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Woody Allen "Das Leben ist unbefriedigend"

Woody Allen schickt in seinem neuen Film einen Mann auf Zeitreisen. Er selbst schätzt die Gegenwart, wie er im FR-Interview erzählt. Außerdem spricht er über die Zusammenarbeit mit Frankreichs First Lady Carla Bruni-Sarkozy - mit Trailer.

15.08.2011 20:42
Woody Allen (l.) bei den Dreharbeiten zu „Midnight in Paris“ mit Owen Wilson und Carla Bruni-Sarkozy. Foto: AFP

Woody Allen schickt in seinem neuen Film einen Mann auf Zeitreisen. Er selbst schätzt die Gegenwart, wie er im FR-Interview erzählt. Außerdem spricht er über die Zusammenarbeit mit Frankreichs First Lady Carla Bruni-Sarkozy - mit Trailer.

Kaum ein anderer lebender Filmemacher ist bekannter als Woody Allen. Mitte der 60er-Jahre begann er als Komiker, Schauspieler und Drehbuchautor; wenig später etablierte er sich auch als Regisseur. Mittlerweile dreht der New Yorker seit über 30 Jahren in schöner Regelmäßigkeit einen Film pro Jahr. Für „Midnight in Paris“ verschlug es den nunmehr 75-Jährigen nach Frankreich. Und das mit großem Erfolg: Die Komödie entwickelte sich in den USA zum größten Erfolg seiner langen Karriere.

„Midnight in Paris“ erzählt von einem Drehbuchautor aus Hollywood, der für das Paris der 1920er-Jahre schwärmt und während eines Trips in die französische Hauptstadt unerwartet Zeitreisen in seine Lieblingsepoche unternimmt. Für „Midnight in Paris“ stand Allen nicht selbst vor der Kamera. Parallel zum deutschen Kinostart erscheint das Doppel-Album „Woody Allen & la Musique“, das 36 Jazz-Klassiker aus 21 Allen-Filmen in historischen Originalaufnahmen vereint.

Mr. Allen, „Midnight in Paris“ ist ein heiterer Film. Werden Sie auf Ihre alten Tage zum Optimisten?
Oh nein, ich bin niemals hoffnungsvoll! Und mein neuer Film ist es übrigens auch nicht, wenn man unter die Oberfläche guckt. Es geht hier um einen Mann, der mit seinem Leben und der Gegenwart unzufrieden ist und glaubt, in einer anderen Epoche wäre er glücklicher gewesen. Doch als er die Chance zur Zeitreise bekommt, muss er feststellen, dass es dort auch nicht besser ist. Das Leben als solches ist also unbefriedigend, und zwar immer und überall. Auf den ersten Blick mag man sich von der romantischen Patina der Geschichte täuschen lassen. Aber darunter lauert die gleiche Schwermut, die ich jedes Jahr von Film zu Film trage.

In Ihrem Film lassen Sie die Dichterin Gertrude Stein aber sagen, es sei die Aufgabe eines Künstlers, nach Hoffnung statt nach Verzweiflung zu suchen...
Das heißt aber nicht, dass ich ihr zustimme! Es war ihre Meinung, dass Künstler sich bemühen sollten, nach etwas zu suchen, das dem Leben einen Sinn gibt. Gründe, es trotz allem Elend genießen zu können. Ich dagegen sehe unsere Aufgabe eher darin, die Menschen abzulenken. Mozart, Hemingway, Picasso – sie alle bieten ihrem Publikum in erster Linie Unterhaltung. Zumindest jenem Publikum, das seine Zerstreuung gern mit einer Portion Intelligenz genießt. Wer das nicht braucht, dem reicht wahrscheinlich der Stumpfsinn des Fernsehens mit seinen Reality Shows.

Das Ziel ist aber in allen Fällen die Flucht aus dem Alltag?
Natürlich, bei „Big Brother“ genauso wie bei einem Film von Ingmar Bergman. Der ist ja in seiner trostlosen Kargheit trotzdem auch unterhaltsam. Die Geschichte ist gut, es macht Spaß, den Film zu gucken, man kann sich darin verlieren. Und vor allem vergisst man für eine Weile, dass die Realität da draußen einfach nur schrecklich ist. Kunst aller Art ist also wie ein kaltes Glas Wasser an einem heißen Tag. Sie erfrischt und macht den Alltag erträglicher, weil man für einen kurzen Moment eine Pause von den fürchterlichen Wahrheiten des Lebens hatte.

Ist nicht aber gerade Bergman mitunter noch deprimierender als das eigene Leben?
Sicherlich zog sich durch sein Werk die Botschaft von der Sinnlosigkeit des Lebens. Aber auch wenn es etwa in „Das siebente Siegel“ um Leben und Tod geht, ist es dennoch spannende Unterhaltung, wunderschön anzusehen und toll gespielt. Wenn man anschließend aus dem Kino kommt, steht man leider wieder mitten in Menschenmengen und Fast-Food-Läden und man muss feststellen, dass doch nicht jede Frau aussieht wie Bibi Andersson. Und die Männer sind auch nicht charismatisch wie Max von Sydow, sondern nur die öden Schlemihle aus deinem Büro.

Sind Künstler wie Sie womöglich noch unglücklicher mit ihrem Leben als andere Menschen?
Nein. In Sachen Unglücklichsein nehmen wir uns alle nichts. Nur stehen Künstler eben manchmal etwas mehr im Rampenlicht, deswegen präsentiert sich ihr Elend in all seiner Heftigkeit vor den Augen der Öffentlichkeit. Der traurige Angestellte in seinem Großraumbüro ist im Stillen verzweifelt, während Hemingway sich in seinen Büchern und in der Presse austoben konnte. Aber schlecht dran sind beide, genauso wie wir alle. Daran ändert es auch nichts, ob wir arm sind oder reich, ob aus Frankreich oder Amerika.

Genau deswegen wird also auch Ihr Filmheld in einer anderen Epoche nicht glücklicher.
Genau! Natürlich ist das Frankreich der Belle Époque wunderschön, mit Champagner, romantischen Pferdekutschen und bezaubernden Kleidern. Aber wehe, Sie hatten damals Tuberkulose, denn die war nicht heilbar! Und der Zahnarzt setzte die Zange an ohne Betäubungsmittel. Ich würde also sagen, dass heute Vieles besser ist als damals. Man lässt sich davon nur manchmal täuschen, weil das Leben heute nicht mehr so hübsch aussieht.

Sie selbst sehnen sich also nicht in eine andere Zeit?
Bloß nicht. Ich würde immer im Hier und Jetzt leben wollen. Aber ich hätte nichts gegen kurze Abstecher in die Vergangenheit. Für ein nettes Mittagessen in die französische Belle Époque – das würde mir gefallen. Den anschließenden Zahnarzttermin möchte ich dann aber unbedingt wieder im 21. Jahrhundert hinter mich bringen.

Wie sehen Sie die Zukunft?
Derzeit sieht sie nicht besonders gut aus. Der Zustand der Welt ist katastrophal, das macht nicht gerade Mut. Klimaerwärmung, Überbevölkerung, Massenvernichtungswaffen – da sehe ich keinen Grund zum Optimismus. Der Schriftsteller William Faulkner hat mal gesagt, die Menschheit würde auf Dauer nicht bloß fortdauern, sondern obsiegen. Da bin ich mir allerdings nicht mehr so sicher! Ich weiß nicht einmal, ob überhaupt der Fortbestand noch gesichert ist. Es würde mich nicht wundern, wenn die Erde in ein paar hundert Jahren nur noch von Ameisen bevölkert wird.

Wenn Sie selbst gar nicht davon träumen, wie kamen Sie dann auf die Geschichte eines Mannes, der nachts in ein Auto ein- und in einer anderen Zeit wieder aussteigt?
Ich dachte darüber nach, was um Mitternacht in Paris passieren könnte, denn ich hatte mich für den Filmtitel entschieden, ohne eine Geschichte zu haben. Mir kam dann in den Sinn, wie der Protagonist in ein fremdes Auto steigt, auf einer Party landet und eine Affäre mit einer Französin beginnt. Weil das noch nicht besonders originell war, hatte ich die Idee, die Party könnte in den 1920ern stattfinden.

Warum überhaupt Paris?
Als ich ein junger Komiker auf Nachtclubbühnen war, sollte ich ein Drehbuch schreiben, das in Paris spielte. Es wurde eine fürchterliche Erfahrung. Ich hasste den Film – „Was gibt’s Neues, Pussy?“ – und all die Änderungen, die an meinem Skript vorgenommen wurden. Damals entschied ich, nie wieder jemand anderen meine Drehbücher inszenieren zu lassen. Aber so entsetzlich das alles war, Paris gefiel mir unglaublich gut. Vorher kannte ich die Stadt nur aus Filmen, wo sie der romantischste Ort der Welt war. In der Realität war sie auch ganz okay, ich war jedenfalls nicht enttäuscht. Für meinen neuen Film war ich acht Monate in Paris und hätte bleiben können. Doch ich war ein Feigling und ging zurück nach New York, wo ich meinen Psychiater und meine Stamm-Drogerie hatte.

Umso erstaunlicher, dass es so lange gedauert hat, bis Sie selbst dort einen Film inszenierten.
Die Stadt ist teuer. Und ich habe selten besonders viel Geld für meine Filme. Eigentlich wollte ich „Midnight in Paris“ schon vor fünf Jahren drehen, doch irgendwann explodierten die Kosten; ich musste in der Finanzierungsphase abbrechen. Beim zweiten Versuch bekam ich Steuervergünstigungen; alles klappte. Ich musste nur die Hauptrolle etwas umschreiben. Denn damals sollte der Held ein New Yorker Intellektueller wie ich sein, kein texanischer Sunnyboy mit Wohnsitz in Kalifornien.

Sie konnten mit Carla Bruni-Sarkozy die First Lady Frankreichs für eine Rolle engagieren.
Ach, die Arme! Die Presse war skrupellos. Selten habe ich so viele ausgedachte Geschichten gelesen. Sogar Fotos wurden gefälscht. Deswegen noch mal fürs Protokoll: Sie hatte kein Problem mit ihren Szenen; ich musste ihretwegen nichts besonders oft wiederholen. Ich habe keinen ihrer Auftritte herausgeschnitten und sie nicht durch eine andere Schauspielerin ersetzt. Ihr Ehemann hat auch nichts dagegen gehabt, dass sie mitspielte. Und überhaupt war Carla ganz reizend, es war eine Freude, mit ihr zu arbeiten.

Wie kam es zur Zusammenarbeit?
Sarkozy hatte mich und meine Frau mal zum Frühstück in den Élysée-Palast eingeladen, als ich in Paris war. Als sie den Raum betrat, erschien sie mir mit ihrer Größe und Schönheit irgendwie filmreif. Ich wusste, dass sie als Model und Sängerin Erfahrung hatte mit Kameras, also habe ich sie gefragt!

Ihr nächster Film spielt in Rom. Würde Sie auch Berlin reizen?
Sicher. Wenn jemand aus Berlin meine Arbeit finanzieren würde, käme ich sofort. Die Stadt ist toll. Es ist nicht so, dass ich für Geld überall hin gehen würde. Aber Berlin gehört zu den wunderbaren Metropolen dieser Welt.

Das Gespräch führte Patrick Heidmann.

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