellern führen, meint Klaus Rumpp, leitender Ingenieur und Geschäftsführer bei Antec.

Die neue Generation Energie absorbierender Frontschutzbügel muss harte Disziplinen bei den diversen Tests durchstehen. Wichtige Grenzwerte für Aufprallgeschwindigkeit, Verformungsenergie und andere Kriterien sind festgeschrieben. Doch kein Gesetz ohne Ausnahme: Frontschutzbügel mit bisher gültigem TÜV-Gutachten sind auch nach der Veröffentlichung der neuen Richtlinien des EU-Parlaments in einer Übergangszeit von 18 Monaten für den Anbau erlaubt.

Der große Vorzug der neuen Bügelgeneration besteht vor allem in erhöhter Flexibilität, die die Aufprallenergie bei einem Unfall gegenüber einem nicht mit Bügel versehenen Fahrzeug minimiert und Unfallfolgen verringert. Was sich bislang als "Kuhfänger" gut verkaufte, heißt nun in der Sprache der Hersteller "Personenschutzbügel".

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