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Werkschau Gerhard Richter - Auf dem Olymp

Ab Sonntag ist in der Neuen Nationalgalerie die große Werkschau des 80-jährigen Malers geöffnet.

Zum Witzeln aufgelegt: Gerhard Richter Freitagmittag beim Presse-Ritual. Foto: Paulus Ponizak

Geht’s eigentlich noch höher für einen, den alle Welt den „Picasso des 21. Jahrhunderts“ nennt, der wie Gold gefragte und bezahlte Bilder malt, die sich kaum beschreiben lassen? Bilder, die, wie er es will, dem „Nichts“ zustreben, die kaum oder gar nichts mehr erzählen, die nur noch andeuten, was sich nicht mehr auffinden und nicht anfassen lässt: Landschaft, Himmel, Erde, Wasser, Blumen, Frauen, Kinder, Kriegsflugzeuge, Autos, RAF-Terroristen, Nazis und deren Opfer in der eigenen Familie. Auch Banales: Stuhl. Tisch, Klopapier.

Dieser Maler malt Bilder, übermalt Fotos, denen er die Illusion genommen hat, sie wollen nur noch Gedanken erzeugen. Sie wollen sagen, dass es das alles so nicht gibt, es soll aber so aussehen, als gäbe es das. Ziemlich paradox. Aber der Maler, den diese Berliner Schau feiert, hat es nicht so mit der realen Welt, sondern mehr mit der Erfahrung der Realität. Und mit der Wiedererkennung. Er will durch Kunst dem Transzendenten so nahe wie möglich kommen. Dafür reißt er seine Bildgründe auf, schabt Schichten weg, überzieht Flächen mit dem Rakel. Oder er schichtet vier, auch elf Glasscheiben hintereinander, verschwommen spiegelt sich darin der Betrachter. Das versteht dieser Künstler unter Perfektion: Er er- schafft das Wiedererkennbare, jedoch Unnahbare.

Die Neue Nationalgalerie, der Mies-van-der-Rohe-Bau mit seiner gläsernen Oberhalle ist – gleichsam olympischer – Sehnsuchtsort so vieler Künstler in der Welt. Die wenigsten gelangen mit ihrer Kunst hinein. Der aus Dresden stammende, in Köln lebende Maler Gerhard Richter indes ist jemand, den man inniglichst bittet, hier auszustellen. Der 80. Geburtstag (siehe Berlienr Zetung vom 9. Februar) dieses Virtuosen aller malerischen Klassen des Abstrakten und Foto-Realistischen, des Expressiven, Romantischen und Geometrischen gab den Anlass. Richter betitelt seine am Sonntag fürs Publikum öffnende Retrospektive „Panorama“. Das bedeutet im Griechischen „alles sehen“ und wird hierzulande eher als Rund-Um-Sicht über 360 Grad verstanden.

Gebaut ist die spektakuläre Werkschau freilich eher geometrisch, was in dem Glaskubus ja auch gar nicht anders möglich ist. Wir haben es also mit einem Paradoxon zu tun, einem eckigen Panorama, an dessen hohen weißen Außenwänden 196 kleine geometrische Lack-Farbfeld-Tafeln, jede einzelne zusammengesetzt aus je 25 farbigen Einzelquadraten in Violett, Blau, Moosgrün, Pink, Orange und Gelb umlaufen: der Zyklus „4900 Farben“ von 2007. Eine Parade perfektester Abstraktion – und Reduktion. Und ein Zeugnis von Richters Beschäftigung mit dem Phänomen Zufall. Da, wo die Scheiben durch die Winterkälte nicht beschlagen sind, zieht einen das Farbband von außen magnetisch hinein ins Innere der großräumig-offenen Ausstellungsarchitektur mit 130 Gemälden und fünf Skulpturen.

Der Nationalgalerie-Chef Udo Kittelmann und seine Co-Kuratorin Dorothèe Brill setzten auf strenge Chronologie bei gleichzeitiger Betonung von Veränderung und Wiederholung, den Wechsel von Abstraktem und Figurativem, auf die Vermittlung der Richter-spezifischen „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“. Nie, das besagen die Bilddialoge, Entsprechungen und saugenden Blickachsen, malt Richter nur expressiv abstrakt oder nur gegenständlich, nur verunklarend oder nahezu vergeistigt geometrisch.

Bei ihm passiert alles parallel, gleichwohl sehr langsam; es kann sein, dass er für eine Tafel fünf Jahre braucht. Und dann gibt er so eine Auskunft darüber: „Die tödliche Realität, die unmenschliche Realität. Unsere Auflehnung. Ohnmacht. Scheitern. Tod. – Deshalb male ich diese Bilder“.

Freitagmittag suchte Gerhard Richter bei der Pressevorstellung rasch das Weite und ließ die Leute allein mit seinen Bildern, in denen er austestet und der Welt beweist, „was Malerei überhaupt noch kann.“ Kurz davor hatte der scheue, vom Blitzlichtgewitter Bedrängte wieder einmal wissen lassen, dass er nicht bloß beim Malen Perfektionist ist, sondern auch im Umgang mit dem Ritual des Öffentlichen. Zum Thema Kunstmarkt werde er nichts sagen. Und ja, dass er so gefeiert werde, versetze ihn in einen Gefühlszustand zwischen peinlich und genüsslich. Auf die Frage, was nun, nach diesem Triumph seiner Schaffenskraft noch kommen werde, witzelt Richter, er habe vor, nur noch „ganz kleine Bilder zu malen“.´

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