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Schnell und billig: Spaniens Schienenwege am Pranger

Spaniens Hochgeschwindigkeitsnetz ist das größte Europas. Nach der Katastrophe von Santiago de Compostela drängt sich der Verdacht auf, dass zu schnell gebaut und am falschen Ende gespart wurde.

26.07.2013 16:42

Spaniens Hochgeschwindigkeitsnetz ist das größte Europas. Nach der Katastrophe von Santiago de Compostela drängt sich der Verdacht auf, dass zu schnell gebaut und am falschen Ende gespart wurde.

Erst vergangene Woche waren Tourismus-Unternehmer bei einem Treffen in Valencia zu dem enthusiastischen Schluss gekommen: «Spaniens Hochgeschwindigkeitsnetz ist eine Visitenkarte der Qualität und der Modernität, die ausgenutzt werden muss.»

Die verheerende Zugkatastrophe von Galicien stellt die gelobten Schienenwege nun zum ungünstigsten Zeitpunkt - mitten in der Urlaubssaison - gnadenlos an den Pranger. In die Trauer um die Dutzenden Todesopfer mischten sich nämlich zwei Tage nach der Tragödie immer mehr Zweifel und Kritik an der Sicherheit des mit 3100 Kilometern Länge größten Hochgeschwindigkeitsnetzes in Europa.

«Aus der Tragödie vom Mittwoch muss man die Lehre ziehen, dass das modernste Eisenbahnnetz viele schwarze Punkte hat, die man umgehend beseitigen muss, um weitere Unfälle zu vermeiden», warnte die Zeitung «El Mundo» am Freitag. Das Blatt kritisiert die auch von politischen Interessen geförderte Bauwut - trotz der Wirtschaftskrise wurden allein im ersten Halbjahr 2013 zwei neue Strecken des Hochgeschwindigkeitssystems AVE eingeweiht - und das daraus resultierende Hybridmodell. «Flickenteppich» nennen es die Kritiker.

Offene Hochgeschwindigkeitsstrecken mit europäischer Normalspur gehen zum Beispiel vor Ortseinfahrten häufig auf die fürs Toptempo ungeeignete iberische Breitspur über. Lokführer müssen dann sehr schnell von 250 auf 80 Kilometer pro Stunde abbremsen. Wie eben an der Unglücksstelle wenige Kilometer vor Santiago. Dort entstand die berüchtigte enge Kurve «A Grandeira», weil man aus Kostengründen die Enteignung von Haus- und Grundstücksbesitzern vermied.

Am Mittwochabend hat es Lokführer José Garzón dort aus noch nicht geklärten Grunden nicht geschafft, den hochmodernen und häufig gewarteten Talgo 730 rechtzeitig abzubremsen. Mit Tempo 190 raste er ins Unglück und soll nun deshalb unter dem Vorwurf der Fahrlässigkeit als Beschuldigter vor dem Ermittlungsrichter aussagen.

Die Lokführer-Gewerkschaft Semaf nimmt den erfahrenen Kollegen in Schutz. Das Sicherheitssystem an der Stelle sei ungeeignet, heißt es. Da die 2011 eingeweihte Hochgeschwindigkeitsstrecke vier Kilometer vor Santiago - kurz vor der Unfallstelle - ende, sei das ältere ASFA-Tempokontrollsystem im Einsatz gewesen, das den Zug beim Überschreiten der erlaubten Geschwindigkeit nicht immer automatisch abbremse, klagte Semaf-Generalsekretär Juan Jesús Fraile im Radio. «Ideal wäre es gewesen, wenn man die moderne Strecke bis Santiago fertiggebaut hätte», sagte er.

Dass in Spanien möglicherweise am falschen Ende gespart wurde, schließt auch die Allianz pro Schiene, die sich in Deutschland für die Förderung des Schienenverkehrs einsetzt, nicht aus. Auf Anfrage der dpa legte sie die Rangliste der Pro-Kopf-Investitionen europäischer Staaten in die Schieneninfrastruktur vor. Da belegte Spanien 2012 mit 38 Euro pro Kopf einen hinteren Platz. Deutschland gab 51 aus, Frankreich 63, Großbritannien 110 und die Spitzenreiter Schweiz und Österreich jeweils 349 und 258 Euro pro Einwohner.

«Wenn es nötig ist, den Bau neuer Strecken zu stoppen, um neue Sicherheitsprotokolle zu entwickeln, dann müssen wir das auch tun», forderte Ricardo Riol, Präsident der spanischen Verbandes zur Förderung des Öffentlichen Verkehrs (PTP) im Fernsehen. Das werden Politiker und Unternehmer nicht gern hören. Zumal Spanien auf den Tourismus setzt, dessen starker Anstieg in den vergangenen Monaten der Krise die Stirn bot.

Die Eisenbahngesellschaft Renfe, die unter anderem in Brasilien um den Auftrag zum Bau der Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen Sao Paulo und Rio de Janeiro kämpft, beteuerte, der Unfall habe das Vertrauen der Gäste nicht erschüttert: «Wir haben keine Stornierungen erhalten, die Züge sind voll.» Bau- und Verkehrsministerin Ana Pastor bemüht sich unterdessen um Schadensbegrenzung und versichert: «Wir haben alle menschlichen und materiellen Mittel zur Verfügung gestellt, damit die Wahrheit (über den Unfall) ans Licht kommt.» (dpa)

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