Lade Inhalte...

Wolfram Schütte zum 75. Unerfüllte Sehnsucht

Er hat die FR-Leser mit seinen Texten in Gedankenwelten mitgenommen, er hat sie entführt, und er hat diese Welten immerzu weit ausgemessen. Zum 75. Geburtstag des ehemaligen Literatur- und Filmkritikers Wolfram Schütte.

Wolfram Schütte im Oktober 2013, bei der Verleihung des Merck-Preises für literarische Kritik in Darmstadt. Foto: Andre Hirtz

Soeben erst, während Redaktionen sich am Scoop orientieren, hat er einen Stich gemacht. Anstelle des Scoops, der als Schlagzeile zur Breite tendiert (um in der Fläche auszufransen), lotet sein Nadelstich tief: „Hannelore Schlaffers 11 phänomenologische & sozialphilosophische Überlegungen zur City, ihrer Erscheinung, Utopie & Funktion steckt voller erhellender Erkenntnisse, detaillierter Beobachtungen & amüsanter Spekulationen.“

Indem Wolfram Schütte über Hannelore Schlaffer schrieb, kamen Rezensierte & Rezensent zusammen, auch zwei Feuilleton-Größen einer zurückliegenden FR-Epoche. Ferner fanden Beschreibung und Selbstbeschreibung zusammen, denn ginge in dem Satz sonst die Utopie der Funktion voran.

Wäre beides sonst ausgesetzt der Verschränkung von Phänomenologie und Sozialphilosophie? So kennen wir WoS. So hat heute das Online-Portal Culturmag einen Leuchtturm.

Es ist Wolfram Schüttes zweite intellektuelle Heimat geworden, nachdem er die FR 1999 verließ. Seit Ende der 60er Jahre bis 1999 hat WoS als Literatur- und Filmkritiker das FR-Feuilleton geprägt, dessen Grenzen überschreitend. Seine Freistätte in der FR war stets die Kritische Theorie, Fluchtpunkt seines gesellschaftlichen Pessimismus ist sie auch heute, in seinem Online-Magazin ist der Gedanke, dass es kein richtiges Leben im falschen gebe, Asyl geblieben. Aber auch Leuchtturm, an dem sich, wer liest, orientiert.

Denn Denken bedeutet Distanz zum Dahinleben; und Distanz Kurs halten. Der Stellenwert der Einstellung ist ihm immer wichtiger gewesen als die Bedeutung der Pointe – so sehr auch Sprache, wie er Anfang des Jahres zum 100. Geburtstag von Arno Schmidt schrieb, das Ein und Alles sei.

Ganz bestimmt nicht von ungefähr unter der Überschrift „Der Einzige & sein Eigentum: Sprache“ gibt es die wunderbare Formulierung von „seinem (Schmidts) innigsten Selbstbewusstsein“ über die Tugend des Fleißes, notiert noch am Vortag seines Gehirnschlags.

Fleiß als erste Forderung

Fleiß war die erste Forderung, die Wolfram Schütte an die FR-Arbeit stellte, an sich ebenso wie an uns, und Faulenzerei gab es schon deswegen nicht, weil sie sich an intellektuelle Gedankenarmut und gesellschaftspolitische Gleichgültigkeit verausgabt hätte.

Feuilleton war die zweite Forderung, denn es geht nicht nur darum, was man zu den Gegenständen zu sagen hat, sondern darum, wie man es ausdrückt.

Feuilleton ist etwas anderes als ein Kulturteil – Feuilleton ist eine Kulturtechnik: wie man denkt, wie man schreibt, und den Gestaltungswillen phänomenologisch und sozialphilosophisch zu stützen, ist nicht falsch. Deshalb ist WoS auch der Stellenwert der Worte auf unendliche Weise wichtig. Wo sich allerdings Wörterwelten nur schillernd bilden, macht er nicht mit.

Er hat den FR-Leser mit seinen Texten, mit seinen Rezensionen und Essays, den Film- und Literaturkritiken in Gedankenwelten mitgenommen, er hat sie entführt, und er hat diese Welten immerzu weit ausgemessen.

Zwangsläufig scheint in dem traurigen Auswandererdrama, das Edgar Reitz vor einem Jahr mit „Die andere Heimat“ abschloss, in seinen Augen noch einmal der tragödienbewusste Realismus des Nachkriegsfilms auf, ein Humanismus, der in der „menschenfreundlichen Fähigkeit“ des Edgar Reitz gründet, in Momenten magischer Entrücktheit unter bedrückenden Verhältnissen aufblitzend.

Immer ist es heikel, als Journalist über einen Journalisten zu sprechen, als Kollege über einen ehemaligen Kollegen, knifflig ist es für beide. Alle sind wir verrannt, alle in unsere Wortwelten, in unsere Gedankenwelten, die wir zu unserer Öffentlichkeit machen. Jedenfalls bemühen wir uns, und wie oft lässt sich dabei zusehen, wie wir, rennend, durch diesen Raum stolpern, einen öffentlichen Raum.

Als er 1999 die FR verließ, geschah das zum 28. August, an Goethes 250. Geburtstag. Zuvor hat er im redaktionellen Alleingang noch eine Goethebeilage gemacht, 38 Seiten, im alten Format.

Als er aus dem Rundschauhaus ging, stand noch das alte Rundschaugebäude, mitten in der Stadt, mit seiner sog. „runden Ecke“ (das haben wir, nicht nur weil wir aus dem Haus schauten, stets symbolisch genommen). Seit dem Tag hat er in seinem Onlinemagazin ein nicht mehr zu überschauendes öffentliches Räsonnement akkumuliert. Doch kein Engagement ohne Empathie, das ist das dritte, nicht nachgeordnet.

Eine seine Kolumnen, die er über Jahre in loser Folge in der Frankfurter Rundschau veröffentlichte, die er heute noch gelegentlich aufleben lässt, lautet „Petit riens“. Sie zeigen ihn auf den Spuren der Kleinigkeiten, den allerdings nur vermeintlichen Nebensächlichkeiten.

Vita activa – das ist für ihn die Fährtenlese auf anscheinend unscheinbaren Pfaden. Doch die daumennagelgroße Sensation ist deswegen eine, weil sie mikroskopisch seziert wird. Die Mikrowelt der Makrowelt der Mikrowelt – darum geht es, mit all ihren verwirrenden Paradoxien.

Kein Wunder, dass er diese vorfand in Macando, der fiktiven, von Gabriel García Márquez magisch beschworenen Wimmelwelt in dem Roman „Hundert Jahre Einsamkeit“, der für ihn vielleicht stupendesten Imagination der Fülle aus der Mitte des Lebens, wie er vor wenigen Monaten in seinem FR-Nachruf deutlich machte, seinem einzigen Text in 15 Jahren, eine Ausnahme, die wir verabreden konnten.

Viel hat seine Fährtenleserei auch, bei aller Kompromisslosigkeit, mit Großzügigkeit zu tun, die ihm sein Humor zuträgt, der ja keine kalte Technik ist, nicht flotte Pointenfertigkeit, aber woher denn! Vielmehr ist ja Humor eine höchst prekäre Haltung dem Leben gegenüber, nachdenkliche Schlagfertigkeit. Heimsuchung durch eine Herzensbildung.

Als es im vergangenen Jahr um „Die andere Heimat“ ging, wandte sich seine Geistesgegenwart so an die Leser: „Aber ,Die andere Heimat‘, diese unendlich in Abschieden (wie dem ,Ewig…Ewig‘ von Gustav Mahlers ,Lied von der Erde‘) ausschwingende Vergegenwärtigung einer unerfüllten Sehnsucht nach jener ,Heimat‘, die Ernst Bloch im ,Prinzip Hoffnung‘ am Ende der menschlichen Geschichte lokalisierte, ist dagegen ein außerordentliches Werk der großen kompositorischen Fülle, des empfindungsstarken, formulierungsreifen künstlerischen Reichtums – als wäre es geradewegs aus der Mitte eines Lebens gegriffen worden.“

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum