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Wissen und Bildung Der Spezialist und die Landkarte

"Meist gibt es irgendwo auf der Welt eine noch bessere Schäferhundtrainerin": Der medizinische Psychologe Ernst Pöppel im FR-Interview über den Willen, das Beste aus sich herauszuholen, über Wissen und Bildung und über die Kreativität, die sich nicht im Internet finden lässt.

Immer kann es einer noch besser. Das heißt nicht, dass man sich auf seinem Gebiet nicht anstrengen soll. Foto: imago stock&people

Herr Pöppel, wenn wir von Bildung sprechen, meinen wir entweder das Bildungssystem oder die Bildung des Einzelnen, seine Möglichkeit sich zu bilden.
Bedauerlicherweise werden Ausbildung und Bildung bei uns immer alternativ gesehen. Das halte ich für groben Unfug. Das ist schon eine schwere Denkbehinderung. Selbstverständlich geht es um Bildung, um die Heranbildung von Menschen, die in der Lage sind, nicht nur wiederzugeben, was andere gesagt haben, sondern sich auch ihre eigenen Gedanken machen können. Aber ohne Ausbildung geht es auch nicht. Ich verstehe nicht, warum man in der öffentlichen Debatte ständig das eine gegen das andere ausspielt. Das Sich-selber-bilden funktioniert in Wahrheit doch nur dann, wenn ich Kompetenzen entwickele. Wenn ich allerdings nur das tue, dann werde ich unfähig, mich neuen Fragen zu stellen. Das scheint mir zur Zeit unser Problem im Ausbildungssektor. Wir vernachlässigen die Bildung. Nehmen Sie ein Beispiel: Eine Doktorandin hatte ein Buch durchzuarbeiten. Wir sprachen darüber. „Du weißt ja gar nichts“, sagte ich ihr. „Das kann ich doch alles bei Wikipedia nachschlagen“, war ihre Antwort. Darum geht es aber nicht beim Wissen von Tatsachen. Es geht darum, dass ich sie meinem Gehirn zuführe, damit das damit arbeiten kann. Die Kreativität, also das, was wir aus den Tatsachen machen, ist nicht im Internet. Sie ist in unseren Köpfen. Dort wird Wissen verknüpft, dort entstehen Assoziationen, Ideen. Die Vorstellung, man brauche nichts mehr im Kopf zu haben, weil man alles nachschlagen könne, ist falsch. Jedenfalls dann, wenn es einem nicht um die Reproduktion, sondern um die Produktion von Wissen geht.

Welche Tatsachen sollten gewusst werden?
Es gibt keinen Wissenskanon mehr, nichts muss man unbedingt wissen. Aber es gibt dann doch ein kanonisches Wissen. Das ist sozial definiert, das ist nicht immer und überall dasselbe. Manches fliegt hinaus, anderes kommt hinzu. Das ist ein nie stillstehender Prozess. Insofern wirklich kein Kanon. Natürlich kann ich nicht alles über die Welt wissen…

Schön wär’s…
Als Wissenschaftler erlebt man, dass man, je mehr man forscht, immer weniger weiß. Das ist meine Tragödie. Das ist existenziell. Dennoch: Wir brauchen so etwas wie eine Landkarte des Wissens. Gleichzeitig aber muss ich mich auf eine ganz spezielle Sache konzentrieren. Ich könnte von mir sagen: Ich gehöre zu den zehn, zwanzig Menschen auf der Welt, die am besten Bescheid wissen über die zeitliche Informationsverarbeitung im Gehirn. Da werden Sie sagen: Wen interessiert das schon! Aber darum geht es nicht. Es geht vielmehr darum, dass man sich um eine Sache wirklich bemüht, dass man den Ehrgeiz hat, der Beste zu sein. Die Erfahrungen, die man dabei macht, gehören mit zur Bildung. Darum sage ich meinen Studenten immer wieder: Ihr müsst versuchen die Besten zu sein. Auf einem ganz bestimmten Gebiet. Das klappt natürlich nicht immer. Meist gibt es irgendwo auf der Welt eine noch bessere Schäferhundtrainerin. Aber man muss sich so anstrengen, dass man das Beste aus sich herausholt und eine wirkliche Kompetenz erwirbt. Damit erwirbt man auch Selbstvertrauen und einen gewissen Stolz: Das kann ich; da macht mir keiner was vor.

Beste können doch immer nur ganz wenige sein.
Nein. Jeder hat etwas, das er ausbilden kann. Er muss sich ihm nur mit ganzer Seele widmen. Er muss sich hineinknien, muss sich Zeit nehmen, auch Zeit für Rückschläge. Er muss scheitern lernen. Das kann man nur, wenn man sich einer Aufgabe verschreibt. Welcher ist dabei – fast – gleichgültig. Man muss nicht unbedingt Weltmeister werden, aber man muss doch die Gewissheit haben: Das kann ich, darauf bin ich stolz. Es geht dabei nicht so sehr darum, andere auszustechen. Es geht darum, dass ich bereit bin, fähig bin, mich einer Sache ganz zu widmen.

Woher weiß man, was das für einen ist?
Es gibt kein Rezept. Man probiert dieses und jenes. Das eine passt, das andere passt nicht. Sehen Sie, ich war Institutsdirektor, Wissenschaftsmanager. Wenn ich nachts aufwachte, dachte ich über ein Problem am Institut nach. So darf es nicht sein. Wenn ich nachts aufwache, möchte ich über ein wissenschaftliches Problem nachdenken. Mein Gehirn soll sich nicht mit der Frage beschäftigen, wann wer wo welches Seminar abhält, sondern mit einem Forschungsproblem. Das ist meine Priorität. Andere haben andere Prioritäten. Man muss sie selbst herausfinden. Manchmal kommen Studenten zu mir und bitten mich um ein Thema für ihre Dissertation. Ich schicke die weg. Sie müssen schon selbst wissen, was sie herausfinden wollen.

Kann man erwarten, dass Menschen wissen, was sie können?
Sie müssen sich bemühen, es herauszufinden. Ich weiß, es gehört eine gewaltige Ichstärke dazu. Nicht nur, weil man seine eigenen Vorstellungen gegen die Ansprüche der anderen durchsetzen muss, sondern auch, weil man selbst ja gespalten ist. Man ist Forscher und man ist Machtmensch. Der steckt in jedem von uns. Wer sich einer Sache widmet, der verzichtet erst einmal auf Macht. Er konzentriert sich darauf, etwas zu wissen, etwas zu können. Das frisst Zeit und Energie. Die Versuchung, die dafür einzusetzen, Macht über andere zu haben, ist groß. Sich einer Sache zu widmen, dazu gehört auch Aggression. Sie fegen alle Einwände beiseite, die andere oder auch sie selbst gegen diese Konzentration auf die eine Sache haben. Sie müssen sich auch frei machen dafür. Das gehört dazu.

Und die Landkarte?
Die brauche ich. Sonst bin ich nichts als ein Spezialist. Die Konzentration auf die eine Sache lehrt mich nicht, die Perspektive des anderen einzunehmen. Darauf kommt es aber an. Nicht nur aus gesellschaftspolitischen, sozialen, kommunikationstechnischen Gründen. Sondern es dient auch der Wahrheitsfindung. Die Perspektive eines anderen einnehmen zu können, ist das Grundprinzip der Bildung. Darum geht es. Genau daran aber fehlt es bei uns. Nicht nur in der Politik. In fast allen Bereichen fehlt es uns daran. Die eigene Position kann ich nur dann erkennen, wenn ich sie verorten kann. Ich brauche also eine Landkarte, die mir ihre nähere und fernere Umgebung zeigt, die mir meine Beziehungen, meine Abhängigkeiten vor Augen führt. Dann erst kann ich sinnvoll agieren.

Das eigene Spezialistentum, die eigene Position wird dadurch relativiert?
Sie wird in Beziehung gesetzt, in Frage gestellt, wenn ich mit den anderen Spezialisten, mit den anderen politischen Positionen auf Augenhöhe kommuniziere. Darum geht es. Es geht um Respekt. Nicht um Toleranz. Toleranz geht immer von oben nach unten. Ich muss ablassen von dem Anspruch, den mir mein Weltmeister-Stolz einzugeben droht, im Besitz der absoluten Wahrheit zu sein.

Diese Landkarte hat viele, viele weiße Flecken?
Hier liegt das größte Versagen von Schule und Universität, ja unserer ganzen politischen Klasse. Es sollte in den Schulen wenigstens ein Rahmen möglichen Wissens vorgegeben sein. Der sollte jedem vermittelt werden. Wenn wir heute über Bildung sprechen, reden wir meist mit Geisteswissenschaftlern und es geht nur um deren Perspektive. Das halte ich für unerträglich. Natürlich muss jeder Grundwissen in Ökologie, Physik, Evolutionsbiologie haben. Es müssen an den Schulen Grundprinzipien vermittelt werden, darüber wie wir geprägt sind. Wir sind Produkte eines evolutionären Prozesses, wir sind eingebunden in einen bestimmten geographischen kulturellen Kontext. Aber es gibt auch anthropologische Universalien. Über all das werden wir in den Schulen, in den Universitäten nicht belehrt.

Was gehört zu diesem Wissen?
Wir müssen aufklären darüber, woher wir kommen. Naturgeschichtlich und historisch. Ich bin seit sieben Jahren Berater der Regierung von Dubai für das Bildungssystem. Ich habe feststellen müssen, dass man dort nichts weiß über die islamische Geschichte. Wenn ich von Al Farabi erzähle, dem muslimischen Philosophen, der aus Kasachstan kommend im frühen 10. Jahrhundert in Damaskus starb, der als erster nachantiker Autor mit seinem „Buch der Klassifikation der Wissenschaften“ so etwas wie eine Summa, eine Landkarte des möglichen Wissens entwarf, dann ernte ich erstaunte Blicke. Sie wissen einfach zu wenig über ihre eigene Kultur. Bei uns droht es ähnlich zu werden.

Interview: Arno Widmann

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