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Weltuntergang „Alles steht klar vor unseren Augen“

Historiker Johannes Fried über Konjunkturen des Weltuntergangs und einen nüchternen Blick auf die Gegenwart.

Johannes Fried
Johannes Fried, Historiker. Foto: Andreas Arnold

Professor Fried, sind Russlands Präsident Wladimir Putin und US-Präsident Donald Trump typische Inkarnationen des Antichristen, wie sie oft dargestellt werden?
Nein, natürlich nicht. Das sind Menschen, keine überirdischen Wesen, Menschen mit menschlichen Zielen und Hoffnungen.

Luther hat ja auch in einem Menschen den Antichristen gesehen, genauer: im Papst.
Ja, ja. Das war religiöse Propaganda. Aber das ist nicht einmal politische Propaganda, Putin und Trump als Antichristen zu bezeichnen.

Sind Trump und Putin Stifter des Chaos?
Es ist zu früh, das zu sagen. Natürlich sind manche Äußerungen politisch problematisch. Man mag Trump nicht zustimmen, manchmal mag man ihm auch nicht zuhören, obwohl gerade das zwingend notwendig wäre, denn was dabei herauskommt, kann gefährlich sein. Trump ist ja sowohl im Innenpolitischen als auch im Außenpolitischen völlig unbedarft, also völlig angewiesen auf seine Berater.

Und Putin?
Er ist ein gezielt operierender Machtpolitiker, der das Ziel hat, Russlands Größe wiederherzustellen. Das kann man ihm nicht verdenken, so lange wir nationalistisch denken.

Denken wir nationalistisch?
Das ist in der Welt leider weit verbreitet. Man kann es in der Europapolitik beobachten. Die kleinen Staaten denken alle nationalistisch, die Bundesrepublik fängt in manchen ihrer politischen Äußerungen genauso an. Das halte ich für gefährlich. Immer wenn der Nationalismus so hochkochte, kam es zu Kriegen.

Der Saum hat schon angefangen zu brennen, wenn wir auf Afrika und Syrien blicken. Ist das schon ein Grund, an apokalyptische Zeiten zu denken?
Apokalypse heißt Offenbarung, Enthüllung. Was sich da abspielt, ist keine bevorstehende Enthüllung, sondern steht jetzt klar vor unseren Augen. Was daraus wird, kann keiner sagen, ein Historiker am wenigsten, der ist schon gar kein Prophet.

Ist unsere Gegenwart im historischen Vergleich eine Zeit, in der man starke apokalyptische Vorstellungen hat?
Natürlich kann man von Kriegsgeplänkel, Kriegsgeschrei auf größere Kriege schließen. Etwa von der Marokko-Krise 1912 oder der Balkan-Krise, sie waren ja Vorboten des Weltkriegs. Dazu bedarf es auch der politischen Konstellation unter den Staaten. Der Vordere Orient ist ein großer Konfliktherd, er kann sich auswachsen. Aber es kann auch sein, dass dies nicht eintritt, was wir alle hoffen. Apokalyptisch würde ich das nicht nennen, es wäre eine fehlerhafte Begriffsverwendung, die eigentlich einen religiösen Kontext hat und keinen politischen.

Gab es denn Phasen in der Geschichte, in denen Weltuntergangsvorstellungen vorherrschten?
Die Weltuntergangserwartung ging rauf und runter. Es gab Phasen, in denen sie präsenter war, weil man glaubte, dass der Weltuntergang näher bevorsteht. Und es gab Phasen, in denen man sich nicht sehr darum gekümmert hat in den letzten 2000 Jahren.

Wann gab es besonders starke Phasen?
Um 800 ist eine solche Phase. Man spricht nicht direkt vom Weltuntergang. Die Zeit sei jetzt erfüllt, heißt es: die Zeit der 6000 Jahre, die für die Welt vorgesehen sei. Dann wiederum gibt es eine Zeit um 1000, das hängt mit einer Wendung in der Offenbarung des Johannes zusammen. Nach 1000 Jahren soll der Antichrist, der Teufel, der gefangen wurde, wieder frei sein. Und wir haben tatsächlich Texte aus dieser Zeit, dass 999 Jahre nach Christi Geburt der Antichrist kommt. Um 1100 gibt es einen Bischof, der behauptet, der Antichrist sei geboren. Das gibt es immer wieder. Joachim von Fiore errechnet um 1200, dass der Antichrist um 1264 erscheinen wird. Auch Luther hat an Derartiges geglaubt. Für mich ist immer faszinierend, dass Isaac Newton, der große Physiker, ein Apokalyptiker, ein Eschatologe war. Er machte deutlich, welche Phase in der Weltgeschichte herrschte, gab allerdings keine Prognose ab.

Ist das Weltuntergangsdenken ein Spezifikum der Christen oder findet es sich auch bei anderen?
Wir haben in der jüdischen Tradition nur die Prognostik, sie führt zum großen Tag des Herrn, ein Strafgericht, aber nicht zum Weltuntergang. Diese Position hat der Islam aufgegriffen. Im Koran heißt es immer nur: die Stunde. Wann sie schlägt, weiß nur Allah. Auch dort gibt es keine Vorstellung vom Weltuntergang. Wohl aber gibt es dort, wie im Christentum auch, die Endschlacht zwischen Gut und Böse. In der Apokalypse ist es nur angedeutet, stattfindend bei Armageddon, einem Ort, den man nicht identifizieren kann. Der Islam hat eine entsprechende Vorstellung von der Endschlacht aufgegriffen. Wenn man dies politisch aktualisiert, findet man beim Islamischen Staat entsprechende Vorstellungen. Dass der Teufel, die Gegenmacht von Allah, von den Amerikanern verkörpert wird, und im Vorderen Orient zur Endschlacht gegen die Truppen des „Guten“, sprich IS, angetreten ist.

Auch beim Klimawandel haben wir das Endzeitdenken.
Das sind Trends aus der westlichen Welt, derartige Phänomene mit dem Weltuntergang in Verbindung zu bringen. Sie finden Derartiges nicht in China, im Taoismus, Buddhismus, nicht einmal im Islam. Es ist eine typisch christlich-westliche Angelegenheit. Das gilt auch für die Kosmologie, sie kommt aus dem Westen. Die Chinesen haben eine uralte Astronomie, aber vom Weltuntergang oder von Katastrophen für die Welt ist keine Rede.

Hat das Weltuntergangs-Denken eigentlich auch eine fördernde Seite gehabt?
Es liegt fast auf der Hand. In den Evangelien, insbesondere Matthäus, Kapitel 24, ist die sogenannte kleine Apokalypse angesprochen. Hier werden Zeichen genannt, die dem Weltuntergang unmittelbar vorausgehen. Diese Zeichen, schwere Stürme, Erdbeben, Hunger, Trockenheit, Seuchen, sind in der realen Geschichte immer wieder anzutreffen. Seit dem 11. Jahrhundert kam die Astrologie dazu. Man lernte, mit den Planeten umzugehen, die Bahnen vorauszuberechnen. Mathematische Formeln traten hinzu. All das hat einen Zug der Verwissenschaftlichung in die Gesellschaft gebracht. Ein wichtiger Beitrag zum Weg in die moderne Naturwissenschaft.

Interview: Michael Hesse

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