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„Wir müssen auch dahin, wo es weh tut“

Die Bundeszentrale für politische Bildung verteilt nicht nur Broschüren, sie interveniert auch in selten betretenen Räumen. Leiter Thomas Krüger über richtige Fragen, über „Entzündbare“ und über den „Beutelsbacher Konsens“.

Jugendliche Muslime
Fastenbrechen in Worms, 2018. „Der Islam hat ja vor 2001 fast keine Rolle in unserer Arbeit und in der deutschen Öffentlichkeit gespielt“, sagt Thomas Krüger. Foto: epd

Herr Krüger, 1952 wurde in Bonn die „Bundeszentrale für Heimatdienst“ gegründet. 1963 wurde sie umbenannt in Bundeszentrale für politische Bildung. Seit dem 14. März 2018 haben wir ein Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat. Was halten Sie davon?
Na, wir passen zu diesem Ministerium wie der Deckel auf den Eimer. Minister Seehofer hat in einer großen Tageszeitung vor zwei Monaten geschrieben, „dass die in Deutschland lebenden Menschen aus anderen Regionen und Kulturen der Welt selbstverständlich ein Teil dieses Landes sind“.

Ich erinnere mich noch gut daran, als ich 2000 das Amt des Präsidenten der bpb übernehmen sollte. Da stand im Erlass, die Bundeszentrale habe politische Bildung für das deutsche Volk zu organisieren. Die Formulierung geht auf die Nachkriegszeit zurück, in der sich ehemalige Nazis zu Demokraten mausern sollten. U.a. mit politischer Bildung. Aber so kann ein Erlass im Jahre 2000 nicht mehr aussehen. Deutschland war längst auf dem Weg zu einer Einwanderungsgesellschaft, also haben wir damals den Erlass geändert und aus dem „deutschen Volk“ die „Bevölkerung in Deutschland“ gemacht. Politische Bildung ist eben keine exklusive ethnodeutsche Veranstaltung, die Bundeszentrale wird von Steuermitteln finanziert und wendet sich darum an alle in der Bundesrepublik lebenden Menschen.

Im Jahre 2000 übernimmt der Ossi die Aufgabe, die Bundesbürger über ihre Demokratie aufzuklären. War das ein Problem für Sie?
Überhaupt nicht. Etwas merkwürdig fand ich nur, dass sich zehn Jahre nach der Deutschen Einheit die Anzahl der Ostdeutschen in der rheinischen Behörde in Bonn verdoppelt hatte. Von 1 auf 2... Aber ich hatte ja 1990 schon als Stadtrat für Inneres gearbeitet ohne auch nur die mindeste Ahnung etwa von Polizeirecht zu haben.

Und für meine Aufgabe als Berliner Jugendsenator war meine Ausbildung als Plast- und Elastfacharbeiter auch eher weniger nützlich. Ich war für keines meiner Ämter ausgebildet worden. Das ist aber auch wirklich nicht das Problem. Wenn Sie eine Behörde leiten, kommt es darauf an, die im Haus vorhandene Expertise bestmöglich zu nutzen und sie mit den Fähigkeiten politischer Kommunikation zu verknüpfen.

Auch bei politischer Bildung?
Darauf war ich bestens vorbereitet. Wir nannten das im Osten damals „Lese-“ oder „Diskussionskreise“. Das waren selbst organisierte Zirkel, in denen wir lasen, was nicht auf der Agenda des FDJ-Studienjahres stand. Also zum Beispiel Kropotkin auf russisch oder Foucault, Bourdieu und Baudrillard, die wir aus den aus Westberlin eingeschleusten Merve-Bänden kannten. Seit damals ist mir klar: Politische Bildung ist kein Lehrstoff, der weitergegeben, auswendig gelernt und abgefragt wird. Politische Bildung entsteht in der kontroversen Auseinandersetzung, in der Debatte.

Die Aufgabenstellung der Bundeszentrale hat sich, seit Sie anfingen, deutlich verändert. 2001 war sicher ein wichtiger Einschnitt.
Die Anschläge vom 11. September haben den Fokus auf globale Fragestellungen gelenkt. Spätestens da wurde deutlich, dass neben den Wissenshegemonien von Ost und West ganz andere Perspektiven existieren, die wir in der Frontstellung des Kalten Krieges ausgeblendet hatten. Außerdem: Deutschland war – und ist immer mehr – eine Einwanderungsgesellschaft. Darum mussten wir völlig neu mit Wissen umgehen, um unserem Prinzip, dass wir nicht Meinungen vorgeben, sondern Meinungsbildung ermöglichen, gerecht zu werden. Es ging darum, Neugierde zu wecken. Der Bundeszentrale muss es immer darum gehen, gegenwärtig relevante Themen anzufassen. Nicht allein im Sinne einer durch parlamentarische Mehrheiten gebildeten Regierung – dafür gibt es das Bundespresseamt –, sondern in einem pluralen Geist. Wir verbreiten nicht eine bestimmte Meinung, sondern wir stellen Quellen und Material bereit, das es jedem ermöglicht, sich eine eigene Meinung zu bilden.

Auch zum Beispiel über die Bedeutung des längst vergangenen Kolonialismus?
Auf jeden Fall. In Deutschland wird so getan, als hätten wir damit fast nichts zu tun, als betreffe das nur die Geschichte zwischen Reichsgründung 1871 und dem Ende des Kaiserreichs 1918. Aber es gab einen deutschen vorstaatlichen Kolonialismus nicht nur seitens einzelner deutscher Teilstaaten, sondern auch einen privaten. Die Augsburger Welser zum Beispiel haben schon im 16. Jahrhundert kräftig zur Finanzierung des transatlantischen Sklavenhandels beigetragen. Sie erhielten die Statthalterschaft über Venezuela. Der deutsche Kolonialismus wird in unserem Land leider verharmlost und oft systematisch ausgeblendet. Auch weil er von der alles dominierenden Rolle des Holocaust, der seine prägende Rolle natürlich nicht einbüßen darf, wie versiegelt wird.

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