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Wolfgang Kubin Klinsmann & Konfuzius

Der Sinologe Wolfgang Kubin spricht über chinesische Philosophie, den Unterschied von Training und Übung und die Ehrfurcht vor sich selbst.

Bildnummer: 55872071 Datum: 01.01.2011 Copyright: imago/United Archives Art Chinese Graphic silk painting. Confuscius as teacher Colour 35mm Transparency kbdig 2011 quadrat Confucius Bildnummer 55872071 Date 01 01 2011 Copyright Imago United Archives Art Chinese Graphic Silk Painting As Teacher Colour 35mm Transparency Kbdig 2011 Square Confucius Foto: imago stock&people

Herr Kubin, ich lernte Sie kennen als einen lyrikbesessenen Sinologen. Von dem Philosophen und Theologen Wolfgang Kubin hatte ich keine Ahnung.
Das konnten Sie auch nicht. Ich hatte diese Seite im Zuge der 68er-Bewegung verdrängt. Ich galt als elitär. Ich bin elitär. Ich bin ganz bewusst elitär. Ich mag keinen Straßenfußball. Ich mag Champions League. Ich komme nicht von der Literatur, ich komme von der Philosophie her. Am Gymnasium war meine dritte Sprache Altgriechisch. Ich wollte die philosophischen Begriffe verstehen. Mit 16 hatte ich dann eine – verzeihen Sie bitte den Ausdruck – Erleuchtung, sodass ich mich für ein Studium der evangelischen Theologie entschied. Ich wollte Pastor werden. Mit der modernen Theologie kam ich aber nicht zurecht, und so begann ich, Germanistik zu studieren. Aber in Wahrheit bin ich immer ein Philosoph, genauer: ein Möchtegern-Philosoph, geblieben. Erst im Geheimen. Nach 1989, als wir über alles noch einmal gründlich nachdenken mussten, auch öffentlich.

Wie kamen Sie zur Sinologie?
Ab 1967 lernte ich neben Holländisch, Spanisch und anderen Sprachen auch klassisches Chinesisch. Um das richtig lernen zu können, ging ich nach Japan. Das China der Kulturrevolution war damals kein idealer Ort, an dem man klassisches Chinesisch hätte lernen können. Als ich 1969 nach Deutschland zurückkam, machte ich Sinologie zu meinem Hauptfach. Germanistik, Philosophie und Japanologie waren meine Nebenfächer.

Jetzt bringen Sie „Klassiker des chinesischen Denkens“ heraus. Die großen Texte der chinesischen Philosophie, von Ihnen neu übersetzt.
Die ursprüngliche Idee war, die alte Übersetzung von Richard Wilhelm (1873–1930) ein wenig zu modernisieren. Ich verehre den Theologen und Sinologen Richard Wilhelm sehr, aber inzwischen wissen wir so viel mehr über die Texte, dass ich mich lieber an eine Neuübersetzung gesetzt habe. Zum Beispiel der gerade erschienene Band der „Schul- und Hausgespräche“ des Konfuzius. Nicht zu verwechseln mit den „Gesprächen“. Ich habe die Wilhem’sche Übersetzung des Buches seit vierzig Jahren unter meinen Büchern stehen und nie hineingesehen. Jetzt tat ich es und war sehr überrascht.

Sie entdeckten den religiösen Konfuzius?
Wir haben natürlich ein idealisiertes Bild von Konfuzius. Wir können uns ja nicht auf einen Kaffee mit ihm treffen und ihn nach seiner Meinung fragen. So kommt es dann zu ganz unterschiedlichen Auffassungen über seine Ansichten. Die meisten modernen Sinologen sind Heiden. Die chinesischen Konfuzius-Kenner sind es auch. Sie neigen dazu, die Stellen zu „übersehen“, an denen Konfuzius von Geistern, von Göttern spricht.

Zum Beispiel?
In den „Gesprächen“ heißt es: „Konfuzius brachte seine Opfer dar, als wären die Toten persönlich anwesend. Er opferte den Göttern, als wären auch sie persönlich vor Ort.“ Man muss den ganzen Konfuzius lesen, und da ist immer wieder von Geistern und Göttern die Rede. Meines Erachtens ist gar kein Zweifel daran möglich, dass Konfuzius eine Religion hatte. Entschuldigen Sie bitte, ich muss an das andere Telefon. Wei, ni hao, wei, wei, ni hao, wei…

Was heißt wei?
Hallo. Wei sagen die Männer im vierten Ton. Die Tonhöhe fällt scharf nach unten, und die Silbe wird knapp und kurz mit starkem Affekt ausgesprochen, wie z. B. Geh! Frauen aber sagen wei im zweiten Ton, er steigt also von unten nach oben, wie wenn wir im Deutschen fragen. Der Ton wird auch lauter. Aber noch einmal zurück zu Konfuzius. Es heißt immer, er habe nicht über den Tod, nicht über Geister, nicht über Götter gesprochen. Das ist falsch. Er sprach unentwegt darüber. Ich meine darum, man muss die Gespräche des Konfuzius völlig neu lesen. Aber das ist eine Minderheitenposition. Es gibt immer noch Sinologen, die sich für ihren Atheismus auf Konfuzius berufen. Sie haben die „Gespräche des Konfuzius“ nicht richtig gelesen und ganz sicher nicht richtig verstanden. Ich mache niemandem daraus einen Vorwurf. Die chinesischen Texte sind einfach sehr schwierig!

Warum?
Wir verstehen bestimmte Zeichen nicht. Wir wissen nicht, was bestimmte Worte bedeuten. Es gibt zum Beispiel die berühmte Aussage von Konfuzius, man solle sich von Frauen und Dienern fernhalten. Die wird heute gerne dahingehend interpretiert, die Begriffe hätten zu Konfuzius’ Zeit – wie wir heute sagen würden – „Zicken“ und „faule Diener“ gemeint. Aber wer weiß das schon.

Sie übersetzen außerdem Texte, die Richard Wilhelm noch gar nicht vorlagen. Den Ur-Laotse zum Beispiel.
Lao Zi oder Laotse gab es, das ist meine Meinung, nie. Die uns unter dem Titel „Daodejing“ (Tao Te King) überlieferten Texte, die Brecht so beeindruckten, liegen in unterschiedlichen Fassungen vor. Es gibt über hundert Übersetzungen ins Deutsche. Ich habe darum den Text einer Ausgabe übersetzt, die erst 1993 in Guodian ausgegraben wurde. Der auf 804 Bambustäfelchen überlieferte Text wirkt sprachlich sehr unbeholfen und ist auch gedanklich alles andere als klar. Seinem Erfolg beim deutschen Publikum hat das offenbar nicht im Wege gestanden. Der 2011 erstmals erschienene Text ist jetzt in der zweiten Auflage.

Das „Daodejing“ gehört aber doch ganz sicher zu den großen Werken der chinesischen Philosophie.
In der späteren Ausgabe! Dieser Ur-Laotse ist davon noch weit entfernt. Es ist kein Zufall, dass Martin Heidegger begeistert aus Richard Wilhelms Übersetzung abschrieb und Passagen aus dem Buch – ohne es nachzuweisen – in sein Werk übernahm. Er hat auch im Jahre 1946 Samstag für Samstag bis in den Hochsommer hinein mit Hilfe eines Muttersprachlers versucht, das „Daodejing“ zu übersetzen. Auch aus dem Buch des Zhuang Zi hat Heidegger Passagen übernommen. Der zu Recht immer wieder kritisierte Heidegger ist doch großartig darin, dass er Philosophie als ein Weiterdenken, ein Weiterdenken auch von China her betrachtet.

Gibt es in den chinesischen Texten etwas, das es in der europäischen Tradition nicht gibt?
Nein, davon können wir nicht ausgehen. Aber es werden doch hier und dort sehr unterschiedliche Dinge betont. Nehmen Sie den Begriff der Ehrfurcht. Ein zentraler Begriff der chinesischen Tradition. In Band 5 der Reihe finden Sie „Der Klassiker der Pietät“. Goethe kannte diesen Text und nahm ihn auf in „Wilhelm Meisters Wanderjahre“. Goethes „pädagogische Provinz“ ist eine nach chinesischem Vorbild. Für ihn gehörte zur Ehrfurcht auch die vor sich selbst. Das mag Ihnen merkwürdig vorkommen. Aber denken Sie daran, dass allein in Deutschland jedes Jahr sich zehntausend Menschen das Leben nehmen. Das sind mehr Tote als durch Verkehrsunfälle, Drogen und HIV zusammen!

Gibt es noch einen anderen Begriff der chinesischen Philosophie, der Ihnen für uns heute wichtig erscheint?
„Üben“ spielt in der chinesischen Philosophie von jeher eine große Rolle. Peter Sloterdijk verwendet heute diesen Begriff, weil er – zu Recht – findet, dass wir Menschen nicht einfach sind, sondern unser Mensch-Sein üben müssen. Ohne Übung läuft nichts. Wir kennen Üben nur noch als Training im Fußball. Klinsmann sagte mal: Training ist malochen. Für Konfuzius war Üben etwas ganz anderes. Die Koreaner sprachen vom kleinen Üben. Dazu gehörte das Hoffegen. Wenn ich morgens um fünf Uhr am Schreibtisch sitze und meine Gedichte schreibe, dann sehe ich draußen einen jungen Mann den Hof fegen. Wie ein Buddhist. Er fegt stundenlang. Einfach nur so. Das ist eine Übung, eine innere Übung, ein Finden zu sich selber. Das meinte Konfuzius mit Üben. Beim Fußballtraining dagegen geht es um die Mechanisierung des Körpers.

Was empfehlen Sie dem Anfänger zur Lektüre?
Der gerade erschienene Band mit den „Schul- und Hausgesprächen“ des Konfuzius ist sicher ein besserer Einstieg als der Band mit den „Gesprächen“. In den „Schul- und Hausgesprächen“ ist Konfuzius noch keine Idealgestalt. Er ist ein Mann voller Schwächen. Das ist viel interessanter. Oder aber man beginnt mit „Vom Nichtwissen“ von Zhuang Zi. Es ist die große Geschichte vom Flussgott, der sich der Schönheit der Welt rühmt, die ihm zu eigen sei, und als er ins Meer fließt, entdeckt er, wie klein er ist. Lesen Sie die berühmte Passage im Kapitel siebzehn. Zhuang Zi hat aus der Begegnung von Fluss und Meer – dort oben, wo man nichts mehr erkennen kann bei Ruhaikou in der Provinz Shandong, wo der Gelbe Strom ins Meer mündet – eine Philosophie gemacht. Die Philosophie der Relativität, die Philosophie des Nicht-Wissens. Lesen Sie!

Interview: Arno Widmann

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