Lade Inhalte...

Zweiter Weltkrieg Gräuel im Namen des gottgleich verehrten Kaisers

7. Juli 1937: Vor 80 Jahren begann der Zweite Sino-Japanische Krieg, der in Asien als Beginn des Zweiten Weltkriegs angesehen wird.

Invasion in China
Japanische Truppen, hier 1938 bei der Invasion in China. Foto: afp

Herr Melber, viele Menschen denken, dass der Zweite Weltkrieg in Europa begonnen hat. Hat er nicht tatsächlich in Asien seinen Anfang genommen?
Wie wir alle wissen, begann in Europa der Zweite Weltkrieg mit dem deutschen Überfall auf Polen im September 1939. Zu diesem Zeitpunkt tobte auf dem chinesischen Festland aber längst der Krieg zwischen China und Japan: Am 7. Juli 1937, also heute vor 80 Jahren, begann der sogenannte Zweite Sino-Japanische Krieg, der in Asien als Beginn des Zweiten Weltkriegs angesehen wird. Einige Historiker gehen sogar weiter: Für sie beginnt der Zweite Weltkrieg im Jahr 1931 mit dem Einmarsch japanischer Truppen in der Mandschurei im Nordosten Chinas. Sie bezeichnen den Zweiten Weltkrieg daher auch als „fünfzehnjährigen Krieg“. Allerdings müssen wir uns vergegenwärtigen, dass erst der Kriegseintritt der USA – als Folge des japanischen Angriffs auf den Stützpunkt der US-Pazifikflotte Pearl Harbor am 7. Dezember 1941 – die Kriegsschauplätze Europa und Asien miteinander verband und so der Krieg zu einem echten Weltkrieg wurde.

Was hat den Krieg zwischen Japan und China ausgelöst?
Heute vor 80 Jahren war es ein Feuergefecht zwischen vor Ort stationierten japanischen und chinesischen Soldaten, das den Krieg am Spätabend des 7. Juli 1937 auslöste: In einem Vorort der heutigen chinesischen Hauptstadt Peking ereignete sich nahe der steinernen Lugou-Brücke – im Westen besser unter ihrem Beinamen Marco-Polo-Brücke bekannt – dieser Vorfall. Als „Zwischenfall an der Marco-Polo-Brücke“ ging er in die Geschichtsbücher ein. Bis heute ist allerdings umstritten, ob hier wirklich auf japanische Soldaten geschossen wurde und wenn ja, wer die Schüsse abgegeben hat. Auf jeden Fall war dies der Anlass, der eine weitergehende gewaltsame Expansion Japans auf dem chinesischen Festland zur Folge hatte.
 
Kann man Japan mit dem Deutschen Reich in punkto Aggressivität vergleichen? Welche Ideologie herrschte in Japan?
Durchaus lassen sich Japan und das Deutsche Reich in dieser Hinsicht vergleichen: Als Bündnispartner verfolgten beide Länder eine aggressive Expansionspolitik mit kriegerischen Mitteln. Und wenn wir nur an die durch japanische Truppen in China – aber auch später andernorts in Asien verübten Kriegsgräuel – und an die generell brutale Kriegsführung etwa im Rahmen der Widerstandsbekämpfung denken, so sehe ich auch hier klare Parallelen in punkto Aggressivität. Allerdings ist die Schoah in Europa der zentrale Unterschied. Denn eine derartig systematisch betriebene Massenvernichtungspolitik mit industriellen Methoden wie sie Hitlerdeutschland gegenüber den Juden betrieb, gab es in Asien so nicht. Ideologisch herrschte in Japan eine übersteigerte, geradezu pervertierte Form des Nationalismus vor. Im Mittelpunkt der Ideologie Japans stand der Tenno, der japanische Kaiser, der gottgleich verehrt wurde. Zudem wollte Japan als die imperialistische Macht Ostasiens anerkannt werden. Ihr sollten sich alle Völker Asiens unterordnen, auch Rassismus spielte dabei eine ganz große Rolle – sehr zum Leidwesen der Chinesen, die aufgrund zeitgenössischer rassistischer Anschauungen von vielen japanischen Militärs als minderwertig angesehen wurden.

In Europa spielte neben dem Ersten Weltkrieg ja auch die Wirtschaftskrise eine erhebliche Rolle, was radikalere politische Strömungen an die Macht brachte. Waren es auch wirtschaftliche Faktoren in Asien, die eine Rolle für die Kriegsverdichtung spielten?
Die Weltwirtschaftskrise hatte in der Tat auch Japan in Mitleidenschaft gezogen. Sie wurde von offizieller Seite dann zur Rechtfertigung der japanischen Expansionsbestrebungen auf dem chinesischen Festland herangezogen. Radikale Strömungen in Japans Politik und Militär glaubten in der Expansionspolitik die Lösung für gegenwärtige, aber auch potentielle zukünftige Probleme – nicht nur, aber auch ökonomischer Natur – gefunden zu haben. Ähnlich wie Nazi-Deutschland nach „Lebensraum im Osten“ strebte, wollte Japan so gesehen in China „Lebensraum im Westen“ erwerben.
 
War China dem Nachbarn Japan militärisch gewachsen?
Wenn wir auf die ersten Kriegsmonate nach Ausbruch des Sino-Japanischen Krieges blicken, erweckt es den Anschein, als sei Japan in diesem Konflikt militärisch klar überlegen gewesen: Nachdem Japans Heer äußerst verlustreich die Metropole Shanghai erobert hat, gelang es zwei Mal, die Hauptstadt der chinesischen Nationalregierung zu erobern: Zuerst im Dezember 1937 Nanking, dann das daraufhin als provisorische Hauptstadt Chinas fungierende Wuhan im Herbst 1938. Chinas dritte Hauptstadt im Krieg, Chunking, kann Japan aber bis zum Kriegsende 1945 nicht einnehmen. China schien militärisch vielleicht qualitativ unterlegen zu sein, hatte aber quantitativ den japanischen Invasionstruppen eine Menge entgegenzusetzen – vielleicht ganz ähnlich wie die sowjetische Rote Armee der deutschen Wehrmacht an der Ostfront. Die militärische Power der chinesischen Truppen reichte zumindest insofern aus, dass Japans Vormarsch in China bereits Anfang der 1940er Jahre massiv ins Stocken geriet, „versumpfte“, wie es die japanische Geschichtsschreibung ausdrückt. Zudem ist nicht zu vergessen, dass auf der einen Seite China Nachschublieferungen von seinen Alliierten erhielt und damit am Leben gehalten wurde, zum anderen das Japanische Kaiserreich nach seinem Angriff auf Pearl Harbor einem Mehrfrontenkrieg ausgesetzt war – mit den USA als zusätzlichem Hauptgegner im asiatisch-pazifischen Raum.

Viele erinnern sich an das Massaker von Nanking. Was passierte dort damals genau?
Nach einer mehrtägigen Belagerung besetzte die japanische Armee Chinas Hauptstadt im Dezember 1937 und verübte dort unsägliche Kriegsgräuel. Wenige Wochen zuvor hatten die japanischen Soldaten in unerwartet langen, äußerst blutigen Kämpfen Shanghai erobert. Als die Truppen den Marschbefehl gen Nanking erhalten hatten, war also die Truppenmoral bereits auf dem Nullpunkt. Hinzu kam das rassistische Überlegenheitsgefühl gegenüber den als minderwertig betrachteten Chinesen. Dieses explosive Gemisch an Emotionen schlug sich nach der Einnahme Nankings in einem enormen Gewaltexzess nieder: Über anderthalb Monate hinweg plünderten japanische Soldaten die Stadt, es kam zu willkürlichen gewaltsamen Übergriffen auf die Bevölkerung Nankings. In Massenexekutionen wurden chinesische Soldaten und Zivilisten mit Bajonetten zu Tode verstümmelt und erschossen, chinesische Frauen und Mädchen wurden massenweise vergewaltigt. Bis heute sind die genauen Hintergründe des Massakers aber nicht ganz geklärt. Beispielsweise debattiert die Historikerzunft darüber, inwieweit das japanische Kaiserhaus in das Massaker von Nanking involviert war oder es zu verantworten hatte. Auch was die Zahl der Opfer anbelangt, gibt es heftige Diskussionen. Laut chinesischen Schätzungen soll die japanische Armee über 300 000 Chinesen massakriert haben – die Opferzahl wird sich eher im sehr hohen fünfstelligen oder niedrigen sechsstelligen Bereich bewegt haben.

Wie hoch waren überhaupt die Opferzahlen aufseiten der Chinesen und Japaner?
Japan hatte im gesamten Zweiten Weltkrieg etwas mehr als dreieinhalb Millionen Tote zu beklagen. Die Zahl der chinesischen Todesopfer war um ein Vielfaches höher: mindestens zehn Millionen, vermutlich aber bis zu fünfzehn Millionen Chinesen ließen in diesem Konflikt ihr Leben.

Japan suchte dann noch den Krieg gegen die USA, der mit dem Abwurf der Atombomben endete. Um kontrafaktisch zu fragen: Hätte Japan auf den Angriff auf Pearl Harbor verzichtet, hätte es dann seine Vormachtstellung in Asien lange behalten?
Die Frage ist, ob das die anderen Großmächte – allen voran die USA, aber auch die Sowjetunion – auf lange Sicht zugelassen hätten. Wenn wir uns die internationale Politik und das Verhalten der etablierten Großmächte gegenüber dem aufstrebenden Kaiserreich Japan bis zum Zweiten Weltkrieg anschauen, so kann ich mir das nur schwer vorstellen. Vor allem hätte Japan aber zu einem gewissen Zeitpunkt eine klare Wende in seiner Außenpolitik vornehmen, der Expansionspolitik eine klare Absage erteilen müssen. Der Zweite Sino-Japanische Krieg lieferte aber den USA geradezu den Beweis, welche Absichten Japan in Asien verfolgte – diesen wollten sich gerade die USA mit aller Macht entgegenstellen. Und bei den im Vorfeld von Pearl Harbor stattfindenden diplomatischen Verhandlungen zwischen Japan und den USA brachten die Amerikaner klar zum Ausdruck, dass es – wie sich die amerikanischen Gesprächspartner ausdrückten – „keine Lösung auf Kosten Chinas“ geben würde. Eine Folge von Pearl Harbor war ja auch der Kriegseintritt der USA in Europa. Hier können wir ebenfalls nur mutmaßen, ob die Geschichte ohne Pearl Harbor anders verlaufen wäre. Auch hier glaube ich kaum, dass die Vereinigten Staaten und allen voran ihr Präsident Roosevelt tatenlos zugesehen hätten, wie sich Hitler seelenruhig ganz Europa einverleibt. Die USA hätten sowohl in Europa als auch in Asien über kurz oder lang militärisch interveniert, denn die aggressive Expansionspolitik, wie sie das Deutsche Reich und Japan betrieben, stand den amerikanischen Grundwerten von Freiheit, einer freien Welt, der Freiheit der Völker diametral entgegen.
 
Welche Herausforderungen gibt es für europäische Forscher, lassen sich die bestehenden Sprachbarrieren so einfach überwinden?
Um ein solches Thema ideal aufzuarbeiten, müsste ein europäischer Historiker sowohl der chinesischen als auch der japanischen Sprache mächtig sein. Die wenigen westlichen Historiker, die sich mit der Thematik beschäftigen, beherrschen in der Regel aber nur eine der beiden Sprachen, was schon schwierig genug ist. Entsprechend wird sich der Thematik dann eher von „chinesischer Seite“ oder von „japanischer Seite“ genähert, je nach Sprachfähigkeit und -beherrschung. Vice versa sind noch immer sehr viele Studien japanischer und chinesischer Kollegen, die sich mit dem Sino-Japanischen Krieg beschäftigen, nicht in westlichen Sprachen erhältlich. Es gibt also noch sehr viel zu tun, um die internationale Zweiter-Weltkrieg-Forschung voranzutreiben und die beiden Kriegsschauplätze Europa und Asien im Fach noch enger zu verknüpfen.

Interview: Michael Hesse

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum