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Widersprüche jeglicher Art Schönes Holpern der Sprache

Der Kroate Delimir Rešicki bedichtet die metaphysische Heimatlosigkeit Mitteleuropas.

25.07.2008 00:07
MARICA BODROžIC

Wenn in fast jeder Erzählung ein Revolver vorkommt, dann muss man sich erstens fragen, ob damit bald geschossen wird, und zweitens, ob es hilfreich sein kann, wenn einer seine Texte den ganz Großen wie Vladimir Nabokov oder Roland Barthes widmet. Beide sind eigene Kaliber und an sich sprachliche Waffen, mit denen Welt erobert und beschrieben wurde. Doch mühelos vereint der kroatische Schriftsteller und Dichter Delimir Rešicki Widersprüche jeglicher Art.

Er ist Melancholiker und unerschütterbar in seiner Beharrlichkeit, der Trauer eine literarische Form zu geben, in der Destruktion und Perversion einen gleichberechtigten Platz einnehmen. Aber auch das wäre zu knapp, zu vermessen, wollte man ihn, der sich mit jeder Erzählung, mit jedem Gedicht dem Leser kaleidoskopisch entzieht, darauf reduzieren.

Seine poetische Verwandtschaftstopographie reicht von Julio Cortazar bis Danilo Kiš. Und wie Kiš und Aleksandar Tišma ist er in einer mehrsprachigen Gegend zur Welt gekommen, in der man einst an nur einem Tag bis zu zehn Sprachen hören konnte. Delimir Rešicki ist 1960 in Osjek geboren, einer Stadt im Nordosten Kroatiens.

Auch wenn dieser Schriftsteller an die geistigen Kräfte des alten Mitteleuropa nicht mehr glauben mag, er wird doch von ihnen bestimmt. Und in der Manier jener gottgleichen Größen - wie beispielsweise Miroslav Krleža einer war und den hierzulande, der Name ist bestimmt schuld!, leider fast niemand kennt - durchsetzt er seine Texte mit Sprach-Fährten und Denk-Finessen, die dem Leser die Kenntnis des Denkens und der Literatur des 20. Jahrhunderts abverlangen. Oder ist das nur ein Trick, ruft er nicht doch unter der Hand die Geilen und Ungebildeten auf den Plan?

Denn wer hat schon keine Lust? Also ist es vielleicht sogar besser, sich zu den Ungebildeten zu zählen, wenn man diesen ungewöhnlichen Autor lesen will! Dann ist es gleichgültig, dass er seine Arbeiten Nabokov und Barthes zueignet; was zählt, sind die polyphonen Phantasien, zersetzte Biographien im Auslaufmodell "Sozialismus mit menschlichem Antlitz", und der Wunsch, die Welt doch irgendwie zu berühren, mit was?

Am besten mit Musik, und diese spielt hier, wie es typisch für die achtziger Jahre im einstigen Jugoslawien war, eine genauso große Rolle wie die Literatur. Deshalb gibt es bei Rešicki Gedichte, die den Titel "Glückliche Straßen" tragen, und Bücher wie etwa das leider noch nicht ins Deutsche übersetzte "Armenhaus für Gespenster", denen ein Motto von Don McLean vorangestellt ist, und da heißt es an einer Stelle: "There's no need for turning back‚ cause all roads lead to where I stand."

Das Motto kann natürlich nur einem Melancholiker einfallen, aber einem, der die Ironie genauso braucht wie den Regen oder den Winter, um sich auf den Sommer zu freuen. Diese Freude ist bei Delimir Rešicki in lyrische Form gegossene Sehnsucht, wie wir sie aus den Büchern der russischen Symbolisten kennen und - natürlich reicht das bei Rešicki nicht aus - aus dem Gesang des Fado, bei dem man ja auch gleichzeitig sterben und leben möchte, um sich auf beiden Seiten gleich echt zu fühlen.

Seine literarischen Figuren sind Bewohner einer Landschaft, in der auch die somnambulste Bemerkung ins Handfeste und Wirklichkeitstaugliche gewendet wird. Der Krieg formt ihre Erfahrungswelt, und vor diesem Hintergrund bekommen Liebesgeschichten, Trennungen, phantasierter, onanierter und geteilter Sex eine existentielle Dimension. Dabei geht dieser Schriftsteller mit der Behutsamkeit eines zärtlichen Geographen vor, selbst dann, wenn er das Hässliche und Abartige beschreibt oder uns an der merkwürdigen Eigenart einer seiner Figuren teilhaben lässt, der sich an jedem 21. des Monats schminkt und in den Spiegel starrt, um sich auf diese Art die Erinnerung an eine im Nichts verschwundene Geliebte zu erhalten.

Zwangsläufig findet Rešicki in seinen lyrischen Arbeiten zu Arrythmien; fast scheint er das Stolpern und das Ausloten der irgendwann abhanden gekommenen Wirklichkeit zu brauchen. Berührend ist die lyrische Recherche nach seinen Wurzeln, aber auch die Anhänglichkeit an einen Autor wie Bruno Schulz.

Diese fast familiär wirkende Verbundenheit hat biographische Gründe. Rešicki hat seinen Gedichtband "Arrythmie" seiner Familie gewidmet, nicht etwa der jetzigen, greifbaren; gemeint ist eigentlich sein Ursprung, die lange zurückliegende Reise seiner Vorfahren von Danzig über die Baranja nach Osjek. Und auch hier, in diesem flirrend-singenden poetischen Kosmos aus Städten, Ländern, Landschaften und Menschen, kommt der Autor nicht ohne jene Brüche aus, die wie zerbrochene Spiegel wirken.

Rešicki braucht die Gegensätze wie Durstige das Wasser brauchen. Polen und die Sängerin Nico: Und wieder leuchtet uns dieser Gegensatzraum entgegen. Freilich geht es hier nicht allzu romantisch zu - Nico hatte zwar eine tiefe, an mittelalterliche Gesänge erinnernde Stimme, aber sie war auch ein Junkie, dem der größere Teil von Rešickis Huldigung gilt.

Es ist am Ende immer ein Besingen der metaphysischen Heimatlosigkeit, die Rešicki sich vornimmt, und er ist dabei, ob er das will oder nicht, ein durchweg glaubwürdiger Mitteleuropäer, der sich hinter Derrida, Zižek, Lacan und Freud verschanzt, damit wir nicht bemerken, wie tief seine Trauer ist.

Delimir Rešicki erhält am morgigen Samstag den Hubert-Burda-Preis für junge osteuropäische Lyrik.

Delimir Rešicki:

Arrythmie. Gedichte. Aus dem Kroatischen von Alida Bremer. Edition Korrespondenzen. Wien 2008, zweisprachige Ausgabe, 181 Seiten, 18,90 Euro

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