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Wortkunde "Spießer" Vom Spießbürger zum Neospießer

Die Geschichte des Wortes "Spießer", das früher mal eine ernste Beleidigung war und heute eigentlich nur noch die Erwachsenen wirklich benutzen.

03.01.2013 18:00
Falko Hennig
Aktenordner, ordentlicher Anzug, Handy am Ohr: Für viele Jugendliche der Inbegriff eines erwachsenen Spießers. Foto: dpa

Engstirnige und rückständige Menschen bezeichnet man als Spießer, das Schimpfwort leitet sich vom Spießbürger ab. Der Spieß war im Hoch- und Spätmittelalter eine wirksame und preisgünstige Waffe gegen die adligen Ritterheere. In den Bauern- und Hussitenkriegen konnten Landarbeiter und Bürger gegen die adlige Kavallerie dank der Spießbürger so manche Schlacht gewinnen.

Der Speetbörger als Spott, so ähnlich wie Schildbürger findet sich in Johann Carl Dähnerts „Platt-Deutschem Wörter-Buch“ 1781. In Joachim Heinrich Campes „Wörterbuch der deutschen Sprache“ am Beginn des 19. Jahrhunderts ist der Spießbürger ein schlecht gekleideter Altfranke. Nach Johann Christoph Adelungs „Grammatisch-kritischem Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart“ von 1811 gebraucht man Spießbürger „nur im verächtlichen Verstande von einem jeden geringen Bürger, vielleicht weil man zu den Spießbürgern nur die ärmsten und untauglichsten wählete, dagegen die reichern bessern zu Pferde dieneten.“

Heinrich Heine schrieb vom gutmütigen, schwammbäuchigen Spießbürger „mit Filzhut und Regenschirm“ sowie den „brillantesten Hochthaten jener guten Spießbürger der Tugend, die nur aus Pflichtgefühl handelten und nur den Gesetzen der Moral gehorchten“. Karl Ferdinand Gutzkow erwähnt 1851 „diese aalglatten Heuchler, diese doctrinair gewordenen Spießbürger“. Vielleicht war es die Erinnerung an frühere Niederlagen, die Spießbürger für Adlige im 19. Jahrhundert zu einem Schimpfwort für kleinkarierte Bürger machte.

Seit dem frühen 20. Jahrhundert gibt es für Spießbürger die Kurzform Spießer und das Adjektiv spießig als Kampfbegriffe adliger Kreise gegenüber dem Bürgertum und wurde später von fortschrittlichen und linken Gruppierungen gegen das sogenannte Establishment verwendet.

Ödön von Horváth schreibt „Der ewige Spießer“

In seinem Roman „Der ewige Spießer“ versuchte Ödön von Horváth 1930 den in der Weltwirtschaftskrise nach dem Ersten Weltkrieg modernen Typus des deutschen Spießers darzustellen, diesen „hypochondrischen Egoist, der danach trachtet, sich überall feige anzupassen und jede neue Idee zu verfälschen, indem er sie sich aneignet“.

Für Bodo Mrozek sind der kurze Vorgartenrasen, Plüschtiere im Fenster, Krawatte mit vermeintlich lustigem Motiv, zum Beispiel einer Comicfigur, äußere Anzeichen des Spießers, so wie Gartenzwerg, oder gehäkelte Toilettenpapierhaube mit Bommel im Heckfenster des Automobils. Damit ist er nahe an der Beschreibung des Soziologen Gerhard Schulze von 1992: „Über dem dicken gemusterten Teppichboden liegt ein anders gemusterter Zierteppich, darauf ein Spitzendeckchen, auf dem ein verschnörkeltes Glastischchen steht. Die zwei Etagen des Tischchens sind mit Brokatdeckchen belegt. Darauf silberne Untersetzer, dann eine Schicht Schnapsgläser, geschart um eine Kristallvase.“

Linus Reichlin beschrieb 1997 den Neobünzli, also Neo-Spießer, der auf einem ergonomischen Sofa mit Kissen aus Daunen glücklicher Hühner sitzt. Auf dem Balkon steht eine Cannabispflanze. Adolf Muschg, Jürgen Fliege und Peter Handke verströmen, nach Ansicht des Schweizers, einen starken neubünzligen Geruch.

Mit der Aufforderung „Werden Sie Neo-Spießer“ glaubte Die Tageszeitung neue Abonennten zu gewinnen und bezog sich dabei auf eine Artikelreihe über die Neue Bürgerlichkeit. Wer sich unsicher war, ob er neospießig genug für die taz sei, konnte 2006 den Selbsttest „Sind Sie ein Neospießer?“ absolvieren.

"Nazi" statt "Spießer"

Allerdings wird Spießer bereits seit den 1980er-Jahren ironisch verwendet. Das kostenlose Jugendmagazin SPIESSER aus Dresden gibt es seit 1994. Auch hier wird der Name eher in Frage gestellt, außerdem wollen die Nachwuchs-Journalisten Themen aufspießen, so wie seinerzeit die Spießbürger die Adligen.

Für Jugendliche ist Spießer trotz der journalistischen Schützenhilfe heute eine nur noch selten gebrauchte Bezeichnung für Erwachsene, die übergenau den Regeln folgen. Die nennt die Jugend von heute eher Nazis.

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