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Zum 500. Geburtstag Calvins Eifern um Gottes Ehre

Seine Intoleranz und Härte befremdete schon Zeitgenossen: Calvins 500. Geburtstag aber wird von der Evangelischen Kirche mit Aufwand gefeiert.

10.01.2009 00:01
GERD LÜDEMANN
John Calvin
Nicht immer beließ Calvin es bei strengen Worten - der Humanist Sebastian Castellio sah Anlass, ihm zuzurufen: "Einen Menschen töten heißt nicht, eine Lehre verteidigen, sondern einen Menschen töten." Foto: Getty

Die Evangelische Kirche in Deutschland begeht dieses Jahr aufwändig den 500. Geburtstag von Johannes Calvin (1509-1564), dem bedeutendsten Reformator neben Martin Luther. Dank Calvins Wirksamkeit dehnte sich die Reformation über Deutschland auf weite Teile Europas aus und behauptete sich danach gegenüber der wieder erstarkenden römischen Kirche.

Calvin gehörte zur zweiten Generation der Reformation. Humanist, promovierter Jurist und klassischer Philologe zugleich, publizierte er 1532 einen Kommentar zu Senecas Schrift "Über die Sanftmut". Etwas später schloss er sich der reformatorischen Bewegung in Frankreich an und war innerhalb kurzer Zeit in der Öffentlichkeit als Protestant bekannt. 1536 erschien die erste Auflage des katechismusartigen Werkes "Unterricht in der christlichen Religion", das er als Verteidigung der in Frankreich verfolgten französischen Protestanten und als Summe der Frömmigkeit - nicht etwa der Theologie - verstand.

In den rasch folgenden Editionen wurde daraus eine grundlegende, eng an der Bibel ausgerichtete Dogmatik. Calvin verfasste außerdem Kommentare über fast alle Texte der Heiligen Schrift, die - klar und knapp gehalten - streng nach der Absicht der jeweiligen Autoren fragten. Besonders das Studium seiner Erläuterungen zum Neuen Testament lohnt sich auch heute noch.

Die Berufung Calvins in ein praktisches Amt ließ nicht lange auf sich warten. Als er auf einer Reise im August 1536 in Genf Station machte, überredete der Pfarrer Guillaume Farel ihn, zu bleiben und der Reformation in dieser Stadt zum Durchbruch zu verhelfen. Tatsächlich blieb Calvin dann bis zum Ende seines Lebens in Genf, abzüglich einer von 1538 bis 1541 dauernden Verbannung, die er aber nur als vorübergehenden Stillstand seines amtlichen Dienstes ansah. Er wollte hier auf der Basis der Gebote der Heiligen Schrift rigoros Sitten- und Lehrzucht einführen, um Gottes Ehre zu wahren. Die Sittenzucht bekämpfte etwa Kleiderluxus, Tanz und allgemeine Streitereien; die Lehrzucht wachte darüber, dass der in den Bekenntnissen überlieferte Glaube strikt eingehalten wurde.

Anders als Luther sah Calvin das Halten der biblischen Gebote nicht bloß als selbstverständliche Folge des Glaubens an; für ihn lag auf dem Tun vielmehr ein eigenes Gewicht. Die Menschen sollten Gottes Willen erfüllen, um auf diese Weise die "Ehre" Gottes zu vermehren. Nicht für sich selbst geboren, sondern für Gott, den unantastbaren Souverän und Herrscher, schuldeten sie ihm unbedingten Gehorsam.

Angesichts der herben Strenge seines Gottesbildes überrascht es nicht, dass Calvin ausdrücklich die Lehre von der praedestinatio gemina, der "doppelten Vorherbestimmung", vertritt. Diese nennt er "Gottes ewige Anordnung, vermöge deren er bei sich beschloss, was nach seinem Willen mit jedem einzelnen Menschen werden sollte. Denn die Menschen werden nicht alle mit der gleicher Bestimmung erschaffen, sondern den einen wird das ewige Leben, den anderen die ewige Verdammnis vorher zugeordnet". Schon zu seinen Lebzeiten wiesen Zeitgenossen Calvin darauf hin, dass diese Lehre Gott faktisch zum Urheber der Sünde macht und seiner Barmherzigkeit und Allmacht widerspricht.

Doch all das prallte an Calvin ab. Beirren ließ er sich auch nicht in seiner feindlichen Haltung zu Christen, deren theologische Lehren von seinen eigenen abwichen. Vielmehr verfolgte er diese Christen gnadenlos und unnachgiebig als Ketzer. Ein bekanntes Beispiel dafür ist Michael Servet, geboren 1511, in einer Person Jurist, Theologe und gefeierter Mediziner (er hatte den kleinen Blutkreislauf entdeckt). Als er sich auf der Durchreise in Genf aufhielt, zeigte Calvin ihn sofort an. Servet wurde der Prozess gemacht, und am 27. Oktober 1553 starb er qualvoll auf dem Scheiterhaufen. Begründung: Er lehne die Kindertaufe ab und lästere die Dreieinigkeit, indem er Gott lediglich als Schöpfer verstehe, Sohn und Geist dagegen nur als göttliche Wirkweisen.

Man hat zur Verteidigung Calvins gesagt, dass der Fall Servet im Rahmen damaliger Verhältnisse zu sehen und sein Verlauf durchaus gesetzeskonform gewesen sei. Das ist insoweit richtig, als auch in den Augen des für den Prozess gegen Servet zuständigen Rats der Stadt Genf eine Leugnung der Trinität Gottes ein Angriff auf das politische Gemeinwesen und mit dem Tod zu bestrafen war. Trotzdem belastet die Exekution Servets den Genfer Reformator schwer.

Erstens: Calvin und Servet kannten sich schon seit mehr als 20 Jahren persönlich und hatten einen ausführlichen Briefwechsel über theologische Fragen geführt. Aus diesem Briefwechsel leitete Calvin, um auf ein Todesurteil hinzuwirken, einige Monate vor dem Prozess in Genf inkriminierendes Material an den Generalinquisitor in Lyon weiter - und damit ausgerechnet an den Mann, von dessen Schergen zahlreiche Protestanten wegen Ketzerei verbrannt wurden. Servet hatte sich dem Todesurteil durch Flucht entziehen können. Zweitens: Bereits lange vor dem Prozess hatte Calvin seinem Kollegen Farel mitgeteilt, dass Servet, einmal in Genf, die Stadt nicht lebendig verlassen werde. Und dessen bevorstehende Exekution kommentierte er mit den Worten, dass es seine Pflicht sei, "diesen mehr als hartnäckigen und unbezähmbaren Menschen unschädlich zu machen, damit die Ansteckung nicht weiter um sich greife". Denn die Gottlosigkeit der Obrigkeit vereitle es überall, "die Ehre des Namens Gottes zu rächen".

Der historische Kontext der Hinrichtung Servets zeigt eindeutig: Calvin wünschte sich Servet tot; er hielt jegliches Mittel für recht, um diesen theologischen Gegner auszumerzen. Die Frage stellt sich unwillkürlich, warum man den 500. Geburtstag solch eines arglistigen Zeloten überhaupt feiert.

Bereits ein Zeitgenosse von Calvin, der hochgelehrte Philologe und Pädagoge Sebastian Castellio (1515-1563), unterzog dessen Vorgehen einer grundsätzlichen Kritik. Er plädierte umfassend für Toleranz in Fragen der Religion, denn "die Wahrheit zu suchen und zu sagen, wie man sie denkt, kann niemals verbrecherisch sein". Außerdem gelte aus humanistischer Sicht: "Einen Menschen töten heißt nicht, eine Lehre verteidigen, sondern einen Menschen töten."

Calvin hat auf diese Kritik in rasender Wut geantwortet und die Hinrichtung Servets bis zu seinem Lebensende verteidigt. Er sah in Servet, Castellio und anderen freisinnigen Menschen den Geist einer neuen, sich vom intoleranten Gott der Bibel emanzipierenden Epoche heraufziehen. Noch lange haben er und seine Nachfolger alles dafür getan, diesen Geist zu unterdrücken und zu bekämpfen. Dass sich gegen Gottes Ehre, Bibel und Bekenntnis am Ende doch Toleranz, Glaubensfreiheit und Menschenwürde als verbindliche Werte durchsetzten, haben die reformatorischen Eiferer indes nicht verhindern können.

Gerd Lüdemann ist Professor für Geschichte und Literatur des frühen Christentums an der Theologischen Fakultät der Universität Göttingen. Zuletzt veröffentlichte er das Buch "Der erfundene Jesus" (zu Klampen, 2008).

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