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Zum Tod von Claude Lévi-Strauss Zeiten verlorener Unschuld

Strukturalist von Geburt an und Astronom menschlicher Konstellationen: Zum Tod des großen französischen Ethnologen Claude Lévi-Strauss. Von Martina Meister

03.11.2009 17:11
Martina Meister
Claude Lévi-Strauss ist gestorben. Foto: afp

"Ich hasse Reisen und Forscher." So beginnt sein Buch "Traurige Tropen". Ein Satz, der das Fernweh des Lesers gleich zu Beginn erschüttert. Er gibt den Ton an und legt Zeugnis ab. Zeugnis vom Dilemma des Ethnologen, von der Aporie, die ihn sein ganzes Leben lang beschäftigt hat.

Claude Lévi-Strauss, der Vater des Strukturalismus, ist tot. Der französische Anthropologe, der wie nur ganz wenige Denker der Gegenwart den Blick des Menschen auf sich selbst radikal verändert hat, ist, wie die Académie française bestätigte, bereits in der Nacht zum Sonntag im Alter von 100 Jahren gestorben. Vor knapp einem Jahr wurde sein 100. Geburtstag im Musée du Quai Branly gefeiert, der französische Staatspräsident gratulierte ihm Zuhause. Zurück lässt Lévi-Strauss ein über 15 Bände umfassendes Werk, das weit über die Anthropologie hinaus seine Wirkung getan hat.

"Ich hasse Reisen und Forscher", schrieb er, und trieb den Widerspruch noch weiter, indem er das Buch als "Sünde gegen die Wissenschaft" bezeichnete. Eine legitime Sünde freilich, nicht nur, weil er sich mit dieser Mischung aus intellektueller Biographie und philosophisch-ethnologischen Tagebuch sprachlich vom wissenschaftlichen Diskurs entfernt und der Poesie jener beschriebenen Welt angenähert hat.

"Traurige Tropen" war auch eine Abrechnung mit der Ethnographie als Wissenschaft des schlechten Gewissens. Denn als sich Lévi-Strauss Mitte der dreißiger Jahre erstmals ins Feld aufmachte, war der Ethnologe noch derjenige, der in ferne Welten aufbrach, wie man einst auf Pilgerfahrt ging. Einer, der nach allen Regeln der Kunst versuchte, den Genozid der westlichen Zivilisation mit ihren eigenen Mitteln zu sühnen.

Der Gedanke dieser verlorenen Unschuld durchzieht das Buch wie ein musikalisches Thema. "Ich hätte gerne in den Zeiten der wahren Reisen gelebt", notiert er, "als sich das Schauspiel noch in all seinem Glanz darbot, noch nicht verdorben und verflucht." Zugleich wusste er, dass er diesen Zeitsprung mit einem Verlust an Wissen hätte bezahlen müssen, der ihm, dem Wissenschaftler, wiederum zu teuer erkauft gewesen wäre.

Gemeinsamkeiten zwischen Gesellschaften

Doch das ethnologische Dilemma war für ihn nicht nur ein historisches, sondern auch ein gegenwärtiges und höchst persönliches. Denn, so notierte er, "der Ethnograph muss zu Hause kritisch, draußen aber konformistisch sein". Auf diesem Balanceakt baut sein Werk auf, das nicht aus Zufall gerade in den augenscheinlichen Gegensätzen zwischen vermeintlich primitiven und zivilisierten Gesellschaften nichts anderes auszumachen suchte als Gemeinsamkeiten.

"Im Grunde genommen", so hat Lévi-Strauss es selbst einmal formuliert, "bin ich Vulgärkantianer und vermutlich Strukturalist von Geburt aus." Als einen naiven, einen unschuldigen Strukturalisten hat er sich gern bezeichnet. Seinen strukturalistischen Instinkt pflegte er bis in den Kinderwagen zurückzuverfolgen. Denn als er noch nicht laufen geschweige denn lesen konnte, soll aus letzterem ein lauter Aufschrei gekommen sein: Der kleine Claude hatte entdeckt, dass die ersten drei Buchstaben der Ladenschilder des Bäckers, des "boulanger", und des Fleischers, des "boucher", im Französischen, tatsächlich "bou" bedeuten mussten, weil sie in beiden Fällen gleich waren. "In diesem Alter", so schlussfolgerte Lévi-Strauss scherzhaft, "habe ich schon nach Invarianten gesucht."

"Wie wird man Ethnologe" ist der Titel eines Kapitels der "Traurigen Tropen". Über Umwege, ist die Antwort. Umwege im wahrsten Sinne des Wortes. Claude Lévi-Strauss, am 28. November 1908 in Brüssel von französischen Eltern geboren, wuchs in Paris in einem jüdischen, aber nichtpraktizierenden Haushalt auf, den der Vater mit Porträtmalerei über Wasser zu halten versuchte. Nach wenigen Semestern Jura studierte er Philosophie, auf die er indes schnell einen kräftigen Hass entwickelte. Ihr Studium, urteilte er später, rege zwar die Intelligenz an, aber trockne den Geist aus: "Im Meer der Philosophie war die Ethnologie mein Rettungsanker."

Philosophie im Feld

Nachdem er an verschiedenen Gymnasien unterrichtet hatte, wurde er 1935 an die Universität von São Paulo nach Brasilien entsandt. Dort machte sich Lévi-Strauss das erste Mal auf ins Feld: Mato Grosso und Amazonien. Aus einem ausgebildeten Philosophen wurde ein Ethnologe. Einer, der die Philosophie freilich nie ganz hinter sich gelassen hat.

Als "Astronom menschlicher Konstellationen" bezeichnete er sich gern. Tatsächlich liest sich sein Werk in der Gesamtschau als Suche nach den Koordinaten menschlicher Existenz. Er wollte, inspiriert von seinem philosophischen Vorbild Rousseau, den Übergang von der Natur zur Kultur verstehen und legte alles darauf an, eine Art Matrix der menschlichen Existenz herauszuarbeiten, eine Struktur, die allen Gesellschaften gemein ist: "ein Netz grundlegender und gemeinsamer Zwänge, anders gesagt, eine ursprüngliche Logik".

Verhältnisse und Gegensätze

Entscheidend für die Wende hin zur strukturalen Anthropologie war die Entwicklung der Sprachwissenschaft, vor allem der Prager Schule um Roman Jakobson, den er im New Yorker Exil kennengelernt hatte. Jakobson begriff die einzelnen Elemente der Sprache nicht mehr als unabhängige Entitäten, sondern zeigte auf, dass sie ihren Wert einzig und allein aufgrund ihrer Position im System erlangten: aufgrund von Verhältnissen und Gegensätzen. Diese Einsicht war es, die Lévi-Strauss auf die Anthropologie übertrug.

1949 erschien sein maßgebliches Werk über "Die elementaren Strukturen der Verwandtschaftsbeziehungen": "Wie die Phoneme", so heißt es an zentraler Stelle "sind auch die Verwandtschaftsbeziehungen Bedeutungselemente." Erstmals gelingt es ihm aufzuzeigen, dass sich hinter der scheinbaren Kontingenz der Phänomene eine kleine Zahl genauer Regeln verbirgt, die ein kompliziertes System absurd scheinender Traditionen steuern.

Diese Analyse setzte er mit den "Mythologica" fort. In seinen Augen sogar auf "noch entscheidendere Weise", weil die Mythen anders als die Heiratsregeln keine auf den ersten Blick einleuchtende praktische Funktion haben. Ganze 20 Jahre arbeitete er an einem "Inventar der mentalen Innenräume". Vier Bände mit längst legendären Titeln sind das Ergebnis: "Das Rohe und das Gekochte" (1964), "Vom Honig zur Asche" (1967), "Der Ursprung der Tischsitten" (1968), "Der nackte Mensch" (1971).

Hommage an Richard Wagner

Den Leser aber forderte er ausdrücklich auf, er möge dieses Werk lesen wie man gewöhnlich ein musikalisches hört. Denn es war gedacht als Hommage an Richard Wagner und in der Tiefenstruktur, aber auch in der Reihenfolge angelegt wie eine Partitur: Ouvertüre, Thema und Variation. Er wollte damit eine logische Korrelation zwischen der Sprache der Mythen und derjenigen der Musik aufzeigen. Zugleich illustrieren die mythischen Organisationsformen das, was er das objektivierte Denken nennt. Den Gegensatz zwischen einem primitiven, magischen und dem wissenschaftlichen Denken hatte er bereits mit seinem Buch "Das wilde Denken" (1962) aufzulösen versucht, das er selbst, obwohl er damit einen weiteren theoretischen Schritt vollzog, als eine Art Verschnaufpause zwischen den zwei großen Brocken bezeichnete, der Analyse der Verwandtschaftsbeziehungen und den "Mythologica".

Immer wieder hat man Lévi-Strauss mangelndes Interesse an der eigentlichen Feldforschung und Theorielastigkeit vorgeworfen. Während der entscheidenden Jahre im New Yorker Exil war aber an finanzielle Mittel für große Expeditionen schlicht nicht zu denken. Ab 1941, nachdem es ihm gelungen war, in die USA zu flüchten, studierte er täglich mehrere Stunden das ethnologische Material der New Yorker Public Library, in der er auf wahre Schätze stieß: eine reiche Sammlung ethnographischer Schilderungen, die bis dahin nie vergleichend ausgewertet worden war und Grundstein seines theoretischen Werkes wurde.

Nach der Befreiung Frankreichs geht Lévi-Strauss für kurze Zeit zurück, erhält aber bald darauf den Posten des Kulturattachés an der französischen Botschaft in New York. Erst 1948 kehrt er endgültig nach Paris zurück, wo er erst als stellvertretender Direktor des Musée de l´Homme am Pariser Trocadéro engagiert wird und zwei Jahre später einen Lehrstuhl für vergleichende Religionswissenschaft an der Ecole Pratique des Hautes Etudes erhält. Tatsächlich stößt sein Denken in den traditionellen französischen Institutionen auf hartnäckigen Widerstand, so dass Lévi-Strauss jahrelang eine wissenschaftliche Randexistenz führt.

Vorwurf des Antihumanismus

Doch nach einem ersten, missglückten Versuch erhält 1959 einen Lehrstuhl am renommierten Collège de France. 1973 wird er sogar an die Académie Française berufen. Claude Lévi-Strauss, der mit seiner objektiven Lupe des Strukturalisten die Rituale der unterschiedlichen Gesellschaften analysiert hat, nimmt damit seinen Platz in der sicher ehrenvollsten, aber auch ritualisiertesten aller Institutionen des französischen Geisteslebens ein.

Doch mehr noch als der Vorwurf der Theorielastigkeit hat jener des menschenfeindlichen Strukturalismus, ja Antihumanismus auf seinem Werk gelastet. Dabei verwahrte er sich stets dagegen, gemeinsam mit Lacan, Foucault und Althusser in einem Atemzug genannt zu werden. Allen war lediglich gemein, dass man ihnen mehr oder weniger diffus die Dekonstruktion der Geschichte und den Tod des Subjektes anlastete. Aufgrund der strukturalen Gemeinsamkeiten, die er in den unterschiedlichsten Zivilisationen ausmachte, begriff Lévi-Strauss das Subjekt schlicht als "Ort eines anonymen Denkens". Etwas spöttisch bezeichnete er es sogar als "verwöhntes Kind der Philosophie", das viel zu lange die Bühne des Denkens besetzt gehalten und jede ernste Arbeit verhindert habe. "Ein Kantianer ohne transzendentales Subjekt" hat ihn daher einmal Paul Ricoeur genannt.

Tatsächlich war er ein Ethiker, aber einer der von der wesentlichen Trägheit der Struktur überzeugt war und den Glauben an die Geschichte als zielgerichteten Prozess als einen Mythos zu entlarven versuchte. Im letzten Kapitel seines Buches "Das wilde Denken" hatte er bereits mit dem Idealismus Sartres abgerechnet, obwohl er bis zum Schluss versicherte, jeden soziologischen und ethnographischen Gedanken gerne anhand von einigen Seiten Marx gegengelesen zu haben.

Als eifriger Leser Freuds und Marx´ behielt er von beiden Denkern vor allem eine Lektion in Erinnerung: Dass das Bewusstsein sich oft selbst belügt. Marxismus, Psychoanalyse und Geologie, die ihn alle drei faszinierten, stellte er allesamt auf eine Ebene: "Alle drei zeigen, dass Verstehen vor allem bedeutet, einen Typus der Realität auf einen anderen zu reduzieren; dass die wahre Realität niemals die ist, die sich am deutlichsten manifestiert; und dass das Wesen des Wahren schon in der Art und Weise durchscheint, wie es sich zu entziehen bemüht."

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