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Zentrum für politische Schönheit Fraglos Theater: „Flüchtlinge fressen“

Die Tiger-Aktion „Flüchtlinge fressen“ des Zentrums für Politische Schönheit geht in die nächste Runde: Eine Syrerin ist bereit, den Tigerkäfig zu betreten.

"Zentrum für politische Schönheit": Ein Tiger-Käfig vor dem Gorki-Theater in Berlin. Foto: dpa

Der zuständige Bezirksstadtrat ist Presseberichten zufolge nicht gegen die Tiger-Käfige neben dem Berliner Gorki-Theater. Er wird aber wegen des Transparents mit der Zeile „Flüchtlinge fressen“gegen die Veranstaltung vorgehen. Der Grund? An dem Wort Flüchtlinge sei zu erkennen, dass es sich nicht um Theater, nicht um Kunst, sondern um eine politische Demonstration handele. Die Veranstaltung sei aber als Theaterevent und nicht als politische Versammlung genehmigt worden.

Manchmal hilft, sich eine Sache anzusehen, bevor man ein Urteil über sie fällt. Am gestrigen Montag hatte das Zentrum für Politische Schönheit zu einer Pressekonferenz eingeladen, bei der die erste Person vorgestellt werden sollte – sieben sollen sich bereits gefunden haben –, die bereit wäre, sich von den Tigern zerfetzen zu lassen. Wenn der Bundestag nicht § 63, Abs. 3 Aufenthaltsgesetz abschafft. Der zwingt nämlich Beförderungsbetriebe – Luft- und Schiffahrtslinien –, nur Menschen zu transportieren, die gültige Reise- und gegebenenfalls Aufenthaltspapiere (Visa) haben. Der Flüchtling, der diese Papiere nicht hat, ist Schleusern ausgeliefert.

Die Toten im Mittelmeer sind Mordopfer. Der Mörder ist eine EU-Richtlinie aus dem Jahre 2001. Das Zentrum für Politische Schönheit will uns klarmachen, dass dieses Gesetz Menschen tötet. Wenn der Bundestag den Flüchtlingen nicht ermöglicht, über die Schlepperbanden hinweg, von Izmir nach Tegel zu fliegen, dann werden sich Freiwillige den Tigern stellen. Der Überlebenskampf der Flüchtlinge wird auf diese Weise aus dem fernen Mittelmeer von den Bildschirmen ins Zentrum Berlins verlagert. Wir sollen gezwungen werden, hinzuschauen.

Das sei zynisch, heißt es. Zunächst einmal zeigt es den real herrschenden Zynismus. Die Politik setzt – wie auch die unter uns, die die Mahnung des Finanzamts erst einmal in die Schublade zu den anderen Mahnungen legen – auf das Prinzip: Aus den Augen, aus dem Sinn. Gegen dieses Prinzip macht das Zentrum für Politische Schönheit Theater. Es macht ein Theater, das immer auch Politik ist, ein Theater also, das Inhumanität beseitigen und Humanität fördern möchte. Es macht das mit drastischen Mitteln. Es weiß, dass der Erkenntnis, damit sie uns wirklich erfasst, der Schock vorangehen muss darüber, dass wir die Wirklichkeit nicht erkannt, nicht gesehen, systematisch ausgeschlossen hatten.

Theodor W. Adorno erzählte, wie er einmal in Los Angeles bei einem Empfang vor Charlie Chaplin stand und wie der ihn und seine Art, den Gastgeber zu begrüßen, imitierte. In diesem Moment erkannte Adorno sich und erschrak. Diesen Effekt möchte das Zentrum für Politische Schönheit bei uns erzielen.

Moralische Evolution ist auf das Entsetzen vor der eigenen Schlechtigkeit angewiesen. Aber dazu darf der Spiegel nur ein Spiegel sein. Er darf nur abbilden, was wir tun, er darf es nicht auch machen. Er zeigt uns sonst nicht, was wir tun, sondern er zeigt uns, dass alle es machen. Da stellt sich nicht Entsetzen, sondern Vertrautheit ein.

Wer befürchtete, das Zentrum für Politische Schönheit hätte diese Differenz nicht verstanden, wäre mit seinen Aktionen bereit, Menschen den Tigern zum Fressen vorzulegen, der wurde am Montag eines Besseren belehrt. Die syrische Schauspielerin May Skaf, ehemals ein Fernsehstar ihres Landes, ein Symbol des Widerstandes, erklärte in einem hochdramatischen Vortrag, sie sehe, wenn nicht wenigstens ein Signal käme, das auf eine Abschaffung von § 63 Abs. 3 hinweise, keinen Ausweg mehr als den demonstrativen Gang in den Tigerkäfig. Es war ein sorgfältig ausformulierter Text, unter kunstvollstem Schluchzen vorgetragen, ein Stück alter arabischer Schauspielkunst. „Flüchtlinge fressen“ ist Theater. Wir können aufatmen. Wenn jetzt noch der §63 Abs. 3 gekippt wird, gehen wir alle feiern.

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